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20. Juni 2009, 07:55 Uhr

Der Durchbruch rückt näher

Wegfahrsperren, Bezahlsysteme, Zugangskontrollen - Die Funkerkennung RFID wird schon lange als Technologie der Zukunft gehandelt. Bisher haben allerdings Datenschutzbedenken und vor allem hohe Materialkosten den Masseneinsatz verhindert. Doch das könnte sich nun ändern. Von Peter Ilg

RFID, Funkerkennung, RFID-Chip, Polymere

An der mexikanisch-amerikanischen Grenze erfolgt die Identifikation bereits mit RFID-Technologie© Denis Poroy/AP

Die Funkerkennung RFID ist die Zukunft in der Logistik und kann vom Hersteller bis in den Kühlschrank der Verbraucher hineinreichen. Doch alles hat seinen Preis und der liegt im Fall des Joghurtbechers als Synonym für Massenartikel noch weit über der Akzeptanzgrenze der Kunden. "Selbst der Preis für passive Transponder ist immer noch zu hoch, als dass auf jedem Joghurtbecher ein Chip angebracht werden könnte", weiß Daniel Gille. Er promoviert am Institut für Telematik an der Universität Freiburg zum Thema "Wirtschaftlichkeit von RFID-Systemen". Ein einzelner Abnehmer, der über drei Millionen Chips bei einem Hersteller kauft, muss trotz aller Mengenrabatte immer noch zwischen sieben und elf Cent für einen passiven Transponder in der einfachsten Ausfertigung auf den Tisch legen. Chips werden aus teurem Silizium hergestellt, das würde die Preise für die Produkte deutlich in die Höhe treiben.

Nach einer weit verbreiteten Einschätzung liegt die Obergrenze bei einem Cent pro Artikel, den die Verbraucher bereit sind, für Niedrigpreisprodukte draufzulegen. Das ließe sich erreichen, wenn die Chips kostengünstig auf Polymere aufgedruckt werden können. Gedruckte Funkchips, hergestellt aus polymeren Schaltkreisen auf dünner und flexibler Polyesterfolie wurden nun erstmals in verschiedenen Alltagssituationen in Deutschland etwa bei der Einlasskontrolle zu Veranstaltungen in Feldversuchen getestet. "Mit dem weltweit ersten Test der gedruckten Elektronik wurde gezeigt, dass die Technologie nun marktreif und ein enormes Potential vorhanden ist", verkündet der Fürther Hersteller PolyIC.

"RFID beeinflusst schon heute unser Leben"

Die vier Buchstaben RFID stehen für Radio Frequency Identification und bedeuten soviel wie Funkerkennung. Die Technik erlaubt es, Daten zu lesen ohne sie zu speichern und ohne sie zu berühren oder Sichtkontakt mit ihnen zu haben. Das System besteht aus zwei Teilen, dem Sender der Daten, Transponder genannt, und einem Lesegerät. Der Transponder wird auf der Ware angebracht und übermittelt auf Anfrage Daten über Funk an das Lesegerät.

Auch wenn immer noch in unseren Kühlschränken Joghurt und Milch fehlen, ist sich Dr. Andrea Huber sicher: "RFID beeinflusst auf jeden Fall schon heute unser Leben". Huber ist Geschäftsführerin vom Informationsforum RFID, einem Verein, in dem sich Unternehmen zusammengeschlossen haben, um diese Technologie zu fördern. Es sei ein Mythos, dass RFID hauptsächlich im Einzelhandel zur Anwendung komme. "Im Alltag gibt es bereits zahlreiche Anwendungen", so Huber und zählt auf: die Wegfahrsperre in Autos, Ausleihsysteme in Bibliotheken, kontaktlose Bezahlsysteme in öffentlichen Verkehrsmitteln und -einrichtungen, Zeitmessungen bei Marathonläufern oder die Zugangskontrollen in Bürogebäuden. "Es gibt sogar eine Anwendung, die Waffen gegen die Benutzung durch Unbefugte sichert", verkündet sie.

Mit der Funkerkennung Papierbelege sparen

Im Norden Deutschlands zieht RFID nun beim Volkswagen-Konzern ein, der seine Materiallogistik danach ausrichtet. Mittels Funkerkennung werden Bauteile - beispielsweise Schiebedächer für den neuen Golf - von Lesegeräten erfasst: vom Warenausgang beim Lieferanten über den Transport bis zum Wareneingang bei Volkswagen, dann bei der Einlagerung, Entnahme und beim Einbau an der Montagelinie. Mit der Funkerkennung erspart sich der Automobilhersteller Papierbelege und Barcode-Aufkleber im weltweiten Liefer- und Fertigungsverbund. Allein im Wareneingang soll sich der manuelle Aufwand um bis zu 80 Prozent verringern.

Für Dr. Elgar Fleisch ist RFID eine Technologie, die ein "Internet der Dinge" ermöglicht. "Das Internet der Dinge reicht über den Bildschirm hinaus in die physische Welt", meint der Professor von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und der Universität St. Gallen. Grundsätzlich könne so jeder Gegenstand Teil des neuen Internet werden, das für Fleisch "ein zwingender nächster Schritt in die Informationsgesellschaft ist. "Es wird in vielen Fällen sehr schnell so selbstverständlich sein wie Strom, sodass wir das Internet der Dinge gar nicht bewusst wahrnehmen", prognostiziert er. RFID sei ein wichtiger technologischer Baustein dieser Entwicklung.

Doch alles hat bekanntlich zwei Seiten. Mit RFID wird das berufliche und private Leben in manchen Bereichen leichter und einfacher. Auf der anderen Seite bezahlt der Konsument jede Vereinfachung mit zusätzlicher Abhängigkeit etwa von Strom und einem möglichen Verlust an Privatsphäre. Gegner von RFID warnen in diesem Zusammenhang vor dem gläsernen Konsumenten. Denn sollten alle Artikel mit Chips ausgestattet sein, wüsste der Einzelne nicht mehr, welche Informationen über ihn weitergegeben würden. Deshalb raten Datenschützer dazu, dass sich die Chips nach dem Kauf der Ware selbst zerstören oder an einer Deaktivierungsstation am Ausgang eines Geschäfts zerstört werden können.

Mitte Mai hat nun die Europäische Kommission Empfehlungen zu Privatsphäre und Datenschutz bei RFID beschlossen, die in diese Richtung gehen. "Den Verbrauchern sollte bekannt sein, welche Artikel in den Geschäften mit RFID-Chips ausgestattet sind. Beim Kauf solcher Artikel sollten die Chips noch im Geschäft automatisch, umgehend und kostenfrei deaktiviert werden, es sei denn, sie sollen auf ausdrücklichen Wunsch des Käufers funktionsfähig bleiben", so die Empfehlungen der Kommission an die Mitgliedstaaten. Die haben nun zwei Jahre Zeit, die Kommission über ihre geplanten Maßnahmen zu unterreichten.

Von Peter Ilg
 
 
KOMMENTARE (10 von 23)
 
Aufraeumer (22.06.2009, 16:58 Uhr)
@Kiezzabel und Bebuquin
Alles schön und gut, was ihr hier schreibt, aber mal ne Frage:
1. Wie geht ihr einkaufen, ohne dass, jemand sieht, was ihr kauft?
2. Meint Ihr wirklich nur weil RFID-Chips an eurem Produkten kleben, ändert sich was?
PS: Unwissenheit, Gutgläubigkeit??? Nein, einfach nur ne andere Einstellung...
Bebuquin (22.06.2009, 14:37 Uhr)
@Kiezzabel
"
AB der Schnittstelle zum Konsumenten hört der SPaß natürlich auf. Es geht einfach keinen etwas an, was ich in meiner Einkaufstüte nach Hause trage. Völlig unabhängig davon, dass ich nichts zu verbergen habe. Es ist ein Grundprinzip einer freien Gesellschaft.
*
warum das einige nicht verstehen, bleibt mir ein Rätsel. "
--> Dafür gibt es einige Erklärungsmöglichkeiten:
1. Sie wissen nicht genug über das Thema und besitzen eine naive Gutgläubigkeit gegenüber Autoritäten.
2. Sie haben zwar schon davon gehört, sind aber zu dumm, um die Problematik nachzuvollziehen.
3. Sie haben davon gehört bzw. kennen sich mit der Thematik aus, aber sie haben etwas gegen eine freie Gesellschaft bzw. befürworten aus verschiedensten Gründen eine Totalüberwachung.
Frabi (22.06.2009, 10:52 Uhr)
@panzertom Stromversorgung

Passive RFID-Transponder verfügen meist über keine eigene Energiequelle. Sie beziehen die Energie, die sie zum Senden ihrer Informationen und Daten benötigen aus den empfangenen Funkwellen des Lesegerätes. Die Antenne des Tranponders dient dabei als Spule und lädt einen Kondensator auf, der die Stromversorgung sicherstellt.
Somit reicht es in den meisten Fällen aus das Lesegerät mit einer Stromversorgung auszustatten. Das ist auch sinnvoll, da das Lesegerät meist stationär, bzw. nicht so stark in der Größe limitiert ist.
Kiezzabel (21.06.2009, 19:14 Uhr)
RFID
RFID werden in der Logistik schon lange eingesetzt. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden.
*
AB der Schnittstelle zum Konsumenten hört der SPaß natürlich auf. Es geht einfach keinen etwas an, was ich in meiner Einkaufstüte nach Hause trage. Völlig unabhängig davon, dass ich nichts zu verbergen habe. Es ist ein Grundprinzip einer freien Gesellschaft.
*
warum das einige nicht verstehen, bleibt mir ein Rätsel.
MRP66 (21.06.2009, 15:32 Uhr)
Hier gibt's...
..ein nettes Video dazu. Geht nur ein paar Minuten. Einige kennen es denke ich schon.
http://www.youtube.com/watch?v=SGD2q2vewzQ
panzertom (21.06.2009, 15:26 Uhr)
Und woher kommt der Strom?
Der Sender namens Transponder sendet. Und das Lesegerät empfängt. Das habe ich begriffen. Aber woher kommt der Strom für die Aktivität des Senders? Das hätte stern.de uns auch noch verraten sollen.
Angste (21.06.2009, 14:46 Uhr)
@Aufraeumer
Meinen sie nicht, daß eine gewisse Skepsis angebracht ist, einfach so aus Erfahrung? Nicht gegen die Technik an sich, sondern wie und wann sie angewandt wird?
@JosefG
Ich wette, sie haben Gardinen vor dem Fenster, Schlösser an der Tür, um eine gewisse Privatsphäre zu behalten?
Diese "wer nichts zu verbergen hat..." ist nur noch peinlich, entschuldigen sie bitte.
Aufraeumer (21.06.2009, 11:59 Uhr)
RFID - USA - OSAMA
Wahrscheinlich hat die CIA in Zusammenarbeit mit FBI und NSA diese Technologie entwickelt, um dann in 30 Jahren, wenn jeder diesen Chip zwangshaft implantiert bekommt, herauszufinden, wo Osama steckt...
Man Leute, hört doch auf mit euren Verschwörungskacke. Wer nicht mit der Zeit geht, wir mit der Zeit gegangen und in der modernen Technik immer nur das Schlechte zu sehen, ist wirklich schlimm!
JanvanHelsing (21.06.2009, 11:06 Uhr)
es geht nicht nur um Joghurtbecher
Wer von ihnen hat denn schon einen neuen Reisepass der BRD???
Denn in ihm, eiderdaus, ist ein RFID Chip enthalten, weil man sonst nicht i.d. USA einreisen darf.
Alle neuen Reisepässe ab 2005 enthalten diese Technologie, gute Reise noch.
JosefG (21.06.2009, 09:40 Uhr)
@Gruebler-66
Und was kaufen Sie so abartiges, das keiner wissen darf?
Mir ist diese Datenerfassung völlig wurschd. Ich kaufe seit dreissig Jahren alles mögliche über den Versandhandel und bezahle stets mit Kredit- und sonstigen Karten soweit es möglich ist.
Dass mir Online-Shops und Fachgeschäfte auf mich angepasste Werbemails schicken finde ich grossartig. Als "guter Kunde" kriege ich so als erstes die Flyer mit den fettesten Rabatten zu sehen. Egal ob es nun um Elektronik, Delikatessen oder Mode geht, da sind schnell ein paar tausender übers Jahr eingespart.
Das wäre manchem schon sein ganzes Hartz.
Und wenn mich etwas wirklich nervt, so ist es diese antiquierte Scannerkasse im Supermarkt. Bei der ich im Schweinsgalopp hundert Artikel ein und auspacken muss und von einer mies gelaunten Lohnsklavin abgefertigt werde. Da wurde ich mit Kusshand 10 Euro zuzahlen, wenn diese Tortur endlich aufhören würde.
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