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Spurensuche: Das 1,9 Milliarden-Euro-Rätsel - wo ist das Geld von Wirecard?

Um die Bilanz für 2019 sauber abschließen zu können, brauchen die Abschlussprüfer von Wirecard Belege über Kontostände in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Wo sind sie? Eine Spurensuche.

Von Capital-Redakteurin Birgit Haas

Zahlungsdienstleister: Schock für Wirecard-Aktionäre – Verdacht auf Bilanzfälschung erhärtet sich

Bilanzmanipulation, Betrug, Tricksereien – es gibt viele Bezeichnungen für den Skandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard. Aber keiner sagt, was beim Konzern aus Aschheim bei München genau schiefgelaufen ist – oder sein könnte. Bekannt ist, dass Belege für die Existenz von 1,9 Milliarden Euro fehlen, die Wirecard gerne in die Bilanz einfließen lassen würde. Diese Summe ist selbst für den Ex-Shooting-Star im Leitindex Dax viel Geld, konkret entspricht sie einem Viertel aller Vermögenswerte.

Diese 1,9 Milliarden Euro liegen nach Aussagen Wirecards auf Treuhandkonten zweier renommierter asiatischer Banken. Im Geschäftsjargon heißen diese Treuhandkonten "Escrow Accounts". Dort deponiert Wirecard Geld, um Geschäfte zwischen zwei sich unbekannten Vertragspartnern abzusichern. Ein Geschäftspartner zahlt die vereinbarte Summe auf das Treuhandkonto, der Treuhänder bestätigt den Erhalt, woraufhin der zweite Vertragspartner die Ware versendet. Bei Internet-Auktionen kann ein Bieter damit beispielsweise seine Zahlungsfähigkeit beweisen.

Kontonummern können nicht richtig zugeordnet werden

Ein Problem bei dieser Praxis hat bereits die Sonderuntersuchung der Wirtschaftsprüfer von KPMG im Abschlussbericht Ende April aufgedeckt. Die Prüfer zweifelten, dass die Bilanzierung der Kassenbestände auf den Treuhandkonten als Zahlungsmittel (Cash) richtig sei. Begründung: Wirecard kann das Geld nicht ohne Zustimmung des Treuhänders, ein sogenannter Drittpartner, abrufen. Das Unternehmen kann mit den Treuhand-Milliarden also auch keine kurzfristigen Rechnungen begleichen. Nach Einschätzung der KPMG-Prüfer müssten sie deshalb als finanzielle Vermögenswerte verbucht werden.

Das würde allerdings bedeuten, dass die zuletzt im September 2019 veröffentlichte Summe von 3,3 Milliarden Euro Cash um 1,9 Milliarden reduziert werden müsste – selbst wenn sie wieder auftauchen. Zieht man davon noch die Bankeinlagen der Kunden bei der Wirecard Bank in Höhe von 1,7 Milliarden Euro ab, ist das Cash-Ergebnis negativ. Das bedeutet: Würden die Banken Kredite in Höhe von 2 Milliarden Euro fällig stellen, was sie ab diesem Freitag nach der erneuten Verschiebung der Bilanzvorlage dürften, hätte Wirecard ein echtes Problem. Am besten wäre es, das Geld tauchte wieder auf und ließe sich als Cash bilanzieren.

Noch sind die 1,9 Milliarden Euro aber verschwunden. Kontonummern könnten nicht richtig zugeordnet werden, heißt es von Wirecard. Es gebe Hinweise, dass dem Abschlussprüfer EY vom Treuhänder oder von den Banken falsche Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt worden seien, erklärte das Unternehmen heute. Damit solle ein falsches Bild erzeugt worden sein über das Vorhandensein der Guthaben. "Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil der Wirecard AG vorliegen, ist derzeit unklar", sagt Markus Braun, der Vorstandschef von Wirecard. Braun kündigte an, eine Strafanzeige gegen unbekannt zu erstatten. Man sei möglicherweise "Opfer eines gigantischen Betrugs" geworden, sagte ein Sprecher.

Haben Wirecards Geschäftspartner getrickst?

Wie aber kann Wirecard nicht wissen, was für Summen auf den Treuhandkonten liegen? Auch hier gibt der KPMG-Bericht Aufschluss. Die Prüfer sollten unter anderem Vorwürfe der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" nachgehen, wonach Drittpartner von Wirecard – etwa im arabischen Emirat Dubai, gemanagt von der Tochtergesellschaft Cardsystem Middle East – zwischen 2016 und 2018 fiktive Kundenbeziehungen angegeben hätten, um den Umsatz aufzubessern.

Drittpartner setzt Wirecard in Ländern ein, in denen das deutsche Unternehmen keine eigene Lizenz hat. Die Partner unterhalten die Kundenbeziehungen zu den Händlern, deren Zahlungsverkehr mit Wirecard-Technologie geregelt wird. Das KPMG-Einsatzkommando konnte den Vorwurf nicht entkräften, weil die dazu nötigen Unterlagen wie etwa Kundennamen von den Drittpartnern nicht vorgelegt worden waren.

Sollten die Geschäftspartner getrickst haben und falsche Beträge ausgewiesen haben, hätten sie tatsächlich ein starkes Interesse daran, dass Wirecard keinen Einblick auf die Konten erhält. Sollte Wirecard sich schließlich gegen dieses Interesse durchsetzen, kann da viel auftauchen. Dass es ausgerechnet die 1,9 Milliarden Euro sind, ist aber eher unwahrscheinlich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf capital.de

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