Sanfte Hilfe bei chronischer Erschöpfung

24. Juni 2006, 10:00 Uhr

Die Schulmedizin kann gegen das diffuse Leiden häufig nicht helfen. Viele Naturheilmittel hingegen versprechen Linderung. Was bringen sie wirklich? Von Edzard Ernst

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Alternativmedizin

Menschen mit CFS sind dauerhaft sehr müde und abgeschlagen©

Das Chronische Erschöpfungssyndrom - auch Chronic Fatigue Syndrom (CFS) genannt - war für Mediziner lange Zeit ein heißes Eisen. Einige meinten, es sei keine eigenständige Krankheit, sondern "lediglich" eine Form der Depression. Andere vermuteten eine Infektion als Ursache und nannten die Erkrankung myalgische Enzephalomyelitis (ME). Inzwischen haben sich die Wogen etwas geglättet, und die Experten sind sich im Großen und Ganzen einig, dass es CFS gibt und dass es ein Syndrom mit noch unbekannten Ursachen ist.

Menschen mit CFS sind dauerhaft sehr müde und abgeschlagen. Ihre Konzentrationsfähigkeit ist beeinträchtigt, nach körperlicher Tätigkeit haben sie grippeartige Beschwerden, dazu treten Schmerzen (zum Beispiel Muskel-, Nerven- oder Kopfschmerzen) auf, die nur schwer beeinflussbar sind, Schlafstörungen und eine Vielzahl weiterer Symptome. Das CFS, das zu Arbeitslosigkeit und schwersten Behinderungen führen kann, betrifft weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Am häufigsten erkranken Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren. Frauen trifft es etwa doppelt so häufig wie Männer.

Häufig bleiben schulmedizinische Verfahren ohne Wirkung

Die konventionelle Therapie setzt meist bei der Behandlung der Symptome an. Als aussichtsreichste Methoden haben sich ein individuell angepasstes Trainingsprogramm und Psychotherapie erwiesen. Häufig bleiben die schulmedizinischen Verfahren aber ohne Wirkung. Fast alle Betroffenen probieren - meist aus Frustration über diese Erfolglosigkeit - komplementäre Therapien aus. Was aber bringen solche "Alternativen"?

* Häufig wird Nachtkerzenöl empfohlen. Dessen Wirksamkeit wurde in zwei Placebo-kontrollierten Studien getestet - mit leider krass widersprüchlichem Ergebnis: Eine Studie fand keine Wirksamkeit, die andere dagegen sprach für den Nutzen einer solchen Therapie.

* Das einzige weitere pflanzliche Heilmittel, das in klinischen Studien geprüft wurde, ist die Taigawurzel, ein Ginseng-Ersatz. Auch hier fand sich kein Nachweis dafür, dass diese Therapie einem Placebo überlegen ist.

* Zur Homöopathie existieren zwei Studien. Beide kamen zu dem Schluss, dass eine individualisierte homöopathische Behandlung erfolgreich sei. Allerdings weisen beide erhebliche inhaltliche Schwächen auf, sodass auch sie nicht ausreichen, um ein letztlich positives Urteil zu fällen.

* Auch die Wirkung einer Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln wurde in klinischen Studien getestet. Vielversprechende Resultate ergaben sich dabei für ein Aminosäuren-Gemisch, für den Fettsäuren-Transportstoff L-Carnitin, das Coenzym NADH (Nicotinamid-Adenin-Dinucleotid) und ein Multivitamin-Multimineral-Präparat. Enttäuschend schnitten hingegen folgende Supplements ab: Folsäure, Vitamin B12, Magnesium und Melatonin. Und zu allen diesen Studien muss betont werden, dass sie zu wenig umfangreich sind und dass unabhängige Bestätigungen der Ergebnisse fehlen. Deshalb kommt auch ihnen letztlich wenig Aussagekraft zu.

Weitere Forschung ist dringend nötig

Unter dem Strich sind die wissenschaftlichen Daten zu komplementärmedizinischen Therapien des CFS also äußerst enttäuschend: Keine Methode ist ausreichend belegt, und demnach kann kein Verfahren als nachgewiesenermaßen wirksam empfohlen werden. Das ist ernüchternd und bedeutet, dass weitere Forschung auf diesem Gebiet dringend erforderlich ist.

Ehe wir die Flinte ganz ins Korn werfen, sollten wir uns aber vielleicht daran erinnern, dass ein fehlender Nachweis für einen Effekt eines Mittels noch kein Beweis dafür ist, dass dieses Mittel keinen Effekt hat.

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 3/2006

Prof. Dr. Edzard Ernst, Leiter der Abteilung für Komplementärmedizin an der Universität Exeter, ist Experte für die wissenschaftliche Beurteilung alternativer Heilmethoden

 
 
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Edzard Ernst leitet die Abteilung für Komplementärmedizin an der Universität Exeter

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