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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: Alte Männer lohnen sich

Gibt es so etwas wie Ökonomie in der Ehe? Warum heiraten statistisch gesehen so viele jüngere Frauen einen älteren Mann? Die Antwort hat viel mit Berechnung zu tun.

Von Thomas Straubhaar

Die Trennung von Heidi Klum und Seal bewegt die Öffentlichkeit. Was ist beim Traumpaar schief gelaufen? Die Antwort ist simpel: vermutlich nicht viel mehr als bei jeder zweiten Ehe in Deutschland. Im Jahr 2010 wurden hierzulande rund 382.000 Ehen neu geschlossen und etwa 187.000 Partnerschaften geschieden. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwischen Flensburg und Füssen eine bestehende Ehe durch den Scheidungsrichter beendet wird, liegt bei knapp 40 Prozent. Das Band der Ehe hält also auch bei Normalos alles andere als ewig. Wieso also die ganze Aufregung um Heidi und Seal? Ihnen passiert offenbar nicht mehr oder weniger als zwei von fünf deutschen Paaren.

Bei Heidi und Seal mag der Altersunterschied auffallen. Er ist zehn Jahre älter als sie. Aber auch damit stehen Heidi und Seal nicht allein. Im Gegenteil: Weltweit und zu allen Zeiten waren Männer bei der Trauung älter als ihre Partnerinnen. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt in Deutschland bei rund 37 Jahren (Männer) bzw. bei 34 Jahren (Frauen). Der Altersunterschied verblüfft deswegen, weil Mädchen eigentlich rascher erwachsen werden als Jungs.

Bei den knapp 380.000 Eheschließungen des Jahres 2009 waren in 71 Prozent der Fälle die Männer älter als die Frauen, in neun Prozent waren beide gleichaltrig, und nur in 20 Prozent waren die Frauen älter. In rund einem Viertel aller deutschen Ehen von 2009 war der Mann fünf bis zehn Jahre älter als die Frau. Fast zehn Prozent Männer folgten dem Vorbild Seals und heirateten eine Frau, die zehn oder mehr Jahre jünger war. Eine Konstellation, die deutsche Männer umso mehr anzieht, je älter sie werden. Frauen, die in Deutschland einen zehn Jahre jüngeren Mann heiraten, müssen hingegen mit der Lupe gesucht werden. Sie finden sich in weniger als einem Prozent der neu geschlossenen Ehen.

Minimierung des Verlierer-Risikos

Natürlich wissen wir nicht, warum Heidi und Seal sich das Jawort gegeben haben. Dennoch lässt sich an ihrem Beispiel darüber spekulieren, warum ältere Männer jüngere Frauen heiraten - und zwar ganz offensichtlich unabhängig von gesellschaftlichen, kulturellen und makroökonomischen Voraussetzungen.

Sicher gibt es dafür viele anthropologische, psychologische, biologische und soziologische Antworten. So ist es ein Glücksfall, wenn Liebe und Zuneigung der Grund sind. Der Kinderwunsch und die bei Mann und Frau unterschiedliche biologische Uhr von Zeugungsfähigkeit und Empfängnis mögen bei einigen eine Rolle spielen. Und schließlich ist hierzulande die gesellschaftliche Akzeptanz wohl eher gegeben, wenn ein älterer Mann eine jüngere Frau heiratet als umgekehrt.

Vielleicht aber ist es auch ganz anders, simpler. Wählen ältere Männer eine jüngere Partnerin der körperlichen Vorzüge wegen? Geht es schlicht um einen Tausch "Sex" gegen "Geld"? Oder ist es gerade umgekehrt? Heiraten jüngere Frauen ältere Männer finanzieller Vorteile wegen?. Und auch deshalb, weil für sie so das Risiko geringer ist, einen Verlierer zu erhalten? Bei Gleichaltrigen wählt die Frau die Katze im Sack. Sie muss damit rechnen, dass der Mann ihren Hoffnungen und Wünschen sowie den (finanziellen) Verpflichtungen vor allem bei gemeinsamen Kindern nicht gerecht wird. Bei älteren Männern kann die Frau eher erkennen, ob er in seinem bisherigen Verhalten verantwortungsvoll, ob er beruflich erfolgreich war und ob er seinen Beitrag zum gemeinsamen Familieneinkommen leisten kann und will.

Mangelnde Karrierechancen als sozio-ökonomischer Faktor

Selbstredend wäre das Argument, dass das Alter etwas über die Fähigkeiten und Verhaltensweisen offenbart, auch für jüngere Männer gültig, die ältere Frauen heiraten. Und da zeigt sich ein sozio-ökonomischer Faktor, der erklärt, wieso eben doch der Mann häufiger älter ist als seine Ehefrau. Berufs- und Karrierechancen sind für Männer und Frauen eben nicht identisch. Deshalb spiegelt sich im unterschiedlichen Heiratsalter auch wider, dass Berufsperspektiven sowie die damit verbundene Einkommens- und Vermögensentwicklung der Eheleute für jüngere Frauen in Deutschland noch immer schlechter sind als für jüngere Männer. Daran hat sich ganz offensichtlich in den letzten fünfzig Jahren wenig bis nichts geändert. Denn der Altersunterschied vor dem Traualter liegt seit den 1950-er Jahren mehr oder weniger unverändert bei rund drei Jahren.

Beim Rollenverständnis zeigt sich dann letztlich doch noch ein fundamentaler Unterschied zwischen Heidi und Seal und dem Schicksal durchschnittlicher deutscher Ehen. Dass die beiden, wie man hört, auf einen Ehevertrag verzichtet haben sollen, ist dabei nur der juristische Teil. Die sich daraus ergebende Halbierung des gemeinsamen Vermögens ist die ökonomische Konsequenz. Dass dabei die jüngere Frau den älteren Mann alimentiert und nicht umgekehrt, ist der eigentliche Hammer! Er verdeutlicht, dass alte Rollenmuster zumindest im Showbiz nicht immer gelten. Wie lange es wohl bei durchschnittlichen deutschen Ehen noch dauern wird, bis es für jüngere Frauen keine ökonomischen Vorteile mehr bringt, wenn sie ältere Männer heiraten?