Wenn die Haut plötzlich anschwillt

Schwellungen im Gesicht oder im Rachen sind typisch für ein Angioödem. Grund dafür ist eine Wasseransammlung in tieferen Gewebeschichten, eine Reaktion, die durch vieles hervorgerufen werden kann.

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Beim Angioödem spannt die Haut, als wolle sie platzen©

Binnen weniger Minuten ist das Gesicht entstellt: Die Lippen sind zu prallen Wülsten verformt, die Augen zugeschwollen. Nur die Enden der Wimpern ragen noch zwischen den überdimensionierten Lidern hervor - als habe der Betroffene bei einem Boxkampf kräftige Fausthiebe abbekommen.

Tatsächlich ist nichts dergleichen geschehen. Der Körper reagiert auf viel subtilere Reize, etwa auf Medikamente, Lebensmittel oder Lebensmittelzusatzstoffe, vielleicht auf einen Infekt. Körperliche Anstrengung, physikalischer Druck, Kälte oder Vibration können ebenfalls Auslöser dieser massiven Schwellung sein, bei der die Haut spannt, als wolle sie platzen. Wenn das so genannte Angioödem im Gesicht auftritt, ist es nicht nur entstellend, sondern auch gefährlich, da der Verlauf nicht vorhersehbar ist. Betroffene sollten sofort ein Krankenhaus aufsuchen, denn wenn es sich auf Zunge, Rachen und Kehlkopf ausdehnt, droht Lebensgefahr: Die Schwellung kann die Atemwege verschließen und zu schwerer Atemnot und Erstickung führen. "Deshalb bekommt jeder unserer Patienten, der schon einmal ein Angioödem im Gesicht oder Hals hatte, von uns ein Notfallset", sagt Markus Magerl, Arzt am Allergie-Centrum-Charité in Berlin.

Wasseransammlung im Gewebe

Die Hautschwellung wird durch eine Wasseransammlung in tieferen Gewebeschichten hervorgerufen. Somit ist sie eigentlich nichts anderes als eine tief liegende, große Quaddel, und sie entsteht auch auf ähnliche Weise: Botenstoffe lassen die Blutgefäße in den unteren Hautschichten undicht werden. Wasser gelangt aus den Adern in das Gewebe ringsum. Weil unter der relativ festen Haut im weichen Gewebe mehr Platz für Wasser ist, sind Angioödeme meist größer und weniger scharf begrenzt als die Quaddeln der Nesselsucht. Die Schwellung ist zum Teil von außen sichtbar. Sie liegt aber tiefer und hebt die Haut an - deswegen ist sie nicht gerötet. Sie juckt nur wenig, kann aber besonders an Augen, Lippen und Schleimhäuten sehr groß werden. Tritt das Angioödem im Magen-Darm-Trakt auf, ist die Schwellung von außen nicht zu sehen. Dort löst sie krampfartige Schmerzen, Durchfall und Erbrechen aus.

Innerhalb einiger Tage bildet sich die Schwellung vollständig zurück, kann aber in unregelmäßigen Abständen wiederkommen.

Ärzte unterscheiden grob zwei Formen des Angioödems:

  • Das so genannte histaminvermittelte Angioödem. Zu dieser Form gehören das allergische Angioödem sowie das durch Medikamente ausgelöste Angioödem.
  • Angioödem aufgrund eines so genannten erblichen/ hereditären C1-Inhibitor-Mangels (HAE). Der C1-Inhibitor ist ein Eiweiß im Blut mit Abwehrfunktion. Ein Mangel kann erblich sein, wovon es wiederum zwei Unterformen gibt: Einmal wird der C1-Inhibitor nicht in ausreichender Menge oder fehlerhaft gebildet im anderen Fall funktioniert er nicht richtig. Daneben gibt es auch einen Angioödeme durch erworbenen C1-Inhibitor-Mangel (AAE), der den Unterformen des erblichen ähneln kann.

In den meisten Fällen ist das Angioödem das Symptom einer anderen Erkrankung. Am häufigsten ist es eine Begleiterscheinung einer Nesselsucht - der Botenstoff Histamin aus den Mastzellen vermittelt die Schwellung. Eine akute Nesselsucht wiederum hat etwa jeder Vierte bis Fünfte einmal im Leben. Das erbliche (hereditäre) Angioödem hingegen tritt viel seltener auf: "Ein bis zwei von 100.000 Menschen leiden unter dieser Form", sagt Magerl. "Vermutlich gibt es aber eine hohe Dunkelziffer."

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Der stern-Experte
Prof. Dr. med. Torsten Zuberbier und sein Team von der Berliner Charité und der europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) stehen dem Ratgeber Allergie ehrenamtlich als Experten zur Seite.