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"Die Stunde Null" Helios-Manager: "Wir haben in Deutschland immer noch zu viele Krankenhäuser"

Enrico Jensch
Enrico Jensch leitet das operative Geschäft des Klinik-Konzerns Helios
© Thomas Oberländer/Helios Kliniken /dpa / Picture Alliance
Die deutschen Krankenhäuser haben die Corona-Stresssituation im Großen und Ganzen gut bewältigt. Doch es lief nicht alles rund, erzählt der COO des Klinik-Konzerns Helios Enrico Jensch im Podcast. Und: An der Strukturdiskussion habe die Pandemie nichts geändert.
Mit einer Mischung aus Stolz und Verwunderung schauten die Deutschen in der Covid-19-Pandemie auf ihre Krankenhäuser: Im Vergleich mit anderen Ländern, so schien es, kam das deutsche Gesundheitssystem mit den Problemen auffallend gut zurecht. Es gab in aller Regel genug Intensivbetten, in den Kliniken blieb es weitgehend ruhig und die Zahl der Sterbefälle hielt sich in Grenzen. Enrico Jensch, Chief Operating Officer des Klinik-Konzerns Helios erzählt im Podcast "Die Stunde Null", warum aus seiner Sicht trotzdem nicht alles rund lief.
Helios ist mit über 100.000 Mitarbeitern und mehr als neun Milliarden Euro Umsatz einer der größten Krankenhausbetreiber in Europa und unterhält allein in Deutschland 86 Kliniken sowie über 120 medizinische Versorgungszentren. In der Krise spielte das Unternehmen eine wichtige Rolle, auch weil es seine Kapazität an Beatmungsgeräten deutlich ausbaute. Jensch kritisiert allerdings vor allem die lokalen Gesundheitsbehörden, die oft überreagiert und damit den regulären Betrieb der Krankenhäuser gefährdet hätten. "Wir haben alle auf dem Weg ins Heute gelernt, dass die eine oder andere Reaktion von Gesundheitsämtern, insbesondere was Quarantänesituationen anging, deutlich überzogen war", sagt Jensch. Zudem hätten viele geplante Operationen in der Hochphase der ersten Corona-Welle nicht stattfinden können – was auch ein Risiko für die betroffenen Patienten gewesen sei.
Zeit, die Dinge neu zu sehen
Dieser Text ist Teil der Initiative "Zeit, die Dinge neu zu sehen" der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch der Verlag Gruner+Jahr gehört, in dem der stern erscheint. Gemeinsam wollen wir dazu anregen, den Blick auf positive Aspekte der Veränderungen nach der Corona-Pandemie zu richten, neue Perspektiven einzunehmen und den aktuellen wie zukünftigen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Mehr Informationen gibt es unter www.zeit-die-dinge-neu-zu-sehen.de.
Der Alltag in den Krankenhäusern wird sich aus seiner Sicht auch dauerhaft verändern – da man mit Covid-19 als Faktor leben müsse. Die Trennung in einen "Covid-Bereich" und einen "Non-Covid-Bereich" werde noch lange erhalten bleiben. Zudem hätten sich die Anforderungen der Besucher geändert: "Die Patienten, die heute in die Kliniken kommen, haben einen deutlich anderen Anspruch an das Thema Sicherheit."
Vor allem aber rügt Jensch einen Schluss, der in der Politik derzeit häufig gezogen wird: Die Debatte über Überkapazitäten im Gesundheitswesen, so hört man jetzt oft, könne beendet werden – da Corona den großen Bedarf gezeigt habe. Jensch sieht das anders. "An der Strukturdiskussion, dass wir zu viele Krankenhäuser in Deutschland haben, hat sich nichts verändert", sagt der Helios-COO. Auch müsse vermehrt darüber nachgedacht werden, welche Patienten künftig ambulant versorgt werden könnten, um Platz in den Häusern zu schaffen, der für andere benötig werde. Auch in der Digitalisierung sieht der Helios-COO einen wichtigen Weg – da viele Kontakte mit Patienten über die so genannte Telemedizin auch am Bildschirm abgewickelt werden könnten.
Auch in Deutschland hätten sich in dieser Hinsicht Mängel gezeigt, sagt Jensch: "Covid ist immer auch ein Brennglas auf die Missstände eines jeweiligen Systems."
Was Enrico Jensch an den eigenen Mitarbeitern am meisten beeindruckt hat und was er von der eigens gebauten Berliner Notklinik hält , hören Sie in der neuen Folge von "Die Stunde Null",  direkt bei Audio NowApple oder Spotify oder via Google.
Capital

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