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Steigende Beiträge: So werden Privatpatienten geschröpft

Eine Untersuchung der Verbraucherzentralen belegt: Die Beiträge der Privaten Krankenversicherer sind stärker gestiegen als bislang gedacht - im Einzelfall um bis zu 60 Prozent.

Von Andreas Hoffmann

Privatpatienten sind Anfang des Jahres offenbar viel stärker zur Kasse gebeten worden als bisher bekannt ist. Nach einer Untersuchung des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) stiegen die Prämien in den überprüften Fällen im Schnitt um 24 Prozent, in Einzelfällen sogar um 45 oder 60 Prozent. Die Privaten Krankenversicherer (PKV) und Branchenexperten hatten den Anstieg im Gesamtmarkt bislang auf durchschnittlich vier bis sieben Prozent veranschlagt.

Die Verbraucherschützer berichten dagegen etwa von einem 68jährigen Mann, dessen Monatsprämie von 174 Euro auf 278 Euro kletterte, was einem Plus von knapp 60 Prozent entspricht. Ein 58jähriger sollte statt 313 Euro plötzlich 454 Euro zahlen, das macht einen Zuwachs von 45 Prozent. Was Privatversicherte monatlich hinblättern müssen, erreicht inzwischen Rekordwerte. So zahlt etwa ein 50jähriger Mann für seinen Gesundheitsschutz 1015 Euro im Monat (nach 842 Euro im vergangenen Jahr). Daneben trägt er selbst noch Arzt- und Medikamentenrechnungen von bis zu 650 Euro im Jahr. Michael Wortberg, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, der die Studie betreute und seit Jahren die PKV beobachtet, sagte: "Einen solchen Prämienanstieg habe ich noch nie erlebt."

Wechsel in GKV ist schwer

Besonders kräftig langen laut vzbv die Versicherer Central und Gothaer zu. Von den 144 ausgewerteten Beschwerdefällen stammen allein 90 von diesen beiden Unternehmen. Begründet würden die höheren Prämien häufig mit gestiegen Gesundheitsausgaben. Experten wie Wortberg halten das für vorgeschoben. "Die Kunden müssen jetzt für die Misswirtschaft ihres Versicherers haften", sagte er.

Beispielsweise hatte die Central vor einiger Zeit mit günstigen PKV-Einsteigertarifen um neue Kunden geworben. Doch das Geschäft entwickelte sich schlechter als erwartet. Statt junger, gesunder Kunden kamen viele alte, kranke Versicherte, die oft zum Arzt gingen und hohe Kosten verursachten. Daraufhin schaffte die Central die Billigtarife ab. Nun steigen die Beiträge. "Wir stellen fest, dass die Prämien besonders bei alten und langjährigen Versicherten erhöht worden sind", sagt Wortberg.

Wehren kann sich ein Privatpatient kaum. Prinzipiell kann er zwar in einen günstigeren Tarif wechseln. In der Praxis tricksen ihn die Versicherer oft aus. Nur in vier der 144 untersuchten Fälle gelang ein Tarifwechsel, sagte Wortberg. Zu den gesetzlichen Kassen kann ein Privatpatient nur unter besonderen Bedingungen zurückwechseln.

Opposition will PKV abschaffen

Um die Auswüchse zu bekämpfen, verlangen die Verbraucherschützer nun, dass Privatpatienten leichter in einen günstigen Tarif wechseln können. Für arme Privatpatienten soll es Härtefallklausen geben, außerdem sollten sich die Honorare der Ärzte zwischen PKV und gesetzlichen Kassen annähern. Die Studie dürfte den Streit um die PKV weiter anheizen. SPD, Grüne und Linke wollen die Branche schon länger abschaffen. Inzwischen wächst auch in der Koalition die Kritik. Jüngst stellte der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn die PKV in Frage. Nun steigt auch bei Liberalen der Unmut. Der FDP-Gesundheitsexperte Lars Lindemann verlangt von der PKV "grundlegende Änderungen", sagte er stern.de und fügte an: "Ich bezweifle, ob die Vollversicherung in der heutigen Form noch in Zukunft bestehen bleiben kann."

Ein Sprecher des PKV-Verbandes verwies darauf, dass bei der Hälfte der Privatversicherten in diesem Jahr die Beiträge überhaupt nicht gestiegen seien. Studien zeigten zudem, dass die Kosten bei den Privaten kaum stärker gestiegen seien als bei den Kassen.

Von Andreas Hoffmann