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Warum schämen wir uns fremd?

Der Partner macht einen schlechten Witz, der Prof hat Petersilie zwischen den Zähnen. In solchen Momenten wäre es gut, täte sich spontan der Erdboden für einen auf. Doch warum juckt es uns überhaupt, wenn andere sich blamieren?

Eine Person schämt sich, weil zwei andere grölen

Nichts ist peinlicher, als im Urlaub auf andere deutsche Touristen zu treffen, die sich daneben benehmen. Dabei sollte uns das Verhalten anderer doch egal sein, oder?

Es hätte ein guter Abend werden können: Ein Abendessen beim schicken Italiener - weiße Tischdecken, guter Wein, Kerzenschein... Hätte! 

Hätte der Partner nicht plötzlich den Chefkoch an den Tisch zitiert, sein weltmännisches Gesicht aufgesetzt und ihn für jedermann gut hörbar über die korrekte Zubereitung eines Carpaccios aufgeklärt. 

 Wenn sich der Gatte, die Eltern oder die eigenen Kinder daneben benehmen, ist das der Gipfel an Fremdscham. Je näher uns eine Person steht, desto stärker berührt uns ihr Verhalten. Doch auch Missgeschicke Fremder lassen uns nicht kalt: Läuft jemand mit offener Hose durch die Stadt, fühlen wir uns, als passierte es uns selbst. Und zwar unabhängig davon, ob sich der Beschämte der Peinlichkeit bewusst ist oder nicht - wir schämen uns mit ihm oder anstelle seiner.  

Fremdscham - ein Gefühl liegt im Trend

Fremdscham ist kein neues Gefühl, aber neben vielbesungenen Emotionen wie Liebe, Hass und Eifersucht fand sie bislang wenig Beachtung. Doch in den letzten Jahren hat sie sich immer stärker in unser Bewusstsein geschlichen. Spätestens seit 2009 dann auch in unseren Wortschatz, als der Duden das Wort "Fremdscham" erstmals aufnahm. Ein Gefühl liegt im Trend - zu verdanken hat es das mitunter Internet und Casting Shows. Dort haben Menschen heute mehr denn je die Möglichkeit, sich vor einem großen Publikum zu inszenieren: Blamage-Potenzial hoch zehn und bester Nährboden für Fremdscham. 

Doch warum schämen wir uns eigentlich fremd? Warum begnügen wir uns nicht mit Schadenfreude, wenn eine Frau nach der Toilette den Rocksaum versehentlich in die Strumpfhose gesteckt hat? Warum berührt es uns peinlich, wenn die Freundin Bikini-Bilder auf Facebook postet? Und warum nehmen wir es nicht einfach mit Gelassenheit, wenn der Vater den neuen Freund nach dem Beruf seiner Eltern fragt? 

 Was passiert bei Fremdscham?

Weil wir mitfühlende Wesen sind und uns in die Situation des Beschämten hineinversetzen können. Je empathischer wir sind, desto eher neigen wir zu Fremdscham, fanden die Psychologen Sören Krach und Frieder Paulus von der Universität Lübeck in einer Studie heraus. Sie zeigten 32 Probanden Bilder von Personen in peinlichen Situationen und maßen dabei die Hirnaktivität. Je empathischer die Teilnehmer sich zuvor eingestuft hatten, desto stärker war ihre Hirnaktivität. Und zwar in jenen Arealen, die auch aktiv werden, wenn man dabei zusieht, wie sich jemand in den Finger schneidet. Fremdscham ist Seelenpein.

 Vor allem dann, wenn wir von Außenstehenden mit der beschämten Person assoziiert werden - und ihr Verhalten auf uns abfärbt. Mit dem Partner etwa, oder den Eltern. "Dann werden im Gehirn jene Bereiche aktiv, die mit Selbstreflexion zu tun haben", erklärt Krach. Fremdscham konfrontiert uns mit der Frage, wie wir sein wollen und wie unter gar keinen Umständen. Treffen wir im Ausland auf andere Deutsche, die sich um die letzte Strandliege kloppen, ist das schrecklich peinlich, schließlich könnte man ja in einen Topf mit diesen "Primitivlingen" geworfen werden.  

Wer schämt sich vor allem fremd?

Die eigene Erfahrung mit Scham sei entscheidend dafür, wie stark man sich fremdschäme, sagt Diplom-Pädagoge Udo Baer, Autor des Buchs "Vom Schämen und Beschämtwerden". Wer Eltern hat, die sich viel und wegen allem schämen, wird mehr Situationen als beschämend empfinden als andere. So fällt auch in einer Gesellschaft, die sich über viele Normen definiert, fremdschämen leichter. Schließlich ist jede Peinlichkeit nichts anderes als ein kleinerer oder größerer Normverstoß. Wer zudem selbst viel Beschämung erlebt hat, etwa in der Schule, habe eine erhöhte Schambereitschaft, so der Pädagoge. Man schämt sich dann bei jeder sich bietenden Gelegenheit - für sich oder für andere. 

An der Universität Duisburg haben mehrere Studenten ihre Abschlussarbeiten dem Thema Fremdscham gewidmet. Ein Querschnitt durch die Ergebnisse zeigt: Frauen schämen sich stärker fremd als Männer, weil sie mitfühlender sind und sich stärker mit der beschämten Person identifizierten. Udo Baer hat dafür noch eine andere Erklärung: Frauen zeigten ihre eigene Scham offener und neigten daher auch stärker zu Fremdscham. Männer dagegen verdrängten beschämende Gefühle, wie einen Jobverlust, und fühlten sich anderen Beschämten weniger verbunden. 

Wozu dient Fremdscham?

Doch was sagt es über uns aus, wenn wir uns für andere schämen? Ist es zum Beispiel nicht arrogant, sich für eine Gruppe Erwachsener auf Segways zu schämen? Mit Arroganz habe das nichts zu tun, findet Sören Krach. Vielmehr sorge man sich doch um die soziale Integrität dieser Personen. "Man befürchtet, dass sie gar nicht merken, dass sie mit diesem Verhalten in der Umgebung auf Unverständnis stoßen." Fremdscham erfüllt also eine soziale Funktion: Indem man stellvertretend für eine Person rot anläuft, meldet man ihr zurück, dass sie sich unangebracht benimmt.  

Das sieht Udo Baer ähnlich. Fremdschämen zeige, dass man sich in andere hineinversetzen könne. "Und das ist eine Voraussetzung für menschliches Zusammenleben. Wer das Leid anderer nicht spüren kann, kann deren Grenzen nicht achten." 

Wie lässt sich Fremdscham abbauen?

Wird die Fremdscham zu stark, kann sie allerdings belastend werden. Dann lohne es zu schauen, woher das Schamgefühl rührt, rät Baer. "Wenn mich Fremdscham stark trifft, hat es meist damit zu tun, dass ich Angst habe, mir könnte dasselbe passieren." Fremdscham rührt stets auch an die eigene Unsicherheit. Ein Grund übrigens, weswegen Fremdscham im Alter abnimmt: Wir werden mit den Jahren in der Regel gelassener und selbstsicherer. 

Um Fremdscham zu vermeiden, rät Sören Krach, in peinlichen Situationen einfach das Lustige zu sehen. Er ließ Versuchsteilnehmer beobachten, wie sich jemand blamierte, und fragte sie dann, wie stark das Fremdscham in ihnen auslöse. Die Beobachter fühlten daraufhin das unangenehme Gefühl in sich aufsteigen. Fragte er dagegen, wie lustig sie die Situation fänden, schämten sie sich nicht fremd, sondern freuten sich vielmehr über das peinliche Missgeschick. Schadenfreude sei zwar keine Lösung, so Krach. Aber sich ein wenig über die Situation zu erhöhen, helfe, vieles besser zu ertragen. Zum Beispiel wenn sich Kandidaten bei "Deutschland sucht den Superstar" vorführen lassen. Doch im Zweifel hilft in solchen Super-Fremdschäm-Momenten nur noch eins: Wegschauen, bzw. umschalten. 

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