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VW-Affäre: 5000 Mark pro Job?

Bereits vor fünf Jahren wusste die Polizei von Sexaffären bei VW. Ein Betriebsrat soll sogar Arbeitsplätze verkauft haben.

Fast täglich werden die Ermittler in der VW-Affäre um Tarnfirmen und Prostituierte von neuen Details überrascht. Dabei hatte die Polizei bereits vor fünf Jahren erste konkrete Hinweise auf dubiose Kontakte zwischen dem Rotlichtmilieu und VW-Repräsentanten. Bei den Braunschweiger Staatsanwälten, die dem VW-Skandal nachspüren, landeten jetzt entsprechende Akten aus den Jahren 2000 und 2001. Damals hatte die Polizei Hannover einen V-Mann in die örtliche Rotlichtszene eingeschleust.

Neben anderem lieferte der Spitzel mit dem Decknamen G06 auch Berichte über Sex- und Drogenexzesse bei VW. Im VW-Werk Hannover sollen damals sogar Arbeitsplätze gegen Schmiergeldzahlungen gehandelt worden sein. Im Mittelpunkt der V-Mann-Berichte standen der Bordellbetreiber Rene Graser aus Hannover und Bernd Reich, genannt Schorse, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates im VW-Werk Hannover, der vom Polizei-Informanten irrtümlich zum Chef der Arbeitnehmervertretung erhoben wurde.

Am 18. November 2000 berichtete der rührige Spitzel zum Beispiel von der Geburtstagsfeier eines Hannoveraner Zuhälters. Dabei soll Reich von Graser eine Uhr der Edelmarke Breitling im Wert von 32000 Mark erhalten haben. Bei einem Essen, zu dem Graser einen Monat später einlud, soll auch Reichs Ehefrau bedacht worden sein. Das Weihnachtsgeschenk: eine brillantbesetzte Cartier-Uhr.

Der V-Mann lieferte auch Gründe für die Verbundenheit des Bordellbetreibers mit dem Betriebsrat. Zum einen seien es gut bezahlte Sex-Treffen, die Graser für VW-Leute auf Unternehmenskosten organisierte. Deshalb ermittelt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft nun auch gegen Reich. Auch der Name von Klaus Volkert als "Kontaktperson" zu Graser fiel damals schon in den Polizeiakten. Volkert war bis zu seinem Rücktritt im Juni Chef des VW-Gesamtbetriebsrates und zählt zu den Hauptbeschuldigten der Affäre.

Zum anderen konnte man angeblich über Schorse Arbeitsplätze bei VW kaufen. In einem V-MannBericht vom November 2000 heißt es, Graser könne "Freunde" jederzeit bei VW unterbringen. Reich und einige andere Personen würden alles regeln. Für jeweils 5000 Mark seien zu diesem Zeitpunkt schon 14 Interessenten von Graser bei VW untergebracht worden. Wenig später, im Januar 2001, meldete der V-Mann, dass am 25. weitere sechs Zahlungswillige "durch Herrn Reich bei VW eingestellt worden seien". Der soll sich seine Hilfe mit etwa 20000 Mark honoriert haben lassen.

Haltlose Prahlereien eines Bordellbetreibers - oder wurden bei Europas größtem Autokonzern tatsächlich Jobs gegen Bezahlung verschoben? Auf Anfrage des stern ließ Betriebsrat Bernd Reich durch seinen Anwalt die Vorwürfe zurückweisen. Zwar sei es richtig, dass er zu Graser "seit über 20 Jahren eine durchaus freundschaftliche Beziehung" unterhalte. Auch besäßen er und seine Frau die angegebenen Uhren, doch die hätten sie sich "vor etwa sechs Jahren zum Preis von jeweils 1500 DM" selbst gekauft als Belohnung für "den abgeschlossenen Bau ihres Einfamilienhauses". Auf Einstellungen bei VW habe Reich keinen Einfluss nehmen können "und dieses auch nie versucht".

Dem Unternehmen selbst war der Verdacht gegen seinen Betriebsrat nicht unbekannt geblieben, doch geschehen ist offenbar nichts. Vom stern befragt, lässt ein Sprecher wissen: "Von Gerüchten dieser Art haben wir durch die Polizei im Jahr 2001 erfahren. Anhaltspunkte, die zu Ermittlungen der Internen Revision geführt hätten, haben sich daraus nicht ergeben."

Dass die fünf Jahre alten Akten

jetzt wieder auftauchen, hat mit der Entlohnung von V-Leuten zu tun. Wenn deren Informationen zu offiziellen Ermittlungen führen, gibt es mehr Geld. Trotz der konkreten Angaben war 2001 in Hannover nicht weiter ermittelt worden. Als nun die VW-Affäre hochkochte, verlangte V-Mann G06 nachträglich seinen Sonderlohn - und warf damit die Frage auf, warum damals nichts geschehen war. Reichte der VW-Filz bis in Justizkreise? Ein eilig angesetztes behördeninternes "Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Urkundenunterdrückung" (Aktenzeichen 1141 UJS 63508/05) brachte kein Ergebnis. "Wir haben keine Hinweise auf verschwundene Akten gefunden", erklärt die Staatsanwaltschaft Hannover.

Nun hofft Raban Funk, Anwalt von G06, auf deren Braunschweiger Kollegen

: "Vielleicht bringen die endlich Licht ins Dunkel."

Georg Wedemeyer
Mitarbeit: Markus Grill/Jan Boris Wintzenburg

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