Ratgeber Sexualität

Reine Frauensache

Psychologie und Psychoanalyse

Die ersten wissenschaftlichen Berichte über Frauen, die sich in Frauen verliebten, gaben nur die Vorurteile der Sexualforscher wieder: Eigentlich imitiere die 'konträr empfindende' Frau einen Mann. Irgendwie sei sie ein bisschen zurückgeblieben. Weitere körperliche Auffälligkeiten waren nicht zu finden, und so kam man zu der Auffassung, das lesbische Verhalten sei Ausdruck einer geistigen Störung - etwa einer Neurose. Erworben vielleicht durch zuviel Kontakt von Frauen untereinander in Wohnheimen, Klöstern oder Gefängnissen oder durch Beziehungen zu den falschen Männern.

Erst Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, betrachtete die weibliche Homosexualität objektiver: Für ihn war sie eine von mehreren gleichberechtigten Möglichkeiten. Freud ging davon aus, dass der Mensch von Grund auf für jede sexuelle Partnerwahl offen ist: Homosexualität entsteht also nicht allein durch lebensgeschichtliche Einflüsse, sondern sie ist gemeinsam mit der Möglichkeit der Heterosexualität schon da. Erst wenn die Menschen sich der einen oder der anderen Seite zuwenden, müsse man fragen, warum sie dies tun. Vor allem aber galt Homosexualität für ihn nicht als Krankheit.

Endlich war klar: Homosexualität ist keine Krankheit

Das hinderte freilich andere Psychotherapeuten nicht daran, trotzdem an Lesben und Schwulen herumzudoktern und zu versuchen, ihnen ihre Vorliebe auszutreiben. Sie pflegten etwa Vorstellungen, dass die Frau sich vor dem Manne ekelt, weil sie einem impotenten Ehemann oder perversen Freiern begegnet ist. Verbreitet war auch der Gedanke, dass man zur Homosexualität 'verführt' werden könne: Wenn die Schülerin nur einmal erotische Spielchen mit ihrer Lehrerin gemacht oder die Gefangene einmal lustvollen Sex mit einer Mitgefangenen gehabt hätte, dann gäbe es keinen Weg mehr zurück - so lautete das Vorurteil.

Das Kinsey-Institut befragte wenige Jahrzehnte später zigtausende Amerikanerinnen nach ihrem Sexualverhalten. Als die Kinsey-Mitarbeiter diese Daten daraufhin untersuchten, was sie über den Einfluss des Elternhauses auf die Entwicklung der lesbischen Töchter und schwulen Söhne hergaben, wurde klar: Die Rolle der Eltern war nicht so groß, wie die Psychotherapeuten dachten. Ob sie homosexuelle Spielchen förderten oder bestraften, ob sie sich stritten oder wie sie ihre Machtposition in der Familie gestalteten - all das war unabhängig von der Orientierung des Nachwuchses. Ihre Familien waren nicht kaputter oder heiler als die Familien der Heteros. Auch eine Verführung durch Vergewaltigung oder andere sexuelle Begegnungen ließ sich statistisch nicht belegen.

Viele andere Tests kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Alle psychischen Probleme, mit denen Lesben oder Schwule zum Psychiater kamen, konnten mit den gleichen Begründungen erklärt werden wie die Probleme ihrer heterosexuellen Mitbürger. Die Homosexualität selbst war nicht die Krankheit. 1974 strichen die amerikanischen Psychiater das Krankheitsbild "Homosexualität" aus ihrem Diagnosekatalog. 1992 verschwand es endlich aus der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation. Für den Berufsverband deutscher Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie ist Homosexualität heute keine Krankheit, sondern eine häufige Form menschlichen Zusammenlebens und bedarf keiner Therapie.

Seite 1: Reine Frauensache
Seite 2: Viele Vorurteile
Seite 3: Psychologie und Psychoanalyse
Seite 4: Gene
Seite 5: Hormone
Seite 6: Gehirn
 
 
Jetzt bewerten
10 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL
Schwule Männer unter sich

Sex zwischen Männern kann die ganze Bandbreite sinnlicher Erfahrungen abdecken. Homosexualität ist eine Spielart der Sexualität - keine Verirrung. Trotzdem müssen sich Schwule immer noch rechtfertigen

Bisexualität Lust und Liebe ohne Grenzen

Sind Bisexuelle zu beneiden, weil ihnen der gesamte sexuelle Kosmos offen steht? Oder sind sie zu bedauern, weil sie sich einfach nicht entscheiden können? Für beide Annahmen gibt es Beispiele.

Heterosexualität Gegensätze ziehen sich an

Es ist eine alte Geschichte und bleibt doch immer neu: Junge trifft Mädchen, und es knistert. Aus Exotik wird Erotik. So will es die Natur. Oder nur die Kultur?

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage

ANZEIGE
Schon wieder zu früh gekommen?

Vorzeitiger Samenerguss: Jeder 5. Mann ist betroffen

mehr...
ANZEIGE
Vorzeitiger Samenerguss - Ein Paarproblem

Welcher Arzt ist der richtige?

mehr...
 
Krankenkassen-Vergleich Die beste Kasse finden

Sie suchen eine neue Krankenversicherung? stern.de findet die passende für Sie!
Zum Krankenkassen-Vergleich