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12. Mai 2008, 15:30 Uhr

Die Knochenmühle

Wo "Made in China" drauf steht, ist Geiz noch geil. Zahlen müssen dafür mehrere Millionen chinesische Wanderarbeiter: Ihr Blut heißt "Standortvorteil", denn nirgendwo können Unternehmer es billiger vergießen. Eine Reportage aus dem Land der Kranken und Krüppel. Von Wolfgang Bauer, Fotos: Daniel Rosenthal

Bei der Arbeit wurde er von einem Stromschlag getroffen, jetzt ist der ehemalige Elektriker Liu Bang-Hua mehrfach amputiert© Daniel Rosenthal

Der Tod reißt an Herrn Yang, auf den Treppenabsatz drückt er ihn zu Boden. Den Hals hat er ihm bgeklemmt und die Lunge mit Eiter zulaufen lassen. Doch Herr Yang wehrt sich, würgt, stützt sich an der Wand ab. Er spannt jede Sehne. Hustet sich das Leben in die Brust. Weißer Schaum spritzt in Flocken auf seine Unterlippe.

Herr Yang, noch keine 40 Jahre alt, keine 40 Kilo schwer, kämpft mit aller Kraft, nicht in sich zu ertrinken. Im Treppenhaus hallt das dunkle Husten und das helle Gurgeln, das aus seinem Inneren kommt. Die Zähne blecken im aufgerissenen Mund als wollten sie Luft beißen. Die Familie im Haus hält inne. Seine Frau hört auf, in der Küche das Gemüse zu putzen. Der Sohn starrt nur noch teilnahmslos in das Fernsehprogramm. Den Todeskampf des Herrn Yang kennen sie seit Monaten. Mehrfach am Tag und in der Nacht führt er ihn, zunehmend verzweifelt, und alle wissen: Bald verliert er ihn.

Die Schmuckstücke ließen etwas vom Tod in seiner Lunge

Die Fabrik hatte ihm gesagt, das wird wieder. Ein vorübergehendes Unwohlsein. Der erste Arzt, den er konsultierte, erkannte eine leichte Erkältung. Als Herr Yang Grippemittel nahm und es über Monate nicht besser wurde, sagte ein anderer Arzt, die Erkältung sei wohl etwas schwerer. Im Krankenhaus erklärte man ihm unvermittelt: "Wir können nichts mehr für Sie tun. Sie haben eine Staublunge."

13 Jahre lang sägte er in der Fabrik Schmucksteine zurecht, atmete Steinsplitter ein, ohne Maske, mit wenigen Zentimetern Abstand, von morgens sieben bis abends zehn. Sieben Tage die Woche, mit einem freien Tag im Monat. Europa und die USA hatte die Fabrik mit seinen Schmuck versorgt, es gibt dort Zehntausende junger Frauen, die Arbeit aus Herrn Yangs Händen am Dekolleté tragen. Liebesgeschenke, die Mütter ihren Töchtern kauften, Freunden den Freundinnen, und immer auch etwas vom Tod in Herrn Yangs Lunge hinterlassen haben.

Unser Reiseführer für diese Reportage in ein Land der Kranken und Krüppel ist Tu Men, einer seiner früheren Kollegen. Mit 60 anderen Steinschneidern der Schmuckfabrik "Lucky Germs" leidet er unter der Staublunge und wird an ihr sterben. Anderthalb Wochen lang begleitet uns Herr Tu durch entvölkerte Dörfer und eine im Innersten zerstörte Gesellschaft. Als einziges Gepäckstück trägt er dabei eine kleine Umhängetasche.

Die Industrie tötet in China mehr Menschen als jede Seuche, 100.000 Arbeiter rafft sie nach inoffiziellen Schätzungen jedes Jahr dahin. Nirgendwo auf der Welt fordert eine Volkswirtschaft mehr Opfer. Sie ersticken in Kohleminen, werden von veralteten Produktionsmaschinen zerrieben, zerfetzen bei Explosionen in Chemiebetrieben.

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