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Energiekosten Strompreise auf Rekordniveau: Wollen die Deutschen jetzt zurück zur Atomkraft?

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim soll Ende 2022 stillgelegt werden
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim soll Ende 2022 stillgelegt werden
© Marijan Murat / DPA
Die Preise für Strom und Gas erreichen neue Rekorde. Viele Verbraucher wünschen sich, dass die Politik gegensteuert – aber nicht zu Lasten des Klimaschutzes. Eine Umfrage zeigt, welche Maßnahmen sie bevorzugen.

Die Energiepreise für private Haushalte steigen weiter: Laut dem Vergleichsportal Verivox ist der Strompreis im Monat September auf ein neues Allzeithoch gestiegen. Mit durchschnittlich 30,54 Cent je Kilowattstunde zahlen Verbraucher demnach so viel wie nie zuvor. Und dabei steht die traditionelle Preiserhöhungswelle der Stromversorger zum Jahreswechsel erst noch bevor. 

Ähnlich sieht es beim Gaspreis aus, der in der Grundversorgung laut Check24 ebenfalls ein Rekordhoch erreicht. Hier ist die Erhöhungswelle bereits im vollen Gange: 57 Gas-Grundversorger haben ihre Preise erhöht oder dies angekündigt.

Die steigenden Energiepreise dürften ein wichtiges Thema für die nächste Bundesregierung werden. Mit den Maßnahmen der amtierenden ist die Mehrheit der Bevölkerung jedenfalls nicht zufrieden. In einer aktuellen Verivox-Umfrage erklärten drei von vier Befragten, dass die Regierung zu wenig unternommen habe, um den Anstieg der Strompreise zu bremsen. Sechs von zehn Befragten stimmten der Aussage zu: "Der Strompreis ist zu hoch, meine Schmerzgrenze ist erreicht." 

Nein zu Kohle, zurück zur Kernkraft?

Eine große Mehrheit von 77 Prozent spricht sich folgerichtig dafür aus, dass die Politik etwas tun sollte, um den Anstieg der Strompreise zu stoppen. Bevorzugtes Mittel ist eine Senkung der Steuern und Abgaben, die jeder Zweite fordert. 39 Prozent sprechen sich zudem für einen staatlichen Preisdeckel für Strom aus. Eine Verlängerung des Kohleausstiegs und weniger Klimaschutz wollen dagegen nur 12 Prozent der Befragten.

Beim Thema Atomkraft sind die Deutschen hingegen wieder etwas offener. Zwar hält weiterhin eine klare Mehrheit den beschlossenen Atomausstieg bis Ende 2022 für richtig. Doch immerhin fast jeder Dritte (31 Prozent) spricht sich dafür aus, die Atomkraft wiederzubeleben, "wenn dadurch der Strompreis sinkt". Das ist ein deutlicher Anstieg der Zustimmung zur Kernkraft: Vor drei Jahren sind laut Verivox nur 20 Prozent dieser Meinung gewesen. Die Gegenseite ist aber immer noch stärker: 46 Prozent wollen ein Comeback der Kernkraft auch nicht zu Gunsten niedrigerer Strompreise. Für die aktuelle Umfrage wurden 1000 repräsentativ ausgewählte Teilnehmer befragt. 

Eine Frau im blauen Pullover holt mit rot-grünen Topflappen ein Backblech mit Teigrollen aus einem Backofen

Interessant ist die Frage zur Atomkraft, weil sie in der verschärften Klimadebatte eine kleine Renaissance erlebt. Denn zu den gewaltigen Risiken, die die Technologie birgt, gehört eines nicht: ein hoher CO2-Ausstoß. In anderen Ländern sieht man die Kernenergie daher neben den Erneuerbaren als Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität. Zu den globalen Fürsprechern zählt unter anderem Bill Gates, der mehrere Forschungsprojekte für eine neue Generation von Kernkraftwerken unterstützt. 

In Deutschland ist die Frage hingegen eigentlich politisch abschließend beantwortet. Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet bekundete zwar im Wahlkampf beiläufig hin und wieder seine Sympathien für die Kernkraft, im Wahlprogramm der CDU (die den Ausstieg ja beschlossen hat) findet sie sich aber nicht. Auf Atomkraft setzt von den derzeit im Bundestag vertretenen Parteien allein die AfD, die die sechs noch im Betrieb befindlichen Meiler länger laufen lassen will - allerdings auch weiter Kohle verfeuern lassen würde.  

Was macht die Politik?

Klar ist, dass die Politik sich beim Thema Strompreise etwas überlegen muss. Denn Marktbeobachter erwarten für die kommenden Monate, dass Energie weiter teurer wird. Als Treiber der Entwicklung gilt der CO2-Preis auf fossile Brennstoffe sowie eine akute Gasknappheit. Wenn Gas und andere fossile Energien teurer werden, wird es der Strom in der Regel auch, denn noch kann die Kapazität der Erneuerbaren das nicht ausgleichen. Von 44 Milliarden Kilowattstunden Strom, der im August in Deutschland erzeugt wurde, stammten laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) nur 20 Milliarden aus Erneuerbaren.

Die Möglichkeiten politisch gegenzusteuern sind jedenfalls da, denn ein großer Teil der Stromkosten für private Verbraucher wird durch staatliche Steuern und Abgaben verursacht. Laut BDEW macht das etwa die Hälfte der Stromrechnung aus. Hier kann die Politik direkt eingreifen: So haben alle großen Parteien im Wahlkampf angekündigt, die EEG-Umlage senken oder abschaffen zu wollen. Zudem gibt es - mal mehr, mal weniger konkrete - politische Pläne, die Einnahmen aus dem CO2-Preis an die Bürger zurückzugeben. Was davon nach der Wahl wie umgesetzt wird, ist offen.


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