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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne Keine Angst vor dem Inflationsgespenst


Es ist die Woche der Entscheidung für den Euro. Vor dem EU-Gipfel wächst die Sorge vor einer Hyperinflation beim Einsatz der EZB-Bazooka. Doch unkontrollierte Preissteigerungen sind unwahrscheinlich.
Von Thomas Straubhaar

Hyperinflation droht, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Staatsanleihen überschuldeter Euro-Länder aufkauft! So lautet die allgemeine Sorge der hiesigen Bevölkerung, besonders vor dem entscheidenen Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union Ende der Woche in Brüssel. Denn die erst dramatischen und danach zerstörenden Folgen der galoppierenden Inflation der 1920er Jahre bilden hierzulande einen wichtigen Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Die reflexartige Angst vor Inflation hat sich tief in den genetischen Code der Deutschen eingeprägt. Und deshalb wehrt sich Angela Merkel mit Händen und Füßen gegen den Einsatz der EZB-Bazooka, die insbesondere von Frankreich und den angelsächsischen Ländern gefordert und nun möglicherweise durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) eingesetzt wird. Auch die Bundeskanzlerin fürchtet, dass ein Aufkauf von Staatsanleihen überschuldeter Euro-Länder zu Inflation führt.

Ein Eingreifen der EZB kann in der Tat Inflation erzeugen. Aber es muss nicht soweit kommen.

Die EZB allein kann keine Inflation erzeugen

Erstes Gegenargument: Die EZB hat zwei Möglichkeiten, den Ankauf von Staatsanleihen zu neutralisieren. Sie kann entweder weniger Kredite an Banken verleihen. Oder sie offeriert Banken einen so attraktiven Zins für Terminanlagen, dass das für die Staatsanleihen ausgegebene Geld über diesen Kanal gleich wieder an die EZB zurückfließt. In beiden Fällen steigt die Geldbasis nicht. Und damit erhöht sich auch das Inflationsrisiko nicht.

Zweites Gegenargument

: Selbst ein Anstieg der Geldbasis ist nur eine notwendige, nicht jedoch eine bereits hinreichende Bedingung für Inflation. Die EZB alleine kann nicht Inflation erzeugen. Erst wenn die Kredite der EZB auch weiter- und weiter und noch einmal weitergeben werden, wenn also der Geldschöpfungsmechanismus der Kreditwirtschaft ins Rollen kommt, kann Inflation entstehen. Entscheidend wird somit, mit welchem Hebel der Finanzsektor auf das zusätzlich von der EZB in den Kreislauf gepumpte Geld reagiert. Und hier zeigt sich momentan weit und breit keine dramatische Gefahr.

Die für die Inflation maßgebende Geldmenge ist im Oktober 2011 gegenüber dem Vorjahr gerade einmal um 2,6% gewachsen. Zur Erinnerung: als Orientierungsgröße gilt ein Referenzwert von jährlich 4,5 %. Also auch hier ist eher Entwarnung als Panik angesagt.

Unkontrollierte Lohnkosten-Preis-Spirale unwahrscheinlich

Drittes Gegenargument: Es ist natürlich richtig, dass es schwierig sein wird, den Inflationsgeist einzusperren, wenn er einmal der Flasche entfleucht ist. Aber die ökonomischen Perspektiven für die Euro-Zone sind für die kurze und mittlere Frist alles andere als positiv. Das Wirtschaftswachstum ist schwach, die Arbeitslosigkeit hoch, die private Konsumnachfrage schleppend und der Staat wird über Jahre den Gürtel enger schnallen müssen. In einem solchen Umfeld ist das Entstehen einer unkontrollierbaren Lohnkosten-Preis-Spirale wenig wahrscheinlich.

Viertes Gegenargument

: Die japanische Notenbank hat die Geldbasis zwischen 1996 und 2005 genau verdoppelt. Trotzdem rutschte Japan in jener Zeit in eine lang anhaltende Deflation. Die Verbraucherpreise liegen heute unter dem Niveau von Mitte der 1990er Jahre! Im letzten Jahr gaben die Preise um zwei Prozent und in diesem Jahr um eineinhalb Prozent nach. Die japanische Erfahrung liefert zumindest ein Gegenbeispiel für die These, dass ein starkes Wachstum der Geldbasis und ein Aufkauf von Staatsanleihen durch die Notenbank zu Inflation führen muss.

Richtig bleibt: Die Inflation mindert die Kaufkraft

Fünftes Gegenargument: Die Auswirkungen einer sehr expansiv ausgerichteten Geldpolitik auf das Geldmengen- und Kreditwachstum sind heutzutage geringer als früher. Die geldpolitischen Kanäle in einer global hochgradig verflochtenen Weltwirtschaft folgen anderen Mechanismen als in historischen Zeiten der stärker geschlossenen Volkswirtschaften. Deshalb sind Zweifel angebracht, ob die Erfahrungen der 1920er Jahre ein guter Ratgeber für die heutige Zeit sind.

Richtig bleibt auch heute jedoch, dass Inflation eine Steuer ist. Sie mindert die Kaufkraft von Einkommen, Renten, Sozialleistungen und den Wert von Vermögen, das in nominalen Größen gehalten wird – also Spareinlagen und verzinsliche Wertpapiere. Sollte es somit trotz aller geäußerten Vorbehalte als Folge eines Einsatzes der EZB-Bazooka dennoch zu höheren Inflationsraten kommen, dann wären sie der Preis, um ein Auseinanderbrechen der Europäischen Währungsunion zu verhindern. Es ist dann vernünftig, kühl rational und nicht ideologisch geprägt zu bewerten, ob die Folgekosten mit Blick auf den Preis der Alternativen tatsächlich zu hoch ausfallen würden.


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