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13. Mai 2008, 07:48 Uhr
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Die Knochenmühle

Wo "Made in China" drauf steht, ist Geiz noch geil. Zahlen müssen dafür mehrere Millionen chinesische Wanderarbeiter: Ihr Blut heißt "Standortvorteil", denn nirgendwo können Unternehmer es billiger vergießen. Eine Reportage aus dem Land der Kranken und Krüppel. Von Wolfgang Bauer, Fotos: Daniel Rosenthal

Bei der Arbeit wurde er von einem Stromschlag getroffen, jetzt ist der ehemalige Elektriker Liu Bang-Hua mehrfach amputiert© Daniel Rosenthal

Der Tod reißt an Herrn Yang, auf den Treppenabsatz drückt er ihn zu Boden. Den Hals hat er ihm bgeklemmt und die Lunge mit Eiter zulaufen lassen. Doch Herr Yang wehrt sich, würgt, stützt sich an der Wand ab. Er spannt jede Sehne. Hustet sich das Leben in die Brust. Weißer Schaum spritzt in Flocken auf seine Unterlippe.

Herr Yang, noch keine 40 Jahre alt, keine 40 Kilo schwer, kämpft mit aller Kraft, nicht in sich zu ertrinken. Im Treppenhaus hallt das dunkle Husten und das helle Gurgeln, das aus seinem Inneren kommt. Die Zähne blecken im aufgerissenen Mund als wollten sie Luft beißen. Die Familie im Haus hält inne. Seine Frau hört auf, in der Küche das Gemüse zu putzen. Der Sohn starrt nur noch teilnahmslos in das Fernsehprogramm. Den Todeskampf des Herrn Yang kennen sie seit Monaten. Mehrfach am Tag und in der Nacht führt er ihn, zunehmend verzweifelt, und alle wissen: Bald verliert er ihn.

Die Schmuckstücke ließen etwas vom Tod in seiner Lunge

Die Fabrik hatte ihm gesagt, das wird wieder. Ein vorübergehendes Unwohlsein. Der erste Arzt, den er konsultierte, erkannte eine leichte Erkältung. Als Herr Yang Grippemittel nahm und es über Monate nicht besser wurde, sagte ein anderer Arzt, die Erkältung sei wohl etwas schwerer. Im Krankenhaus erklärte man ihm unvermittelt: "Wir können nichts mehr für Sie tun. Sie haben eine Staublunge."

13 Jahre lang sägte er in der Fabrik Schmucksteine zurecht, atmete Steinsplitter ein, ohne Maske, mit wenigen Zentimetern Abstand, von morgens sieben bis abends zehn. Sieben Tage die Woche, mit einem freien Tag im Monat. Europa und die USA hatte die Fabrik mit seinen Schmuck versorgt, es gibt dort Zehntausende junger Frauen, die Arbeit aus Herrn Yangs Händen am Dekolleté tragen. Liebesgeschenke, die Mütter ihren Töchtern kauften, Freunden den Freundinnen, und immer auch etwas vom Tod in Herrn Yangs Lunge hinterlassen haben.

Unser Reiseführer für diese Reportage in ein Land der Kranken und Krüppel ist Tu Men, einer seiner früheren Kollegen. Mit 60 anderen Steinschneidern der Schmuckfabrik "Lucky Germs" leidet er unter der Staublunge und wird an ihr sterben. Anderthalb Wochen lang begleitet uns Herr Tu durch entvölkerte Dörfer und eine im Innersten zerstörte Gesellschaft. Als einziges Gepäckstück trägt er dabei eine kleine Umhängetasche.

Die Industrie tötet in China mehr Menschen als jede Seuche, 100.000 Arbeiter rafft sie nach inoffiziellen Schätzungen jedes Jahr dahin. Nirgendwo auf der Welt fordert eine Volkswirtschaft mehr Opfer. Sie ersticken in Kohleminen, werden von veralteten Produktionsmaschinen zerrieben, zerfetzen bei Explosionen in Chemiebetrieben.

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KOMMENTARE (10 von 21)
 
Skarrin (14.05.2008, 11:05 Uhr)
Die China-Begeisterung der deutschen Wirtschaft
ist angesichts solcher Verhältnisse sehr gut zu verstehen! Schließlich wird ja auch bei uns unermüdlich an der flächendeckenden Wiederherstellung solcher Arbeitsbedingungen gearbeitet, siehe z.B. Wallraffs Bericht aus der Lidl-Bäckerei. Es ist halt viel billiger, Profite durch Ausbeutung rechtlosen Produktivpöbels zu machen, als durch Forschung und Innovation in die man erstmal investieren müßte.
manndernichtdaist (13.05.2008, 15:26 Uhr)
lucky-gems.com
hübsche sachen, gleich mal für 200 Euro bestellt......
nein quatsch natürlich kauf ich nicht jeden mist. aber wir alle kaufen extrem viel chinesenzeug. das sollte endlich mal aufhören. wir zahlen 1,50€ pro liter benzin und kaufen KIK oder H&M hosen für 1,99€ das stück. sorry aber wenn ich mir eine hose kaufe, möchte ich qualität und keine chinesenkinderhände dran sehen. leider denken da die wenigsten so.
sophisticated (12.05.2008, 13:16 Uhr)
@swissmiss
Nee, das sehe ich ganz und gar nicht als "Gott gegeben" (das wäre ja eine Verhöhnung Gottes)! - Das ist systembedingt so. Das haben wir so erfahren, das haben andere so erfahren, wundern wir uns noch darüber? (Und wenn ja, Sich-Wundern macht keine Fortschritte, da muss man schon aktiv ändern; Fair-Trade ist immerhin ein Tropfen auf den Stein, ändert aber das System auch nicht, sondern stützt es letztlich.)
Swissmiss (11.05.2008, 19:46 Uhr)
@sophisticated
Es bestreitet ja auch niemand, dass die Arbeitsbedingungen in Europa zu Beginn der Industrialisierung bis z.T. noch weit ins 20.Jhr. hinein sicher mindestens so schlimm waren, wie sie heute in China sind. Trotzdem ist es billig, dies einfach als "von Gott gegeben" hinzunehmen. Auch in Europa haben die Leute damals für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. Und heute sind wir froh um das Erreichte. Wenn man also irgendwie (z.B. eben mittels Artikel in westlichen Zeitungen, durch die dann aufgeschreckte Konsumenten nur noch "fair trade"-gehandelte/produzierte Produkte kaufen) die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in andern Ländern voranbringen kann, ist das doch zu befürworten, oder?
sophisticated (11.05.2008, 12:54 Uhr)
Das kann man so oder anders sehen!
Wer mich aus den Blogs im Stern kennt, weiß, dass ich China sehr kritisch gegenüberstehe.
Aber der Artikel ist mir zu billig. Die Arbeitsbedingungen dort unterscheiden sich im augenblicklichen Industrialisierungsstadium Chinas von keinen europäischen. Wenn man sich erinnert, wie die Arbeitsbedigungen unter Tage noch in den 40er und 50er, teilweise sogar 60er Jahren bei uns war, wenn man sich erinnert wie die Maloche am Hochofen in den genannten Zeiträumen war (um nur wenige Bespiele zu nennen), dann ist das keinen Deut besser gewesen als das was in China geschieht. Die Brutalität liegt doch in dem Faktum der Ausbeutung! Die Arbeitsbedingungen sind nur eine Folge davon.
ganzbaf (11.05.2008, 08:54 Uhr)
"In der Geschichte eines Landes ...
muss immer eine Generation geopfert werden", sagt Herr Tu. "Wir sind diese Generation."
---
Geiles Statement.
ganzbaf (11.05.2008, 08:50 Uhr)
Selbstherrliche, autoritäre Regime...

Landflucht, Waffenexport, Überbevölkerung und Wirtschaftskriechertum - die fünf schlimmsten Geißeln der Menschheit.
Daisan (10.05.2008, 14:25 Uhr)
Es ist bereits seit langem bekannt, wie schrecklich die Zustände
in Chinas Arbeitswelt sind, trotzdem gibt es mehr als genügend geldgeile Manager und Unternehmer, die gar nicht genug dort investieren können.
Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen elementarste Menschrechte ist das meiner Ansicht nach. Jeder, der wissend (und das kann man hier wirklich unterstellen) um die Umstände in China "investiert", gehört sofort vor Gericht und mit hohen Gefängnisstrafen belegt.
Auch in Schlips und Kragen ist verbrecherisches Tun ein Verbrechen.
So und nicht anders gehört dies behandelt.
Skaf (10.05.2008, 12:20 Uhr)
@pola-pola
Unmoralisch...ja, natürlich ist die Art und Weise, wie diese Leute von ihrer eigenen "Volks"-Republik behandelt werden, unter aller Sau. Aber ich finde, man kann nicht alles auf die Verbraucher abwälzen. Es geht auch nicht, schließlich werden viele unserer alltäglichen Gebrauchsgegenstände nur noch in China hergestellt. Ohne manche Dinge kann man halt nicht leben. Die Verantwortung liegt meiner Meinung nach bei den Unternehmern und hautpsächlich beim chinesischen Staat. Was auf seinem Staatsgebiet passiert, dafür ist er verantwortlich , und er hat eben für menschliche Arbeits- und Lebensbedingungen zu sorgen. Eine Regierung, die meint, Tibet sei einzig und allein eine innere Angelegenheit, könnte und müsste sich auch für die Interessen IHRER Arbeiter einsetzen.
Und jetzt heißt es bestimmt, wir leben in einer globalisierten Welt und muss global denken. Wunderbar. Dann erwarte ich von den geldgeilen Managern, dass sie Menschenrechte nicht als Privileg ausschließlich der Verbraucher im Westen betrachten, sondern sich auch um ihre Einhaltung überall auf der Welt einsetzen. Aber da scheint die "Globalisierung" momentan leider noch Halt zu machen. Die UNO kann dabei auch eine wichtige Rolle spielen.
pola-pola (10.05.2008, 09:11 Uhr)
Bestätigung
Dieser Artikel bestätigt, was ich lange vermutete. Waren aus China zu kaufen ist unmoralisch. Aber warum kaufen die Menschen Artikel, die unter diesen Bedingungen hergestellt wurden?
Wenn ich z. B. bei E...KA Äpfel aus China sehe, frage ich mich: warum das? Gibt es hier nicht genug Sorten? Natürlich vermeide ich wo immer es geht, Produkte aus China zu kaufen! Das sollten alle Konsumenten tun. Gewinner sind die Firmen in China und den Importländern sowie deren politischen Komplizen.
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