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Türkischer Wirtschaftskrimi: Staat kassiert Firmenimperium Uzan

Vater, Bruder und ältester Sohn der Familie Uzan sind auf der Flucht und werden per Interpol gesucht. Der rasante Aufstieg und ebenso rapide Fall des Familienimperiums könnte den spektakulären Parmalat-Zusammenbruch noch in den Schatten stellen.

Vater Kemal, Bruder Yavuz und Sohn Hakan sind auf der Flucht und werden von der Türkei auch mit Hilfe von Interpol gesucht. Cem, jüngster Spross der Industriellenfamilie Uzan, der einzige, der sich noch frei bewegen kann, klagt unterdessen: "Politische Selbstjustiz!". Der rasante Aufstieg und ebenso rapide Fall des Familienimperiums, das einst über Banken, Kraft- und Zementwerke, Medien, ein großes Mobilfunkunternehmen und zwei Profi-Fußballclubs herrschte, könnte die spektakulären Zusammenbrüche des italienischen Milch-Riesen Parmalat und des Dosentomaten-Konzerns Cirio noch in den Schatten stellen.

219 Firmen sollen Schulden decken

Der vorläufige Höhepunkt dieses türkischen Wirtschaftskrimis wurde erreicht, als der türkische Spareinlagen-Sicherungsfonds (TMSF) Mitte Februar 219 Firmen des weit verzweigten Uzan-Imperiums kassierte, darunter die Mediengruppe Star und das Handy-Unternehmen Telsim. Ziel des Überraschungscoups, den die Regierung mit einer Verschärfung des Bankengesetzes vorbereitet hatte: So viel wie möglich der Schulden eintreiben, die sich seit dem Absturz der familieneigenen Imar-Bank nach offiziellen Angaben auf umgerechnet 4,37 Milliarden Euro belaufen.

Tägliche Razzien gegen Erdogan-Rivalen

Razzien, um möglicherweise still und heimlich beiseite geschafftes Vermögen aufzuspüren, sind seither an der Tagesordnung. Kaum jemand in der Türkei zweifelt daran, dass am Uzan-Familienclan ein Exempel statuiert werden sollte. Während andere Bankrotteure, deren insolvente Banken ebenfalls vom Sicherungsfonds übernommen wurden, bislang eher mit Samthandschuhen angefasst wurden, traf die Uzans die volle Härte des Gesetzes. In regierungskritischen Kreisen wird unverhohlen gemunkelt, dass mit Cem Uzan, der mit der Gründung einer eigenen Partei in den politischen Ring gestiegen war, ein potenzieller Rivale von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ausgeschaltet werden sollte.

Immer von der Politik profitiert

Die türkische Politik war es indessen, die den kometenhaften Aufstieg der vom Balkan stammenden Uzan-Familie beschleunigt hatte. Den Grundstein legte Vater Kemal Mitte der 50er Jahre mit einem Bauunternehmen, zu dessen ersten Großaufträgen das Ali Sami Yen-Stadium in Istanbul gehörte, das jetzt verödet da liegt, seit der türkische Fußballspitzenclub Galatasaray ins neue Olympiastadion vor den Toren der Stadt umgezogen ist. In den 80er Jahren folgte der Einstieg ins Bank- und ins Mediengeschäft.

"Türkischer Kapitalismus"

Die goldenen Zeiten für den "Kapitalismus alaturka", so die Zeitung «Milliyet», brachen mit der von Ministerpräsident Turgut Özal (1983 bis 1989) verordneten Liberalisierung der Wirtschaft an. Mit harten Bandagen wurde um Zementwerke und Energieversorger gekämpft und die Uzans ergatterten dabei einen gehörigen Teil des Kuchens. Als "Piratensender" starteten sie den ersten privaten TV-Sender in der Türkei, der wie die gleichnamige Zeitung «Star» zunehmend als Propagandamittel für die eigenen Interessen genutzt wurde.

Telsim wohl vor Verkauf

Doch nicht nur in der Türkei schafften sich die Uzans Feinde. Mit großzügigen Krediten der Telekommunikationsunternehmen Motorola und Nokia erwarben sie 1998 die Lizenz und die Ausrüstung für das Mobilfunkunternehmen Telsim. Als sie die Geldgeber mit geschickten Kapitaltransaktionen ausbooteten, fühlten sich diese hintergangen. Ein Gericht in den USA verurteilte die Uzans zur Rückzahlung von zwei Milliarden Dollar plus Strafe. Der türkische Staat will Telsim jetzt so bald wie möglich verkaufen. Interessenten im In- und Ausland gebe es genug.

Mediengruppe wieder 'regierungstreu'

Ein "neues Gesicht" bekam auch die Mediengruppe Star verpasst, deren Mitarbeiter ihren früheren Chefs bis zuletzt mit Hungerstreiks die Stange gehalten hatten. Seit Einsetzung der staatlichen Treuhänder habe sich die Zeitung «Star» über Nacht in ein "halbamtliches Regierungsblatt" verwandelt, schrieb die älteste türkische Tageszeitung «Cumhuriyet». Aufstieg und Fall des Uzan-Imperiums kommentierte «Milliyet» lakonisch mit den Worten: "Die (Wirtschafts-)Revolution frisst ihre Kinder."

Ingo Bierschwale / DPA
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