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Lilo Blunck: Wer steckt hinter...dem Bund der Versicherten?

Ihr Vorgänger landete im Knast. Seither ist das Image der Verbraucherschutzorganisation angeschlagen. Seit drei Jahren versucht die frühere SPD-Bundespolitikerin Lilo Blunck Ruf und Respekt des Vereins wiederherzustellen

Von Elke Schulze

Im Gewerbegebiet von Henstedt-Ulzburg, zwischen Dänischem Bettenlager und Penny-Markt, ist auch das Hauptquartier der größten Verbraucherschutzorganisation Deutschlands: In einem Zweckbau aus den Achtzigern sitzt der Bund der Versicherten (BdV). Und da kommt Geschäftsführerin Lilo Blunck auch schon die Treppe heruntergeeilt. Die "rote Lilo" wird sie immer noch von vielen genannt. Weil sie in den 80er und 90er Jahren für die SPD im Bundestag saß und sich oft für linke Positionen ins Zeug gelegt hat. Bereits damals kämpfte sie für die Rechte der Verbraucher. Für gesündere Lebensmittel, gegen unlautere Werbung und die Verkaufstricks der Versicherungskonzerne. 1998 - als Gerhard Schröder die Wahl gewann und es losgehen sollte mit dem Regieren - erkrankte Bluncks Mann schwer. Sie zog sich aus der Politik zurück, pflegte ihn, bis er ein Jahr später starb.

Seit drei Jahren ist die 64-Jährige nun Chefin des BdV. Eine streitbare Anführerin: Hartnäckig vertritt sie die Ansicht, dass wichtige Produkte der Versicherungswirtschaft unsinnig sind. An erster Stelle nennt sie die Kapitallebensversicherung. Verständlich, wenn die engagierte Lilo von unabhängigen Experten, aber vor allem beim Verband der Versicherungswirtschaft eher mit gemischten Gefühlen betrachtet wird. "Dabei bin ich ein auf Sicherheit bedachter Mensch, schließe lieber eine Versicherung zu viel ab", sagt sie kokett. Aber die von ihr gepriesene Berufsunfähigkeitsversicherung, zum Beispiel, besitzt sie nicht.

Ihren ersten und bislang größten Erfolg errang Lilo Blunck schon nach einem Jahr im Amt. Als der Bundesgerichtshof im Herbst 2005 aufgrund einer BdV-Klage alle Lebensversicherer verdonnerte, ehemaligen Besitzern mehr Geld für gekündigte Verträge zurückzuzahlen. Spontan jubelte sie damals: "Ich könnte jeden einzelnen Richter umarmen." Der gemeinnützige Verein hat 50 000 Mitglieder. Für ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin erhält Blunck Tageshonorare, da sie nicht beim BdV angestellt ist. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie vornehmlich aus ihrer Pension, die sie für ihre 17 Jahre währende Abgeordnetentätigkeit bezieht. Für 40 Euro Jahresbeitrag durchforsten sie und ihre 24 Mitarbeiter Kleingedrucktes in den Policen der Mitglieder, handeln günstige Gruppenverträge aus und beantworten pro Werktag 400 bis 800 Anrufe. Häufig fragen die Leute, ob sie eine private Rentenversicherung brauchen und wogegen sie ihr Eigenheim absichern müssen. Ziel der streitbaren Verbraucherschützerin: den Verein zu reformieren. Zunächst hat sie alle Broschüren neu gestaltet und verständlicher formuliert. Künftig sollen drei Vorstände mit Blunck als Vorsitzender und ein Aufsichtsrat als Kontrollorgan fungieren. "Ich hätte hier sonst uneingeschränkte Macht", sagt sie, "das geht doch nicht."

Eine nötige Erneuerung. Der ehemalige Allianz-Vertreter Hans Dieter Meyer hatte den Verein vor 25 Jahren gegründet und führte den BdV nach Gutsherrenart. Bei vielen Gelegenheiten polterte Meyer gegen die Lebensversicherungen ("legaler Betrug"). Im September 2002 wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er seine minderjährige Stieftochter jahrelang sexuell missbraucht hatte. Mit diesem Makel kämpft Lilo Blunck immer noch. Angeekelt schüttelt sie den Kopf. Neuer Ärger steht ins Haus: Kürzlich ist der 70-jährige Meyer vorzeitig entlassen worden und versucht - trotz Hausverbots - sich beim BdV als Mitglied einzuklagen.

Bluncks Leben war immer auch Kampf. Obwohl Eltern und die Lehrer dagegen waren, setzte sie sich durch und besuchte das Gymnasium. 1968 bekam die ehemalige Erzieherin selbst ein Kind und besuchte mit Tochter Helen auf den Schultern die ersten Wahlkampfveranstaltungen der Jusos. Sie wurde Mitglied. Während ihrer Tätigkeit für die Arbeiterwohlfahrt organisierte sie Mutter-und- Kind-Kuren. 1980 kandidierte sie das erste Mal für den Bundestag. Als Nachrückerin zwang man sie in den unbeliebten Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten. "Anstrengend war das", erinnert sie sich an die Debatten mit den Bauern und Lobbyisten. Im Nachhinein entpuppte sich der Job als Segen, denn sie entdeckte den Verbraucherschutz als Thema. Als offizielle verbraucherpolitische Sprecherin ließ sie sich von den bodenständigen Landwirten im Ausschuss nicht mehr bremsen, wenn sie für gesundes Essen plädierte.

"Ich habe immer für mehr Gerechtigkeit gekämpft", urteilt sie zurückschauend. Für ihre Arbeit beim BdV heißt das: mehr Rechte für die Versicherten. Ihr ständiger Begleiter ist Bobby - ein schwarzer Labrador -, für den sie natürlich eine Hundehaftpflichtversicherung besitzt. Er ist ihr Lebensinhalt, verbringt sogar den Tag mit ihr im Büro. Mittags geht der Hausmeister mit ihm Gassi. Das war ihre Bedingung. Ohne Bobby hätte sie ihr Haus am grünen Rand von Bad Honnef nie gegen das Wohngebiet Wakendorf II bei Henstedt-Ulzburg eingetauscht.

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