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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne zur Draghi-Entscheidung: Untergang und Aufstieg der EZB

Mit der Entscheidung, unbegrenzt Staatsanleihen klammer Euroländer kaufen zu können, vollzieht die EZB eine geldpolitische Kehrtwende. Ein Risiko - aber womöglich das kleinere Übel.

Von Thomas Straubhaar

Die Entscheidung von Mario Draghi, unbegrenzt Anleihen von Euro-Staaten zu kaufen, ist das Ende der alten und der Anfang einer neuen EZB. Mit der Politisierung der EZB – und nichts anderes ist die an sich europarechtlich vertragswidrige Absicht, Staatspapiere krisengeschüttelter Euro-Länder zu erwerben – findet eine geldpolitische Kehrtwende statt.

Vor 13 Jahren als Klone der Bundesbank geboren sollte die EZB von der Politik unabhängig sein und nur einem Ziel dienen: der Inflationsverhinderung. Allein unter dieser Bedingung war Deutschland willens, die so symbolträchtige wie erfolgreiche D-Mark aufzugeben und durch den Euro zu ersetzen. Nie wieder Inflation! Das war die deutsche Forderung an die EZB, genährt aus den katastrophalen Folgen der galoppierenden Geldentwertung der 1920er Jahre. Die EZB hatte dafür zu sorgen, dass der Euro so stark und stabil bleibe wie die D-Mark. Jetzt tritt die EZB aus dem Schatten der Bundesbank. Sie wird erwachsen.

Die Schuldenkrise der letzten Jahre erschütterte das Vertrauen, dass die Versprechungen eingehalten werden. Die Finanzierung von Staatsdefiziten durch die Notenpresse und frisch gedrucktem Geld erinnert fatal an eine Geschichte, die sich nie mehr wiederholen sollte. Eine unabhängige Zentralbank sollte die geldpolitische Hintertür der Schuldenfinanzierung institutionell ausschließen. Deshalb wollen die Deutschen den Untergang der alten EZB mit allen Mitteln verhindern. Deshalb hat der Bundesbankpräsident gegen den Strategiewechsel gestimmt. Deshalb die deutsche Bitterkeit und das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden.

Die USA als Vorbild

Das Ende der "deutschen" EZB ist der Anfang einer "angelsächsischen" EZB. Das amerikanische Verständnis, was eine Notenbank tun oder lassen soll, ist aus einer ganz anderen historischen Erfahrung entstanden als das deutsche. In den USA war das Trauma der hohen Massenarbeitslosigkeit in der Zeit der Großen Depression prägend, in Deutschland war es die Hyperinflation. Folglich wird in den USA eine mehrdimensionale Geldpolitik gefahren und nicht eine eindimensionale, die sich von der Inflationsangst paralysieren lässt. Neben der Preisniveaustabilität orientiert sich die amerikanische Notenbank auch an der Stabilität des Finanzsystems, der Regulierung der Banken sowie makroökonomischen Zielen – wie Wachstum und Beschäftigung.

Die deutsche und amerikanische Sicht der Geldpolitik unterscheiden sich vor allem in der Bewertung, wie schädlich denn letztlich Inflation makroökonomisch sei. Aus deutscher Perspektive führt Inflation zu vielfältigen Umverteilungswirkungen (beabsichtigten wie unbeabsichtigten), verzerrten Preisen, Fehlverhalten bis hin zur Gefahr sich selbst beschleunigender, kaum kontrollierbarer Inflationsprozesse – die 1920er Jahre mit ihrer Hyperinflation lassen grüßen. Es ist eben äußerst schwierig, einen aus der Flasche gelassenen Geist wieder einzufangen und einzusperren.

"Schmieröl" oder "Sand im Getriebe"?

Für die (angelsächsische) Sicht wird gerne das Konzept der optimalen Inflationsrate verwendet. Demgemäß kann Inflation auch zu positiven makroökonomischen Effekten führen. Am wichtigsten ist dabei folgende Überlegung: normalerweise sind Beschäftige nicht willens, weniger zu verdienen. Sie wollen, dass die Löhne steigen. Wenn nun aber die Preise schneller steigen als die Löhne, können sich die Beschäftigen weniger leisten, das bedeutet, dass die reale Kaufkraft oder eben die Löhne gesunken sind. Das wiederum steigert die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und verbessert die Beschäftigungssituation. Inflation wirkt somit wie eine Lohnsenkung durch die Hintertür. Und sie sorgt makroökonomisch für jene Abwertung – die wie im Falle Griechenlands oder Spaniens- sonst nicht möglich wäre.

Fasst man die geldpolitische Kontroverse zusammen, zeigt sich, dass Inflation aus deutscher Perspektive "Sand im Getriebe" der Volkswirtschaft darstellt, nach angelsächsischem Verständnis jedoch als "Schmieröl" wirkt. Beide Sichtweisen müssen nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen. Vielmehr ist es eine Frage der Inflationsdynamik. Bleibt die Inflation niedrig, dürfte sie tatsächlich als Schmieröl wirken; steigt die Inflation aber stark, bringt sie Sand ins Getriebe.

Die "neue" EZB wird stärker als bis anhin abwägen, was schlimmer ist, Inflation, also ein schleichender Wertverlust des Euro, oder ein drohender Kollaps, der auch zum Ende des Euro führen kann. Entscheidend wird sein, dass es der EZB gelingt, die Inflationsentwicklung moderat zu halten. Dann sind die positiven Effekte der Geldentwertung größer und der makroökonomische Schaden geringer. Die hohe Kunst der neuen "angelsächsischen" EZB-Politik besteht darin, dafür zu sorgen, dass die Geldpolitik zu einer "optimalen" Inflationsdynamik führt und damit für die Makroökonomie als Schmieröl wirkt und nicht zum Sand im Getriebe wird. Das Risiko ist und bleibt hoch, aber könnte dennoch geringer sein als bei einem Festhalten an der "alten" EZB.

Von Thomas Straubhaar