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Unisex-Versicherungen: Was sich für Männer und Frauen ändert

Ab dem 21. Dezember gelten für Frauen und Männer die gleichen Versicherungstarife. stern.de erklärt, wer bei welchen Policen draufzahlen muss - und wo es günstiger wird.

Von Daniel Bakir

Prinzipiell ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau bei uns ziemlich weit fortgeschritten. Frauen dürfen Soldatinnen werden und Bundeskanzlerin. Männer dürfen Vätermonate nehmen und rosa Hemden tragen. Trotz all dieser Errungenschaften hat der Europäische Gerichtshof einen weiteren Bereich ausgemacht, in dem die Diskriminierung der Geschlechter abgeschafft werden soll: Versicherungen. Ungleiche Tarife seien mit der Grundrechtecarta der Europäischen Union nicht vereinbar, urteilten die Richter. Ab dem 21. Dezember dürfen die Anbieter bei ihren Tarifen daher nicht mehr nach Männern und Frauen unterscheiden. Die Ära der Unisex-Versicherungen beginnt.

Bislang war das Geschlecht ein wesentlicher Faktor für Versicherungsmathematiker, um das Risiko und somit auch die Prämien zu berechnen. Bei Lebensversicherungen etwa zahlten Frauen deutlich weniger als Männer, weil sie im Schnitt länger leben - was nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Lebensversicherer von Vorteil ist. Umgekehrt mussten Frauen dafür mehr für private Rentenversicherungen zahlen, weil sie statistisch gesehen deutlich länger Rente beziehen.

Diese Diskriminierung ist künftig nicht mehr erlaubt. Die Versicherer sind verpflichtet, für alle Verträge, die ab dem 21. Dezember abgeschlossen werden, geschlechtsneutrale Tarife zu verkaufen. Dies betrifft vor allem private Rentenversicherungen, Risikolebens-, Berufsunfähigkeits-, Kfz-Haftpflicht-, Unfall- sowie private Krankenversicherungen. Bei der Riesterrente gilt die Gleichbehandlung schon seit 2006. Aus der Umstellung auf Unisex ergeben sich vor allem zwei Fragen: Für wen wird es wo teurer oder billiger? Und: Soll ich vor dem Stichtag noch schnell eine günstige Police abschließen?

Insgesamt wird es teurer

Denn obwohl viele Versicherer noch rechnen, scheint eines gewiss: Günstiger wird es nur in Einzelfällen. "Unisex wird insgesamt eine Verteuerung der betroffenen Versicherungen verursachen", sagt Hasso Suliak vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Der Grund: Die Versicherer müssen nun schätzen, wie viele Frauen und wie viele Männer sich künftig wie hoch im Einheitstarif versichern werden. Da sie noch keine Erfahrungswerte hätten, müssten sie vorsichtig kalkulieren, sagt Suliak: "Beitragsnachlass auf der einen und Beitragsanhebung auf der anderen Seite werden sich deshalb nicht die Waage halten."

Und so lassen Versicherungsvertreter, Makler und sonstige Vermittler derzeit keine Gelegenheit aus, ihre Kunden darauf hinzuweisen, welche Policen man unbedingt jetzt noch abschließen sollte. Verbraucherschützer sehen das allerdings kritisch: "Davon sollte man sich auf keinen Fall unter Druck setzen lassen", warnt Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten. "Niemand sollte allein mit Blick auf die Unisex-Umstellung einen Vertrag abschließen." Kleinleins Rat: Am Anfang aller Überlegungen sollte immer die Frage stehen "Brauche ich diese Versicherung überhaupt?" Dann gelte es, einen für sich passenden Vertrag zu finden. Erst am Schluss der Überlegungen sollte man sich die Frage stellen, ob man mit einem Unisex-Tarif besser oder schlechter fahren würde. Einige Versicherer bieten ihren Kunden schon jetzt die Möglichkeit, in einen Unisex-Tarif einzusteigen. Es lohnt sich, nachzufragen.

Altverträge bleiben von der Änderung unangetastet. Allerdings: Wer nach dem Stichtag einen bestehenden Vertrag aufstockt, etwa die Versicherungssumme einer Lebensversicherung erhöht, muss für diesen Anteil die neuen Prämienbedingungen akzeptieren. Wer in seinem alten Tarif bleiben will, sollte zudem beachten, dass die Anpassung des Vertrages nicht als Neuabschluss gilt.

Wie sich die Umstellung auf Unisex-Tarife auswirken wird, lässt sich auf den Euro genau noch nicht sagen, weil viele Versicherer noch rechnen. Einige haben aber bereits ihre Modelle vorgestellt, sodass die Tendenz erkennbar ist.

Lesen Sie auf den folgenden Seiten, wo es für Männer und Frauen teurer oder günstiger wird.

Das ändert sich für Frauen

Die größte Änderung ergibt sich bei Risikolebensversicherungen. Die Frauen müssen künftig für das höhere Sterblichkeitsrisiko der Männer mitbezahlen. In einer Umfrage der Zeitschrift "Finanztest" gaben elf große Versicherer an, dass die Prämien für Frauen um 16-55 Prozent steigen werden. Eine ältere Studie der Beratungsfirma Oxera prognostiziert Prämienerhöhungen von mindestens 30 Prozent.

Bei Kfz-Versicherungen dürfte es für Frauen ebenfalls teurer werden. Insbesondere Fahranfängerinnen verursachen weniger Unfälle als junge Männer und zahlen daher bislang weniger. Oxera zufolge könnten ihre Prämien um mindestens elf Prozent steigen. Auch in der Unfallversicherung kommen Frauen bisher günstiger weg. Künftig dürften Frauen mit risikoreicheren Berufen höhere Prämien zahlen.

Profitieren dürften Frauen dagegen bei Pflegepolicen. Da sie ihre Männer meist überleben, sind die Tarife für Frauen derzeit deutlich teurer. Damit ist nun Schluss. Für Pflegetagegeld oder Pflegerenten senken die von "Finanztest" befragten Anbieter die Tarife um bis zu 24 Prozent. Bei Privatrenten, Rüruprenten und Berufsunfähigkeitspolicen könnten die Frauenbeiträge minimal sinken.

Das ändert sich für Männer

Für die Männer dürften die Zwittertarife deutlich unangenehmere Auswirkungen haben. Sie müssen für die Frauen mitbezahlen, da die im Schnitt älter werden und häufiger krank und pflegebedürftig werden.

Für Berufsunfähigkeitsversicherungen hat "Finanztest" Steigerungen von bis zu 35 Prozent ermittelt. Bei privaten Pflegepolicen beträgt der Solidaritätsaufschlag sogar bis zu 40 Prozent, bei privaten Renten und Rürup-Renten sind es bis zu zehn Prozent. Auch private Krankenversicherungen dürften für Männer deutlich teurer werden. Die Axa bestätigte "Finanztest" Prämienerhöhungen von bis zu 30 Prozent. In der privaten Krankenversicherung gilt allerdings die Ausnahmeregel, dass Neukunden aus einem Unisextarif in einen alten geschlechtsspezifischen wechseln können.

Günstiger könnten für Männer lediglich Lebensversicherungen werden. Die Prämien für die Absicherung im Todesfall sinken nach bisherigen Informationen um bis zu 22 Prozent. Das entspricht allerdings bei Weitem nicht den zu erwartenden Preissteigerungen für Risikolebensversicherungen bei Frauen.