7. Mai 2009, 18:20 Uhr

Lernen mit dem Riesen-E-Book

Amazons elektronisches Lesegerät Kindle bekommt einen großen Bruder, wie gemacht für Studenten. Doch auch Zeitungsverlage setzen große Hoffnungen auf den Kindle DX - er soll Leser dazu bringen, für Nachrichten wieder zu zahlen. Von Karsten Lemm, San Francisco

E-Book, Sony Reader, Kindle, txtr

Amazon-Gründer Jeff Bezos präsentiert den großen Kindle DX©

Der Internethändler Amazon setzt voll auf elektronische Bücher: Das populäre Lesegerät Kindle, das sich bisher vorwiegend an Roman- und Sachbuchfreunde wendet, bekommt im Sommer einen Bruder mit deutlich größerem Display und mehr Speicher. Der Kindle DX, fast so groß wie eine Din-A4-Seite, kann sich bis zu 3.500 Bücher merken und komplexe Grafiken darstellen. Das soll gezielt Studenten ansprechen. Mehrere wissenschaftliche Verlage in den USA, die zusammen gut 60 Prozent Marktanteil halten, werden ihre Lehrbücher künftig auch elektronisch anbieten, gab Amazon bei der Präsentation des Geräts in New York bekannt. Obendrein wollen mehrere Zeitungen einem Teil ihrer Leser den Kindle DX im Rahmen eines Abonnements subventioniert anbieten, statt ihnen Nachrichten weiter auf Papier zuzustellen.

Mit seinem Display von knapp 25 Zentimetern Diagonale erlaube der Kindle DX ein weit besseres Lese-Erlebnis als das bisherige Modell, verspricht Amazon-Chef Jeff Bezos: "Sie müssen nie zoomen, nie scrollen, Sie können einfach lesen." Die Schwarzweiß-Anzeige, die auf der neuartigen E-Ink-Technik basiert, kann bis zu 16 Graustufen darstellen, ist deutlich kontrastreicher als Computerbildschirme und erfordert nur zum Umblättern Strom. Deshalb können E-Reader wie der Kindle tagelang mit einer Batterieladung durchhalten. Allerdings hat das größere Display des DX seinen Preis: Während der kleinere Kindle für 359 Dollar (etwa 270 Euro) zu haben ist, kostet die DX-Version 489 Dollar (knapp 370 Euro). Beide Modelle werden - anders als das Konkurrenzgerät Sony Reader - derzeit nur in den USA angeboten.

Immer noch ohne Wlan

An Lesestoff mangelt es nicht: Amazon hat sein Angebot an elektronischen Büchern auf inzwischen 275.000 Titel ausgebaut, dazu kommen Zeitungs- und Zeitschriften-Abonnements sowie Blogs. Alle Inhalte werden dem Kindle sekundenschnell über das Mobilnetz des Amazon-Partners Sprint zugefunkt, ohne dass zusätzliche Kosten anfallen. Auf Wlan verzichtet der neue DX genauso wie der bisherige Kindle. Allerdings kann er zusätzlich zu Büchern auch PDF-Dokumente darstellen.

So funktioniert elektronische Tinte

Den Schritt in Richtung Uni halten Experten für schlau und konsequent: "Der Lehrbuchmarkt ist wie geschaffen für E-Books", sagt Michael Gartenberg, Analyst beim Marktforscher Interpret LLC. Zwar werden weniger wissenschaftliche Titel verkauft als Taschenbücher auf dem Massenmarkt, doch die Preise sind deutlich höher. Im Durchschnitt gibt jeder US-Student gut 700 Dollar im Jahr für Lehrbücher aus. "Studenten sind eine Zielgruppe, die gezwungen ist, Bücher zu kaufen", sagt Gartenberg, „und mehr noch: Die Bücher werden ständig aktualisiert." Wer auf dem Laufenden bleiben will, kommt also nicht umhin, immer wieder neu in die Tasche zu langen.

E-Book, Sony Reader, Kindle, txtr

Der Kindle DX soll elektronisches Zeitungslesen ermöglichen©

Keine Infos über Buchpreise

Weder Amazon noch die wissenschaftlichen Verlage haben bisher bekanntgegeben, wie teuer die digitalen Ausgaben der Lehrbücher sein werden. Romane und Sachbücher für den Kindle sind in der Regel deutlich billiger als die gedruckte Ausgabe, oft kosten sie unter zehn Dollar. "Die Annahme liegt nahe, dass auch die Lehrbücher günstiger angeboten werden", sagt Sarah Rottman Epps, Medien-Analystin bei Forrester Research. Der Marktforscher schätzt, dass Amazon und Sony bereits mehr als eine Million elektronische Lesegeräte verkauft haben. Fünf Millionen weitere Amerikaner, glaubt Forrester, interessieren sich für einen E-Reader. Akademiker gezielt anzusprechen, sei "eine sehr clevere Strategie", sagt Rottman Epps: "Wenn Studenten Geld sparen können, indem sie elektronische Lehrbücher kaufen, wird das Lesegerät für sie sehr attraktiv."

Eine Handvoll Universitäten, darunter die Elite-Akademie Princeton, wollen im Herbst den neuen Kindle DX kostenlos an einige hundert Studenten verteilen. Das Pilotprogramm soll zeigen, ob elektronische Bücher das Lernen erleichtern - ganz buchstäblich, weil Studenten nicht mehr Kilo schwere Wälzer mit sich herumschleppen müssen, aber auch, weil E-Books noch andere Vorteile gegenüber Büchern auf Papier haben. Man kann blitzschnell in ihnen suchen, auch Anmerkungen sind beim neuen DX möglich, und Textsstellen lassen sich markieren ähnlich wie mit Textmarker auf Papier. Amazon-Chef Bezos spekuliert bereits, dass US-Universitäten all ihren Studenten kostenlos E-Reader zur Verfügung stellen könnten, ähnlich wie einige das mit Laptops tun.

Zeitungsverlage hoffen derweil, mit Geräten wie dem Kindle DX wieder Anschluss an die Zukunft zu finden: Die New York Times, der Boston Globe und die Washington Post wollen den E-Reader testweise Lesern anbieten, die in abgelegenen Gegenden wohnen - Gegenden, in denen sich eine Zustellung auf Papier nicht lohnt. Wer die Zeitung abonniert, bekommt den Kindle DX billiger. "Die Verlage versprechen sich davon Leserbindung und die Chance, Kosten zu senken", erklärt Forrester-Analystin Rottman Epps. Schon mehrere Zeitungen in den USA mussten in den vergangenen Monaten ihre Druckerpressen stilllegen, weil das traditionelle Geschäft, Nachrichten auf Papier zu verkaufen, angesichts fallender Auflagen und schwindender Anzeigeneinnahmen zu teuer wurde. Elektronische Lesegeräte seien nun "beinahe so etwas wie die letzte Hoffnung" der Verlage, sagt Rottman Epps.

Amazon ist nicht der Einzige, der das Nachrichtengeschäft ins Visier genommen hat: In Europa bietet die Philips-Tochter iRex seit einer Weile ihren iLiad-Reader an, in den USA arbeiten der Hearst-Verlag und Neuling Plastic Logic an Lesegeräten mit großer Anzeige, auf denen Zeitungen und Zeitschriften besser zur Geltung kommen. "Keine Frage, die Zukunft gehört großformatigen Geräten, die nicht nur für Bücher ideal sind", urteilt Richard Doherty, Präsident der Unternehmensberatung Envisioneering Group. Verlage, so spekuliert er, könnten E-Reader künftig nicht nur subventionieren, sondern verschenken: Leser, die sich verpflichten, eine Zeitung oder Zeitschrift über einen bestimmten Zeitraum zu beziehen, bekämen die Geräte kostenlos - ähnlich wie ein Handy beim Abschluss eines Mobilfunkvertrags. "Schon das Drucken ist teurer, als die Zeitung am Kiosk einbringt", argumentiert Doherty, hinzu kommen Transportkosten und Personal - also könnten die Verlage beim digitalen Vertrieb nur gewinnen. "Wenn der Preis der Hardware fällt, gibt es das Lesegerät beim Abonnement womöglich bald dazu."

Von Karsten Lemm, San Francisco
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Blacky007 (08.05.2009, 12:14 Uhr)
Preis viel zu hoch
Für 150EUR mehr bekommt man ein Laptop mit drehbarem Touchscreen, was will ich da mit einem reinen Lesegerät?
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