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VERKEHR: Im Bus von »Mercedes« schneller zur Arbeit

Havannas Bürger kommen dank deutscher Wertarbeit wieder pünktlich zur Arbeit und an den Strand. Das Nahverkehrssystem hat weiter große Schwächen.

Einige hundert Busse mit der Aufschrift »Mercedes Benz« sorgen dafür, dass Havannas Bürger wieder pünktlicher zur Arbeit kommen. Die Fahrzeuge werden auf Kuba vor den Toren der Hauptstadt zusammengebaut, mit Teilen und Know How aus Brasilien und Deutschland. Das Nahverkehrssystem auf der Insel hat weiter große Schwachstellen. Die Zeiten, dass Hauptstädter wegen ausgefallener Buslinien und schrottreifer Vehikel viel zu spät oder gar nicht zur Arbeit kommen, sind aber vorbei.

Ein Bus pro Arbeitstag

Die Zusammenarbeit funktioniert gut, sagte Konrad F. Hieber. »Inzwischen wird an jedem Arbeitstag ein neuer Bus fertig.« Der 63-Jährige Autoexperte aus Schwaben arbeitete fast vier Jahrzehnte im Ausland, die letzten Jahre bis zum Sommer 2001 als Geschäftsführer für die Niederlassung in Havanna. Der gebürtige Stuttgarter bestätigte rückblickend, dass ein Geschäftsmann in Kuba »auch diplomatisches Gespür und vor allem Detailkenntnisse über die Lage im Lande benötigt«.

Verschwiegenes Geschäft mit Fidel

Die Niederlassung ist firmenrechtlich keine Tochter von DaimlerChrysler. Eigentümer sind Unternehmen aus Kuba und Ägypten, die als »MCV Comercial S.A« firmieren. In Kuba darf der Auslandsanteil in der Regel höchstens 50 Prozent betragen. Es gibt aber einige Ausnahmen. Geschäfte mit Fidel Castros Reich werden von den mit den USA befreundeten Ländern nicht an die große Glocke gehängt. Der »großen Bruder«, der seine Wirtschaftsblockade gegen das sozialistische Land aufrecht erhält, soll nicht verärgert werden.

Am Anfang war die Zuckerindustrie

Auf der ruhigen Straße vor dem kleinen Anwesen mit dem Stern, das in Havannas gepflegtem Viertel Miramar liegt, stehen etliche blitzblanke Fahrzeuge zur Auslieferung und Abholung bereit. Begonnen hatten die geschäftlichen Beziehungen im Jahre 1913. »J. F. Berndes & Co, New Queen's Road« firmierte die erste Vertretung der Daimler- Motoren-Gesellschaft. Sie verkaufte auch Antriebsmaschinen für die Zuckerindustrie. So steht es im Archiv von DaimlerChrysler. Der Neustart der Geschäfte mit den Stuttgartern begann 1995 ebenfalls mit Motoren für Zuckerrohr-Erntemaschinen. Die Vertretung in Miramar ist heute auch für in Lizenz gefertigte Dieselmotoren, diverse Nutzfahrzeuge und die wenigen Limousinen mit dem Stern auf der Insel zuständig. Vor dem Hotel Nacional im Zentrum der Hauptstadt sind etwa 30 Mercedes-Taxis im Einsatz.

Busimperium wächst

Ende der achtziger Jahre rollten noch etwa 2.000 Busse durch Havannas Straßen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und während Kubas großer Wirtschaftskrise schrumpfte der Bestand auf knapp 600. Heute sollen wieder gut tausend Busse durch die Zwei-Millionen-Stadt fahren, Tendenz täglich steigend. Allein gut 500 Stadtbusse, in denen Know How aus Alemania steckt, wurden seit 1998 ausgeliefert, außerdem 150 neue Touristenbusse.

Erschwingliches Vergnügen

»Die neuen Busse sind wirklich gut, die scheppern und knattern nicht so wie viele andere Fahrzeuge«, meint der 12jährige Pablo fachmännisch. Er ist an diesem Nachmittag mit seiner Mutter auf dem Weg zum Strand. An der Rückfront des Busses steht »Mercedes Benz« in recht kleinen Buchstaben. Die einstündige Fahrt von Havannas Zentrum kostet für Erwachsene 40 Centavos, etwa fünf Pfennige, eines der wenigen preiswerten Vergnügen im Lande. Ein Verkäufer verdient zwischen 20 und 30 DM im Monat. Die Kubaner hoffen, dass schnell weitere Busse vom Band rollen. Denn gerade am Wochenende und im Berufsverkehr gehören längere Wartzeiten an den Haltestellen noch zum Alltag.

Bernd Kubisch