Andreas Feininger, Sohn des berühmten Malers Lyonel Feiniger, war ein Meister der feinen Fotografie. Er suche stets das Schöne und wollte mit der Kamera das festhalten, was er liebte. Von Jochen Siemens

"Akt am Strand"© Andreas Feininger
Die Menschen, die vorbeigingen, werden nicht auf ihn geachtet haben. Ein Mann im Schaufenster bei Karstadt in der Hamburger Steinstraße, ja, wer wird das schon sein, ein Dekorateur eben. Einer, der die neuen Kleider auf Drahtpuppen hängte und irgendwas, vielleicht eine Wiese oder einen Baum, als Hintergrund malte. Hätten die Passanten genauer hingesehen, wäre ihnen die dicke runde Brille des Mannes aufgefallen, durch die er sehr konzentriert, aber nicht unbedingt glücklich blickte. Das war 1930, Andreas Feininger war 24 Jahre alt und war eigentlich nach Hamburg gekommen, um als Architekt zu arbeiten.
Aber all das Klinkenputzen, das Vorstellen und Bewerben nutzte nichts, niemand hatte Arbeit für den Sohn des Malers Lyonel Feininger, Jude mit einem amerikanischen Pass. Deutschland hatte 4,4 Millionen Arbeitslose; bei der Reichstagswahl 1930 vervielfachten die Nationalsozialisten ihre Mandate von 12 auf 107 Sitze, und Adolf Hitlers antisemitisches Gebrüll hatte auch Hamburg erreicht. Andreas Feininger nahm die Arbeit als Schaufensterdekorateur aus Not an, er brauchte Geld, um weiter an seiner wahren Leidenschaft zu arbeiten. Der Fotografie.
Es sind stille Bilder, in denen Feininger 1931 seine Hamburger Jahre dokumentierte, stille Bilder nächtlicher Straßen im Regen, menschenleer, so als traute der Fotograf den Menschen nicht, die hier am Tag unterwegs waren. Deutschland als dunkle Kulisse in der Nacht.
Es waren die letzten Aufnahmen, die Andreas Feininger von Deutschland machte, bevor er das Land verließ und zu dem wurde, was er auch nach seinem Tode 1999 blieb: einer der wichtigsten Fotografen - und der wohl meistgelesene Fotografenlehrer des vergangenen Jahrhunderts. Seine Bilder und seine Bücher bilden bis heute das umfassendste Lehrmaterial der Fototechnik, kaum ein Fotograf, auch im digitalen Zeitalter, hat die „Große Fotolehre“ und den "Creative Photographer" von Feininger nicht studiert. "Es war das Buch, mit dem bei mir alles anfing", sagt etwa der Fotograf Peter Lindbergh. Feiningers Bilder illustrieren die Lehre, sie sind vollendete Schwarz-Weiß-Technik, sie sind wohlüberlegte Kompositionen aus Grafik, Stil und Inhalt, und sie sind, wie es Feininger selbst sagte, die kreative Kombination aus "know how" und "know why".

Die "Queen Elizabeth" in New York, 1954© Andreas Feininger
Dass der Didaktiker Feininger die Zeit, die Wörter und auch die Reflexion fand, seine Arbeit in Lehrbüchern zu erläutern, sagt auch viel über den Fotografen Feininger aus. Im Vergleich zu vielen Kollegen seiner Zeit, die neue Stile und Techniken entwickelten, war er kein Draufgänger wie Robert Capa, kein surrealistischer Sinnsucher wie Man Ray und kein Porträt-Fotograf, der Gesichter erforschte wie Horst P. Horst. Feininger war vielmehr der nüchterne Baumeister, der mit seiner Technik eine Landschaft, die Straßen von New York oder die innere Struktur eines Knochens für das menschliche Auge festhielt. "Ich glaube, dass idealerweise ein Fotograf dem Betrachter mehr zeigen sollte, als er in Wirklichkeit zu sehen vermag", sagte er einmal.
Es ist schwer zu sagen, wo die genauen Wurzeln dieser nüchternen Akribie liegen, Andreas Feininger hat von seiner Biografie nie viel Aufhebens gemacht. Wenn er aus seinem Leben erzählte, so erinnert sich Thomas Buchsteiner, einer seiner Nachlassverwalter, dann klang das immer wie die Abfolge von Ereignissen. Der älteste von drei Söhnen des Malers Lyonel Feininger wurde 1906 in Paris geboren; die Familie hatte amerikanische Pässe, weil der Großvater Mitte des 19. Jahrhunderts in die USA emigriert war. 1908 zogen die Feiningers in die Nähe von Berlin, wo der Junge in die Schule kam. 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, gingen die Feiningers nach Weimar - der Vater folgte dem Ruf des Leiters der Bauhaus-Schule Walter Gropius, dort eine grafische Werkstatt zu leiten. Ähnlich wie sein gleichaltriger späterer Kollege Horst P. Horst spürt Andreas Feininger in Weimar, dass hier ein künstlerischer Aufbruch stattfindet.
Das ästhetische Motiv der Bauhaus-Schule, der Welt neue, klare Formen zu geben, ist auch eine Gegenbewegung zur restaurativen Politik der Weimarer Republik, und der junge Feininger macht sich die Revolte zu eigen - er verweigert jede Autorität und muss 1922 das Gymnasium verlassen. Erfolgreich bewirbt er sich an der Bauhaus-Schule und lernt zusammen mit Marcel Breuer das Kunsttischler-Handwerk. Vier Jahre später schreibt sich Feininger an der Staatlichen Bauschule in Zerbst bei Dessau als Architekturstudent ein. Und macht eine Entdeckung. Im Zimmer seiner Mutter.
Eine 6,5 x 9 cm-Voigtländer-Kamera mit Glasnegativplatten. Doch anders als bei fotografierenden Malern, die in der Fotografie die Beschleunigung ihres künstlerischen Prozesses sahen, verbindet Feininger mit der Kamera eine sachliche Faszination. Sie wird sein Notizbuch, er spaziert und reist herum und fotografiert Häuser, Straßen und Stadtansichten. Jede Struktur, jeder Schatten eines Kirchturms, jedes architektonische Motiv in der Natur findet seine Aufmerksamkeit. Er ist ein fotografischer Formsucher, kein Geschichtenerzähler, kein Menschenbildner. "Ich bin nicht an Menschen als Individuen interessiert", sagt er später einmal, "dagegen interessieren mich besonders Wirkung, Struktur und Form der Natur. Und Werke des Menschen, die sich als ein Teil eines größeren Ganzen offenbaren, also eine Stadt, Landschaft, Industrie und Umgebung." Und so bleibt er zunächst ein fotografierender Architekt und ein Tüftler mit der Kamera.