Yahoo-Übernahme Microsofts Milliarden-Poker

Mit dem teuersten Einkauf seiner Firmengeschichte will der Software-Gigant endlich im Internet Fuß fassen. Wieso ist der Preis so hoch, und muss Google sich nun warm anziehen? Eine Analyse von Karsten Lemm, San Francisco.

Es gibt viele Möglichkeiten, 45 Milliarden Dollar auszugeben. Die Summe würde reichen, um jedem Menschen auf der Welt eine warme Mahlzeit zu kaufen, alle Deutschen für eine Woche Urlaub nach Mallorca zu fliegen oder die gesamte Wirtschaft von Rumänien zu übernehmen. Microsoft hat anderes damit vor: Der Software-Riese aus Redmond im US-Bundesstaat Washington will das Geld im Silicon Valley anlegen und Yahoo schlucken, wie jetzt bekannt wurde. Es wäre die teuerste Übernahme, die sich das Unternehmen je geleistet hat. Gespräche zwischen den beiden Firmen gab es schon seit Monaten, aber das Internetportal zierte sich. Nun riss Microsoft-Boss Steve Ballmer der Geduldsfaden: Am Donnerstagabend rief er sein Gegenüber Jerry Yang an, einen der beiden Yahoo-Gründer, und erzählte ihm, Microsoft werde mit dem Angebot an die Börse gehen, für jede Yahoo-Aktie 31 Dollar auf den Tisch zu legen - gut 60 Prozent mehr, als die Anteile bis dahin wert waren.

Freude für Kummer gewöhnte Yahoo-Investoren

Das dürfte alle Yahoo-Investoren freuen, die Kummer gewohnt sind, wirft aber die Frage auf, warum Microsoft bereit ist, so tief ins Geldsäckel zu greifen. Ballmer preist den Plan als "Meilenstein" auf dem Weg, Microsoft in ein neues Unternehmen zu verwandeln - eines, das nicht nur PC-Software verkauft, sondern auch erfolgreich mit Internetdiensten Geld verdient. Bisher herrscht da Fehlanzeige: Laut Marktforscher Comscore liegt Microsoft unter den großen Suchmaschinen mit einem Anteil von knapp zehn Prozent abgeschlagen auf Platz drei, weit hinter Google (58 Prozent) und Yahoo (22 Prozent). Und während die anderen beiden Milliarden an Werbedollars scheffeln, fährt Microsoft mit seinen Online-Diensten MSN und Live.com fortwährend Verluste ein. Von einer Kombination mit Yahoo verspricht Ballmer sich dagegen "ein unglaublich effizientes und wettbewerbsfähiges Angebot", wie er Wall-Street-Analysten am Freitag in einer Telefonkonferenz vorschwärmte.

"Microsoft will Yahoo, aber Yahoo ist nur bereit mitzumachen, wenn Microsoft einen ordentlichen Aufschlag zahlt", sagt Shar VanBoskirk, Internetexpertin bei der Unternehmensberatung Forrester Research. Dass der Platzhirsch aus der Software-Welt kaum eine andere Wahl hat, als ein Vermögen hinzublättern, erklärt sie mit jahrelangem Zögern: "Bis vor kurzem hatte das Internet für Microsoft keine Priorität", sagt VanBoskirk. "Microsoft ist in erster Linie eine Technikfirma, und das Onlinegeschäft lief eher nebenbei." Nun aber sieht der Riese aus Redmond, der weltweit fast 80.000 Mitarbeiter beschäftigt, sein Geschäftsmodell in Gefahr: 51 Milliarden Dollar (knapp 35 Milliarden Euro) nahm das Unternehmen von Bill Gates im vorigen Geschäftsjahr ein und machte dabei 14 Milliarden Gewinn - zum größten Teil dank Windows und Microsoft Office.

Doch Mobiltelefone, die ohne Windows auskommen, bedrohen die Dominanz des PC, und im Internet werden Dienste immer populärer, die Ähnliches können wie Office, meist aber keinen Pfennig kosten: Sie heißen ThinkFree, Zoho oder auch ZCubes; vor allem aber ist da Google Docs, ein Rundum-Paket aus Alternativen zu Word, Powerpoint und Excel. Finanziert wird all das über Anzeigen: Google, vor zehn Jahren noch nicht mal auf der Welt, nahm im vorigen Jahr 16,6 Milliarden Dollar mit Onlinewerbung ein - sechs Milliarden mehr als 2006. Die Suchmaschine ist zur Geldmaschine geworden, und ein Ende der goldenen Zeiten ist nicht in Sicht. Forrester Research sagt voraus, dass sich der Umsatz mit Textanzeigen, die neben Suchergebnissen erscheinen, in den nächsten Jahren verdreifachen wird - von derzeit 8 Milliarden Dollar auf über 25 Milliarden im Jahr 2012. Allein in den USA.

Vormachtsstellung Googles nicht gefährdet

Die Vormachtstellung von Google sieht Forrester-Analystin VanBoskirk auch durch eine Kombination aus Microsoft und Yahoo nicht gefährdet. "Google hat einen sehr großen Vorsprung", sagt sie, "und wird durch eine Fusion sicher nicht vom Thron gestoßen." Bessere Chancen könnten die beiden Google-Verfolger bei sogenannten "Display-Anzeigen" haben - Werbebannern und anderer Reklame, die auf Internetseiten geschaltet wird. Bei diesem Geschäft, das bis 2012 auf 14 Milliarden Dollar wachsen soll, hat Yahoo schon jetzt die Nase vorn: Fast ein Fünftel solcher Anzeigen wird laut Comscore auf Yahoo-Seiten geschaltet, Microsoft kommt auf knapp sieben Prozent, und Google liegt mit einem Prozent weit zurück. "Bei Display-Anzeigen wären Yahoo und Microsoft gemeinsam ein sehr starker Gegner", sagt VanBoskirk.

Ohnehin steht es um Yahoo nicht so schlecht, wie man angesichts jüngster Schlagzeilen glauben könnte. Im vorigen Jahr machte der Internetpionier bei sieben Milliarden Dollar Umsatz immerhin 660 Millionen Dollar Reingewinn - ein stattliches Ergebnis, nur eben für die Wall Street, die immerzu auf den Branchenprimus Google schielt, bei weitem nicht genug. Erst musste deshalb der langjährige Chef Terry Semel gehen, nun sollen auch 1000 der gut 11.000 Mitarbeiter ihren Job verlieren. "Es ist ein bisschen ungerecht", urteilt Arthur Ceria, Gründer der Online-Werbeagentur CreativeFeed. "Die Erwartungen der Anleger sind oft kaum noch zu erfüllen." Für ihn macht die Kombination aus Microsoft und Yahoo durchaus Sinn: "Microsoft hat Firmenkunden, Yahoo die Privatnutzer", sagt er, und vor allem kauften sich Ballmer, Gates & Co. mit ihren Milliarden bei Yahoo "in eine der größten Communities ein, die es im Internet gibt".

500 Millionen Yahoo-Nutzer

Dank populärer Dienste wie Yahoo Mail, Kelkoo und Flickr kommt der Internetpionier auf etwa 500 Millionen registrierte Nutzer weltweit. Besonders stark ist Yahoo in Asien, einer Region, in der das Mobiltelefon zunehmend wichtiger wird als der PC. Während Google noch damit beschäftigt ist, seine "Android"-Software für Internet-fähige Handys zu entwickeln, hat Yahoo bereits Verträge mit diversen Mobilfunkanbietern rund um den Globus abgeschlossen, die "Yahoo Go" unterstützen - ein mobiles Internetportal, das unter der Leitung des Deutschen Marco Börries entwickelt wird. Potentiell gibt das Yahoo, in Kombination mit Microsoft, die Chance, verlorenen Boden gutzumachen. "In Asien und einigen Gegenden Europas könnten Werbeeinnahmen auf Mobilgeräten langfristig höher ausfallen als auf dem PC", spekuliert Forrester-Analystin VanBoskirk.

Einig sind sich die meisten Beobachter darin, dass Microsofts Übernahme-Angebot den Konkurrenzkampf im Internet wieder spannend macht. "Microsoft hat enorme finanzielle Mittel, und in Kombination mit Yahoo käme ein sehr ernstzunehmender Gegner für Google heraus", sagt Laura Martin, Analystin bei der Anlageberatung Soleil-Media Metrix. Google selbst wollte sich zu solchen Aussichten am Freitag nicht äußern. "Es wäre verfrüht, einen Kommentar abzugeben", hieß es einsilbig aus der Pressestelle. Auch bei Yahoo war nicht mehr zu erfahren als die offizielle Stellungnahme, der Vorstand wolle sich das Microsoft-Angebot "sorgsam und unverzüglich" näher ansehen, um dann eine Entscheidung zu fällen.

Ein Wörtchen mitreden wird in jedem Fall die FTC, das amerikanische Kartellamt. Und Börsenbeobachterin Laura Martin glaubt, dass sich auch noch andere Interessenten für Yahoo finden werden, ehe Microsoft eine gelungene Übernahme feiern kann. "Ich erwarte, dass Microsoft nicht der einzige Bieter bleiben wird", sagt sie, will allerdings nicht spekulieren, welche anderen Unternehmen ebenfalls ihren Hut in den Ring werfen könnten. Nur so viel: "Der Preis", sagt sie, "könnte noch steigen." So ist das mit dem Geld - manchmal sind auch 45 Milliarden nicht genug.

Karsten Lemm

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