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Werberat rügt: Zwischen "Flühstück" und Foltertod

Manchmal scheitert der Versuch, witzige und auffällige Werbung zu machen, so kläglich, dass sich sogar der Werberat einer Kampagne annimmt. Besonders viel Kritik bekam die Alkoholbranche ab.

Wegen irreführender oder beleidigender Werbung hat der Deutsche Werberat im ersten Halbjahr 2003 den Rückzug von 31 Kampagnen durchgesetzt. Von den beanstandeten Kampagnen hätten 27 Unternehmen ihre Anzeigen und Spots freiwillig vom Markt genommen. Gegen zwei Firmen seien öffentlich Rügen ausgesprochen worden, weil sie die Kritik zunächst ignoriert hätten, teilte der Werberat am Dienstag in Berlin mit.

Mit 17 Beanstandungen stand die Werbung für Alkoholgetränke an der Spitze. Zu den kritisierten Aktivitäten zählte die Werbung mit dem Spruch "Komm Poppen". In dem Begriff "Poppen" als Bezeichnung für Geschlechtsverkehr sah der Werberat eine Verletzung der Verhaltensregeln der Werbeindustrie. Werbung dürfe nicht den Eindruck erwecken, mit alkoholischen Getränken könne der sexuelle Erfolg gefördert werden.

Keine Bier-Werbung mit Leistungssportlern

Gerügt wurde auch eine Augsburger Brauerei, die in ihren Anzeigen wiederholt trinkende Leistungssportler gezeigt hatte. Nach den von den Herstellern alkoholischer Getränke, den Werbeagenturen und Medien akzeptierten Verhaltensregeln des Werberats sollen in der Werbung "keine trinkenden oder zum Trinken auffordernde Leistungssportler dargestellt werden". Ebenso gerügt wurde eine Destillerie, die für ein alkoholisches Produkt mit dem Titel "Das Vaterunser des Gräf’s Pflümli" geworben hatte. Der Werberat sah dadurch religiöse Gefühle verletzt.

Freiwillig zog eine Brauerei ein Plakat zurück, auf dem sie neben einen Haufen Steine den Spruch "Auf den Heiligen Stephanus" gesetzt hatte. Der Werberat hatte der Firma vorgeworfen, mit der Figur des gesteinigten Heiligen Stephan gleichzeitig auch mit dem Foltertod zu werben.

Fitnesssuche in Spitzenwäsche

Gar nicht glücklich waren die Werbe-Kritiker mit der Idee einer Hamburger Kette von Fitness-Studios. Auf großformatigen Prospekten streckte sich dem Betrachter das Gesäß einer breitbeinig knieenden Frau in Spitzenunterwäsche entgegen. Überschrieben war das Motiv mit dem Text "Falls Sie Ihre Fitness suchen ...". Der Werberat wertete ebenso wie die Beschwerdeführer die demonstrative Pose des Bildes als frauenerniedrigend. Der gewählte Bildausschnitt habe keinerlei Bezug zu den beworbenen Fitness-Studios und degradiere Frauen zu einem sexuell verfügbaren Objekt. Die Kritik des Werberats wurde zunächst ignoriert, daher gabs eine öffentliche Rüge hinterher.

Die rote Karte zeigten die Werbewächter einer Hamburger Recycling-Firma, die auf großformatigen Plakaten für die Verwertung ihrer Altautos mit einer onanierender Frau und dem Spruch "Selber machen ist geil!" geworben hatte.

Viele Proteste scheiterten

Allerdings erreichen den Werberat nach dessen Angaben immer mehr groteske Proteste. 109 Kampagnen wurden von den gegen sie erhobenen Vorwürfen freigesprochen. Kritik gegen eine Zigaretten-Anzeige mit einem angeblich mitrauchenden Hund wies der Weberat zurück. Auch den Vorwurf von "Babyporno" bei der Werbung für eine Kinder-Hautsalbe, die einen Babypo zeigt, ließ der Werberat nicht gelten. Ein TV-Spot, in dem eine bekannte Moderatorin mit Ess-Stäbchen im Haar eine Marmelade zum "Flühstück" lobte, sah der Werberat nicht als Verunglimpfung von Japanerinnen. Auch eine Beschwerde über einen TV-Spot, in dem ein Kind auf die Anweisung "Aufessen" seiner Mutter kräftig in den Teller beißt, stieß bei den Werbewächtern nur auf Kopfschütteln.

Insgesamt hatte der Werberat 140 Werbaktivitäten für das erste Halbjahr 2003 unter die Lupe genommen - verglichen mit dem Vorjahr ist das eine minimal sinkende Tendenz.

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