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Kommentar

VW-Skandal: Die Debatte um Manager-Boni ist irre

Bei VW streiten Manager, Betriebsräte, Landesregierung und Eigentümer um Gehälter und Boni. Währenddessen geht es vor Gericht um viel mehr: die Existenz des Konzerns.

Schlüssel eines alten VW-Käfer

Aufsichtsräte kritisieren ein vom Aufsichtsrat gebilligtes Vergütungssystem: VW kommt nicht aus den Schlagzeilen

Die Schlagzeilen sind verheerend: Seit Tagen füllen Berichte über die Bezahlung von Volkswagen-Managern die Titelseiten und das Internet. Die Vorstände pochen offenbar auf ihre Verträge, die üppige Boni vorsehen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der im VW-Aufsichtsrat sitzt, fordert angesichts der Diesel-Krise dagegen Verzicht. Betriebsratschef Bernd Osterloh, mit Blick auf die ausfallende Prämienzahlung der Mitarbeiter, ebenfalls.

Bisher konnte nur eine Einigung darüber erzielt werden, dass man sich einigen wird: Es soll zu einer "deutlichen Absenkung" der Zahlungen kommen. Zur Orientierung: "Normale" Vorstandsmitglieder verdienten zuletzt um die sieben Millionen Euro im Jahr. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn kam zeitweilig sogar auf rund 17 Millionen Euro.

Bei den Strafprozessen geht es um Milliarden

Klar, solche Gehälter sind kein Pappenstiel. Aber angesichts der drohenden Strafzahlungen von 45 Milliarden Euro allein im ersten großen Prozess in Kalifornien, bei dem der Richter schon am 21. April konkret werden will, sind das Nebensächlichkeiten. Dort spielt die Musik. Und erst wenn die Schuldfragen geklärt sind, lässt sich entscheiden, welche Boni an wen vielleicht sogar unrechtmäßig gezahlt worden sind. Aber das ist dann eine andere Debatte.

Klar, man gönnt Managern, die möglicherweise Verantwortung am Dieselskandal tragen, keine Prämien für vergangene Heldentaten. Insbesondere die Tatsache schmerzt, dass der irgendwie zurückgetretene, aber auch abgesetzte, jedenfalls seit vergangenem Herbst nicht mehr als Konzernchef arbeitende Martin Winterkorn weiter ein zweistelliges Millionengehalt bekommt.

Warum die Boni nicht einfach aufschieben?

Und klar: Politiker und Gewerkschafter müssen so etwas kritisieren, um nicht selbst angefeindet zu werden. Trotzdem sollten sie sich lieber um die aktuellen Diesel-Probleme kümmern: Offenbar ist noch immer kein Deal mit den US-Behörden ausgehandelt. Offenbar hakt es bei der technischen Lösung für die Millionen Schummel-Diesel auf den Straßen. Gerade erst wurde die Reparatur der betroffenen Passat-Modelle in Deutschland zurückgestellt.

Kümmern sollten sich aber auch die Manager selber, die für Gehaltsverhandlungen momentan einfach keine Zeit haben dürfen. Kann man in so einem Fall nicht erwarten, dass strittige Zahlungen im beiderseitigen Einvernehmen einfach aufgeschoben werden? Und die Entscheidung über ihre Rechtmäßigkeit bis zur Klärung des Skandals vertagt wird? Schließlich nagt ja keiner der Betroffenen am Hungertuch.

Das Vergütungssystem hat eine Logik

Die Aufregung ist aber auch aus anderem Grund überflüssig: Schließlich folgt die Vergütung der Manager wohl durchdachten Regeln. Sie setzt sich aus einem Grundgehalt (macht in guten Jahren nur zwischen 10 und 20 Prozent der Gesamtsumme aus), kurzfristigen Prämien (auf ein Jahr bezogen, kleinerer Teil) und längerfristigen Prämien (auf mehrere Jahre bezogen, größter Brocken) zusammen.

Die Gehälter sind besonders darauf ausgelegt, Managern auf lange Sicht Anreize für gutes Wirtschaften zu geben und hektische Gewinnoptimierer auszubremsen. Und das funktioniert jetzt halt genau anders herum: Ein schlechtes Jahr (der Skandal läuft nun mal erst seit Herbst 2015) verhagelt noch nicht das Gehalt. Der dicke Batzen langfristiger Prämien (rund die Hälfte des Gesamtgehalts) sinkt dadurch nur wenig. Allerdings wird sich die Kürzung auch in den nächsten Jahren fortsetzen, wenn Volkswagen, so hoffen alle Beteiligten, längst wieder Geld verdient. Selbst Rekordjahre haben dann erst mal noch keine Rekordgehälter zur Folge. Im Prinzip geht also alles mit rechten Dingen zu.

Der Aufsichtsrat jammert über den Aufsichtsrat

Ach ja: Und die als viel zu hoch empfundenen Millionen-Summen für das Management wurden übrigens von allen, die jetzt meckern, selber mit beschlossen. Genau wie das Vergütungssystem. Das eigentliche Problem hat also der Aufsichtsrat, der seine eigene Aufsicht offenbar gar nicht mehr so gut findet. Und da er momentan ja nicht das Tagesgeschäft mit all den juristischen Problemen führen muss, hätte er reichlich Zeit, sich über die angemessene Vergütung künftiger Volkswagen-Manager Gedanken zu machen.