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Vorwurf der Ausbeutung Apple am Pranger

Unfälle, Werksexplosionen, Selbsttötungen: Apple steht wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen seiner chinesischen Auftragsfertiger am Pranger - stellvertretend für die gesamte Branche.
Von Nora Schlüter und Helene Laube, San Francisco

Als Apple kürzlich erneut einen Bericht über die Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern veröffentlichte, ahnte Konzernchef Tim Cook, dass das Thema den Konzern weiter verfolgen würde. "Wir haben noch nicht so viel gemacht, wie wir könnten", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Es bleibt einiges zu tun."

Darunter droht zunehmend das Image des erfolgreichen Computerkonzerns zu leiden. Besonders in den USA kocht derzeit die Empörung hoch. In der Kritik stehen vor allem Betreiber chinesischer Fabriken, denen vorgeworfen wird, Arbeiter zwecks Kostensenkung und Produktionssteigerung auszubeuten und Sicherheitsmaßnahmen schleifen zu lassen. In einem aktuellen Artikel der "New York Times" unterstellen mehrere Insider Apple, dass der Konzern zugunsten des eigenen Profits einiges durchgehen lasse.

"Wenn man das gleiche Muster an Problemen sieht, Jahr um Jahr, bedeutet es, dass das Unternehmen das Problem ignoriert, anstatt es zu lösen", zitiert die Zeitung einen ehemaligen Apple-Manager. "Würden wir es ernst meinen, würden diese Verstöße verschwinden." Dabei schadet jedes Unglück bei einem chinesischen Zulieferer Apples Image. Jeder Selbstmord, jede Explosion und jeder Chemieunfall sorgen für negative Schlagzeilen.

Apple muss handeln, will es nicht Schaden nehmen

"Früher hat es nur die Aktionäre interessiert, was ein Unternehmen macht", sagte Joachim Schwalbach, Markenexperte und Wirtschaftsprofessor an der Berliner Humboldt-Universität. "Inzwischen interessiert es auch die Konsumenten, die Mitarbeiter, die Zivilgesellschaft." Bemühe sich Apple nicht ernsthaft um bessere Bedingungen bei den Lieferanten, werde dieses Verhalten dem Konzern schaden. "Da reicht es dann nicht mehr aus, schöne Produkte anzubieten", so Schwalbach.

Mit den in den vergangenen Monaten wieder zunehmenden Berichten über die Missstände fordern auch Arbeits- und Menschenrechtskämpfer von Unternehmen und Konsumenten mehr Einsatz für soziale Gerechtigkeit - nicht nur in chinesischen Betrieben. Studenten der renommierten Duke University, wo auch Apple-Chef Cook studiert hat, veröffentlichten einen offenen Brief und ein Video auf Facebook, in dem sie von Cook eine Garantie für "konfliktfreie" Produkte fordern.

Nike und der Zorn der Verbraucher

Auch andere Elektronikkonzerne wie Hewlett-Packard, Dell oder Microsoft lassen ihre Produkte in den gigantischen Fabriken chinesischer und taiwanischer Auftragsfertiger bauen. Apple steht jedoch aus zwei Gründen unter besonderer Beobachtung: Zum einen zeichnete sich der Konzern bisher nicht durch übermäßige Transparenz aus, obwohl er als einer der Einzigen in seinen Berichten auch die zahlreichen Missstände auflistet. Gemeinsam mit dem aktuellen Bericht veröffentlichte Apple zum ersten Mal die Namen seiner Zulieferer; HP tat dies bereits im Jahre 2008. Zum anderen genießt kein zweiter Elektronikkonzern eine solche Aufmerksamkeit.

"Es werden nicht alle gegeißelt, sondern nur die namhaften Unternehmen", sagt Schwalbach. Als einer der ersten Konzerne bekam Nike in den 90er-Jahren den geballten Zorn der Verbraucher zu spüren. Berichte über schlechte Bezahlung und Kinderarbeit in südostasiatischen Fabriken führten zu zahlreichen Boykott-Aufrufen. 1998 beklagte Mitgründer Phil Knight: "Nikes Produkte sind zum Synonym für Sklavenlöhne, erzwungene Überstunden und willkürliche Misshandlungen geworden."

Die Textilindustrie hat bereits erfahren, welchen Preis sie für die billigsten Produktionsbedingungen zahlen muss - und strengt sich nun an. In der Organisation "Fair Labor Association" (FLA), die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen will, sind vor allem Bekleidungsunternehmen wie Nike, Adidas, H&M, Puma und S.Oliver vertreten. Apple als jüngstes Mitglied ist der einzige Technologiekonzern.

Ein Keks und Tee - dann begann die Zwölf-Stunden-Schicht

Apple verzichtet bei seinen Smartphones auf eine eigene Fertigung und steht damit im Vergleich zur Konkurrenz allein da. Das hat den Vorteil, dass die Kalifornier kosteneffizient arbeiten und sehr flexibel sind. In der "New York Times" erzählte ein Ex-Manager, wie Wochen vor der Markteinführung der Bildschirm eines neuen iPhones verändert wurde. Als die Displays kurz vor Mitternacht in der Fabrik ankamen, weckte ein Vorarbeiter die Angestellten. Sie bekamen einen Keks und Tee, dann begann eine Zwölf-Stunden-Schicht.

Zwischen Apple und dem weltgrößten Auftragsfertiger Foxconn besteht also eine gegenseitige Abhängigkeit. Um mit immer neuen Verkaufsrekorden aufzutrumpfen, ist Apple auf die enormen Kapazitäten von Foxconn angewiesen. Das gibt Apple die Macht, bessere Arbeitsbedingungen einzufordern.

Die weltgrößten Auftragsfertiger

  • Foxconn ist mit einem Umsatz von 71 Milliarden Euro der größte Zulieferer. Rund 1,2 Millionen Angestellte arbeiten im Auftrag von Kunden wie Apple, Acer, Intel, Microsoft, Sony und Nintendo.
  • Flextronics liefert unter anderem an Apple, Microsoft, HP und Dell. Im Geschäftsjahr 2010/11 macht der Konzern 20 Milliarden Euro Umsatz. Laut Fortune Global 500 Ranking hat Flextronics 165.000 Mitarbeiter weltweit
  • Pegatron zählt mit 7 Milliarden Euro Umsatz 2010 zu den Kleineren in der Branche und hat 90.000 Mitarbeiter vor allem in China. Pegatron produziert mehr als die Hälfte der Hauptplatinen weltweit, auch für iPhones und iPads.
  • Quanta Computer aus Taiwan hat große Kunden wie Apple, Acer, Dell, HP und Lenovo. Die 30.000 Mitarbeiter sind auf Notebooks spezialisiert. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 25 Milliarden Euro.
FTD

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