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Hier kommt auf den Teller, was andere wegschmeißen

Krumme Gurken, verbeulte Äpfel, zu mickrig geratene Kirschen: Nicht besonders schön, aber eigentlich wären sie lecker. Doch keine Chance - auf unverkäufliche Lebensmittel wartet der Mülleimer. Sechs Berliner wollen das nun ändern und starten Deutschlands erstes Reste-Restaurant.

Von Hanna Zobel

Reste-Restaurant

Restaurant mit Resten: Das Team "Restlos glücklich" will Lebensmittel vor dem Müll bewahren

Im Berliner Gründerzentrum Social Impact Lab laufen die Partyvorbereitungen. Eine Kiste mit gigantischen Zucchini steht im Flur. Ein Bauer hat sie gespendet für die Grillfeier am Abend. Denn: Wenige Stunden zuvor hat das Crowdfunding für das Projekt "Restlos Glücklich" begonnen. Das Ziel ist, in den kommenden 40 Tagen 50.000 Euro zu sammeln. Dann eröffnet im Herbst Deutschlands erstes Restaurant, in dem nur mit Lebensmittelresten gekocht wird. 

Auf die Idee kam Umweltwissenschaftlerin Anette Keuchel (37), als sie vor einem Jahr in Kopenhagen das Restaurant Rub&Stub entdeckte. Dort wird Hackbraten mit Rotweinglasur serviert, Mini-Quiches gefüllt mit Pilzen und Gorgonzolacreme, hübsche Desserts mit frischen Beeren. Alles hergestellt aus Waren, für die in den Supermärkten kein Platz mehr war. Keuchel war begeistert und entschied: So etwas braucht Berlin auch.

Gemeinsam mit Bildungsmanagerin Leoni Beckmann (27) und vier weiteren Lebensmittelrettern gingen sie auf Nahrungssuche: bei Bauern, Produzenten, Supermarktketten. "Wir versuchen dabei besonders auf Bio, regionale und saisonale Produkte zu achten", sagt Beckmann, "aber jedes Lebensmittel ist es wert, gerettet zu werden."

Ihr Konzept der Essensrettung ist nicht neu. Initiativen wie "Foodsharing" wollen der Wegwerfkultur seit Jahren etwas entgegen setzen. Sogenannte Foodsaver holen übriggebliebene Lebensmittel bei Supermärkten, Metzgern, Bäckereien und Märkten ab und verwerten sie. In öffentlichen Kühlschränken kann man Essen abgeben oder abholen. Allein in Berlin hat "Foodsharing" bereits mehr als zwei Millionen Kilo Lebensmittel vor der Tonne bewahrt. Aber zu retten gibt es noch immer genug.

Laut einer Studie des WWF vom Juni 2015 werden in Deutschland jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Davon seien etwa 10 Millionen noch genießbar. Nur würden Kunden lieber zu den frischesten Waren greifen. Weicht ein Produkt zu sehr von der Norm ab, wird der Produzent es nicht mal an den Handel los. Dann wandert die Riesenzucchini vom Feld direkt in den Müll. Nun steht sie stattdessen im Flur des Social Impact Lab - vorerst.

Reste-Restaurant für mehrere gute Zwecke

Die Suche nach einer Räumlichkeit läuft bereits seit längerem. Wie jeder WG-Anwärter auch, wünschen sich die künftigen Restaurant-Betreiber eine Location in Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain, Mitte oder Prenzlauer Berg. "Wir sind aktuell schon in Gesprächen über einen Laden", verrät Beckmann.

Dort soll alles richtig gemacht werden. Die Möbel aus Spenden, das Licht aus Naturstrom, das Essen ein täglich wechselnder Gaumenschmaus aus geretteten Nahrungsmitteln. Und vor allem: Ein bisschen Bewusstsein schaffen für die wertvollen Dinge, die oft einfach so verschwendet werden. Das ist der Hauptfokus von "Restlos Glücklich", um Geld geht es hier nicht. Die Mitarbeiter sind ehrenamtlich dabei, die Gewinne sollen in Bildungsprojekte investiert werden.

Die Idee kommt gut an. Das Kernteam wird inzwischen von rund 20 Freiwilligen unterstützt. "Seit wir an die Öffentlichkeit gegangen sind, haben sich auch schon einige Köche gemeldet", sagt Beckmann. In der täglich wechselnden Resteküche könnten sich die bald kreativ austoben.

Das Einzige, was fehlt, ist ein kleiner Anschub - 50.000 Euro in 40 Tagen. Und es könnte klappen: Innerhalb der ersten 72 Stunden hat "Restlos Glücklich" schon rund 8000 Euro gesammelt.


 

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