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Zinssenkung der Fed: Was bewirkt die Notfalloperation?

Es war ein gewagter Schritt: Mit einer drastischen Zinssenkung hat US-Notenbankchef Bernanke einen Absturz der US-Börsen verhindert. Aber kann er damit auch eine Rezession abwenden? Hier lesen Sie, wie Experten an der Wall Street und in Deutschland die Aussichten beurteilen.

Ben Bernanke hat alle überrascht. Die Märkte. Die Analysten. Die Ökonomen. Am Dienstag hat der Chef der US-Notenbank Fed dafür gesorgt, dass die Bank ihren Schlüsselzins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld gleich um 75 Basispunkte auf 3,5 Prozent senkt. An einem einzigen Tag gab es eine solche massive Zinssenkung in den USA noch nie. Der Beschluss sei wegen der zunehmend schlechteren Aussichten für die US-Wirtschaft erfolgt, hieß es zur Begründung. Einen Absturz der US-Börsen hat die Fed mit dieser Adrenalinspritze zumindest am Dienstag verhindert.

Aber ist die Zinssenkung das richtige Mittel, um auch die drohende Rezession in den USA abwenden zu können? Binnen Stunden haben sich in den USA Börsen- und Konjunktur-Experten, Auguren und Kommentatoren zu Wort gemeldet. Die Zinssenkung alleine werde die Rezession nicht verhindern können, heißt es allenthalben, aber zumindest habe Bernanke ein klares Signal gesetzt: Wir lassen die Märkte nicht allein, wir lassen sie nicht ins Bodenlose fallen.

Bernanke hat damit nicht grundsätzlich anders gehandelt als sein Vorgänger Alan Greenspan. Nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 reagierte die Fed unter Greenspan mit einer massiven Zinssenkung und sorgte so dafür, dass die größte Panik ausblieb. Nur wird seinem Nachfolger der Vorwurf gemacht, er habe bislang immer zu spät reagiert und sei deshalb jetzt zu diesem massiven Schritt gezwungen.

Fed und Glaubwürdigkeit

Die Zweifler an der Wall Street fragen sich zudem: War die Entscheidung überhaupt richtig, die Zinsen so deutlich schon vor dem nächsten regulären Treffen des Offenmarktausschusses zu senken? Erzeugt nicht allein die hastige Reaktion der Fed schon weitere Panik?

Dem halten die Befürworter des schnellen Handelns der Fed entgegen, dass es Bernanke gelungen sei, einen Absturz der US-Börsen aufzufangen. Der Dow Jones hat am Dienstag lediglich rund einen Prozent verloren. Im Vergleich zum Ausverkauf in Europa und Asien zu Wochenbeginn sind das nur Peanuts. Der Aktienmarkt spielt in den USA für die Konjunktur eine erheblich größere Rolle als in Deutschland. Ein erneuter massiver Einbruch hätte die Finanzbranche zu weiteren Abschreibungen zwingen können, die Verunsicherung erhöht und damit die Krise verschärft.

"Die Fed hat immer ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn die Wirtschaft nicht rund läuft", erläutert der frühere Fed-Gouverneur Lyle Gramly die prekäre Lage der Notenbank im "Wall Street Journal". "Wenn sie aber nur Däumchen dreht, wird das Problem nur noch viel größer." Ähnlich äußerte sich Standford-Volkswirt Robert Hall: "Kommentare, die Fed habe die Wirtschaft nicht mehr im Griff, sind fehl am Platz", sagte er im "Wall Street Journal".

Nachher ist man immer schlauer

Dennoch: Die Rezession wird die Notenbank nicht verhindern können, da sind sich die Experten auch in Deutschland einig. "Die Fed hat nicht die Macht abzuwenden, was nach meiner Einschätzung die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit ist", sagt Experte Michael Metz von Bankhaus Oppenheimer. Wie auch? Der Immobilienmarkt in den USA steckt in einer so tiefen Krise, dass auch massive Zinssenkungen der für die amerikanische Wirtschaft so wichtigen Branche kurzfristig nicht auf die Beine helfen können. Und bei allen Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur darf die Fed die Entwicklung der Inflation nicht gänzlich aus den Augen verlieren.

Im renommierten "Economist" werden trotzdem Zweifel laut, ob der Zinsschritt weniger zu Beruhigung als zu vermehrten Sorgenfalten führen wird. Weiß die Fed etwas über die Entwicklung der Wirtschaft, was der Markt noch nicht kennt? Der Markt wisse nicht mehr, was die Fed vorhabe, kritisieren einigen Analysten in New York. Nichts ist giftiger für Finanzmärkte als Unsicherheit.

Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Notenbank die Unsicherheit am Markt erfolgreich bekämpft hat - die kommenden Monate, wie scharf die US-Rezession ausfallen wird. Aber schon jetzt gilt: Nachher ist man immer schlauer.

msg