Als sich Anfang der 90er-Jahre die Augen auf die Erforschung des menschlichen Erbguts richteten, tauchte auch das "schwule Gen" auf. Wissenschaftler glaubten, es anhand des Vergleiches von Familien gefunden zu haben, in denen schwule Söhne lebten. Von einem "lesbischen Gen" war nicht die Rede - schließlich wurden nur Männer untersucht. Aber was für die Schwulen gilt, wird für die Lesben wohl auch gelten, dachte die Sexualwissenschaft und hatte die Frauen mal wieder 'mitgemeint'.
Genau so wenig haltbar zeigten sich Studien an Zwillingspaaren. Forscher hatten schon in den 60er-Jahren berichtet, dass eineiige Zwillinge immer dieselbe Orientierung haben. Bei zweieiigen Zwillingen fanden sie dieses Phänomen nicht. Das wäre ein klarer Hinweis darauf, dass die Erziehung nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun hat, und diese ausschließlich durch die Gene bestimmt ist.
Doch ist die Welt nie so eindeutig, wie sie manchmal scheint. Nach einer Reihe von Familien- und Zwillingsstudien kann man heute festhalten: Bei eineiigen Zwillingen ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide homosexuell sind, deutlich höher als bei zweieiigen. Das gilt auch für Lesben, allerdings ist bei ihnen der Unterschied nicht so deutlich wie bei Schwulen. Folgerung: Vielleicht gibt es nicht 'das' eine Homo-Gen, aber irgendwie werden die Gene einen Beitrag dazu leisten, wie sich die sexuelle Vorliebe entwickelt.
Bei der Vorstellung, dass die Gene lesbisch oder schwul machen, wissen die Wissenschaftler nicht einmal, auf welche Weise sie das bewirken sollen. Es kann sich aber nur um indirekte Wirkungen handeln, bei denen eine Reihe von chemischen Prozessen im Körper ablaufen, die das Fühlen und Denken prägen. Für diese komplizierten Prozesse wiederum dürften eine ganze Reihe von Genen zuständig sein.
Drei davon will der amerikanische Genetiker Dean Hamer zusammen mit seinem Kollegen Brian Mustanski identifiziert haben, und zwar auf den Chromosomen 7, 8 und 10. Aber auch sie glauben nicht, dass diese Genabschnitte die einzigen sind, die für Homosexualität zuständig sein können, und wahrscheinlich sind sie auch nicht ausschließlich für Homosexualität zuständig.
So kann die Genforschung keine klaren Antworten liefern. Sie kann nur bei Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten bleiben. Letztere aber wenigstens beziffert sie sehr genau: Nach ausgiebiger Befragung schwedischer Zwillingspaare verkündeten Forscher, dass die Gene bei Schwulen zu etwa 35 Prozent für die Homosexualität verantwortlich sind, bei Lesben sind es ungefähr 18 Prozent. Auch den Anteil der Erziehung fanden sie zumindest für Lesben heraus: Mit circa 16 Prozent trägt sie zur Frauenliebe bei. Und es bleibt die Gewissheit, dass sich rund zwei Drittel aller Unterschiede zwischen Homos und Heteros der wissenschaftlichen Erkenntnis bisher völlig entziehen.