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9. Oktober 2003, 09:20 Uhr

"Ich lasse mich nicht beirren"

Er wird gefürchtet. Vergöttert. Verhöhnt. Und keiner kommt an ihm vorbei: Mit Leidenschaft und Strenge sagt Marcel Reich-Ranicki den Deutschen, was sie lesen sollen. Der Literaturpapst über die Macht der Bücher, die Schwächen der Kollegen und seine Lust zu telefonieren.

"Dieses Gefühl. Außenseiter zu sein": der 1920 in Wloclawek geborene Kritiker auf dem Balkon seiner Frankfurter Wohnung© Volker Hinz

Herr Reich-Ranicki, auf der Buchmesse stellen Sie den zweiten Teil Ihres Literatur-Kanons vor - 180 deutsche Erzählungen. Dabei mussten Sie sich schon im vergangenen Jahr für Ihren Roman-Kanon als "Kulturkommissar" verspotten lassen. Sind Sie nicht belehrbar?

Ich bedauere es, dass Sie sich auf Äußerungen von Schwachsinnigen berufen. Ich bin belehrbar, aber ich lasse mich nicht beirren. Mein Kanon ist natürlich kein Gesetzbuch und keine Anordnung, vielmehr ein Hinweis, ein Vorschlag, eine Empfehlung.

Sind Erzählungen leichter unters Volk zu bringen als Romane? Immerhin sind sie kürzer.

Nicht doch: Erzählungen, zumal Kurzgeschichten sind schwieriger zu lesen, man muss sich viel mehr konzentrieren. Bei einem Roman können Sie auch mal 20 Zeilen verschlafen, der Autor sagt Ihnen in der Regel mehrmals, worum es ihm geht. Wenn Ihnen das bei einer Kurzgeschichte passiert, verstehen Sie vielleicht die ganze Erzählung nicht mehr.

Ohne Kanon, haben Sie gesagt, fallen wir zurück in die Barbarei. Warum hat uns dann die schönste deutsche Literatur nicht vor Auschwitz bewahrt?

Hitler wurde von der Mehrheit des deutschen Volkes gewählt, bewundert und geliebt. Aber die Mehrheit des Volkes liest keine Literatur, jedenfalls keine, die sich ernst nehmen ließe. So konnte die herrliche Literatur der Weimarer Republik mit Thomas Mann an der Spitze politisch nichts bewirken. Es gehört übrigens zu den Sünden der Literaturkritik, dass sie sich damals um die Trivialliteratur, beispielsweise die Romane der Hedwig Courths-Mahler, überhaupt nicht gekümmert hat. Man hätte zeigen müssen, wie das Zeug gemacht ist. Die Medizin kann auf die Stuhlgang-Analyse auch nicht verzichten.

Die Kritik muss auch Trivialliteratur besprechen?

Als ich Kritiker der "Zeit" war, 1960 bis 1973, habe ich mit dem Blatt vereinbart: Einmal jährlich rezensiere ich ein Buch der Trivialliteratur. Und das habe ich auch getan: ein Buch von Luise Rinser, von Hans Habe, von Willi Heinrich und dergleichen. Ich habe versucht zu erklären und nachzuweisen, wie diese Bücher gemacht sind. Es hat ja keinen Sinn zu sagen: Das ist Kitsch.

Ihr Kanon fällt in eine Zeit, in der die Deutschen erkennen, was sie alles nicht wissen. Wollten Sie vom Boom der Wissenssendungen und Quiz-Shows profitieren?

Der Gedanke, dass ich von einem Boom profitieren wollte, ist absurd. Immer schon war ich an den Lehrplänen für den Deutschunterricht in den verschiedenen Ländern interessiert. Alle Lehrpläne sind viel zu üppig. Dem Lehrer soll die Auswahl überlassen werden, das ist schon richtig. Nur hat es keinen Sinn, gleich 100 und noch mehr Titel zu nennen. Bisweilen wurden in den Ministerien ganze Namenslisten aus Lexika abgeschrieben, nicht selten übrigens Autoren, die in der Nazizeit besonders beliebt waren.

Wo würden Sie streichen?

Für die Schiller-Dramen muss man genug Zeit haben. Aber man kann und muss wohl auf "Die Jungfrau von Orleans" verzichten und auf "Die Braut von Messina", auch auf den "Fiesco". Hingegen sollte man den "Don Carlos" und den "Wallenstein" behandeln, auch "Kabale und Liebe", eventuell den "Wilhelm Tell", den man aber unbedingt als Drama über den politischen Mord deuten sollte. Von Goethe vor allem "Faust I", von Kleist "Der Prinz von Homburg" und mindestens zwei bis drei Erzählungen.

Welche Lyriker sollten behandelt werden?

Goethe, Heine und Brecht.

Alles andere ist verstaubt?

Ganz prinzipiell: Es gibt in jeder Epoche Autoren, die Wichtiges, Bedeutendes geleistet haben und die wir schätzen und bewundern sollen. Aber 50 oder 100 Jahre nach ihrem Tod sind sie meistens pass?. Da gab es nach dem Zweiten Weltkrieg das Theaterstück "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert, ein wichtiges, ein bedeutendes, ein überaus erfolgreiches Stück. Es wurde zu Recht an unzähligen deutschen Bühnen gespielt, es wurden überall Schulaufsätze über das Stück geschrieben. Alles war richtig, war nötig - nur, es war ein Stück dieser Zeit. Es hat gewirkt, 20, beinahe 30 Jahre, und dann war es, um es ganz krass und simpel zu sagen, überlebt.

In Ihrem Dramen-Kanon, den Sie sich als Nächstes vornehmen, wird das Stück nicht auftauchen?

Nein. Ich biete jetzt wie immer Angriffsfläche für all meine Feinde, die werden sich gleich darauf stürzen. Man kann sagen, ein guter Roman wirkt noch höchstens 50 Jahre nach dem Tod des Autors, aber nicht länger. Mit Ausnahme der genialen Romane. Das sind aber wenige.

Bei den Erzählungen ist Theodor Storm prominent vertreten. Dessen Klassiker wie "Der Schimmelreiter" hatten zwar in den 50er und 60er Jahren Riesenauflagen - sind aber heute kaum noch präsent. Und schon die Kritik zu Storms Zeiten schrieb von "provinzieller Husumerei".

Es fragt sich, ob das Provinzielle schlecht ist. Und der Storm steht ja auch für eine Zeit, zwischen 1850 und 1880, als die deutschen Schriftsteller ihrer Umwelt im Roman nicht mehr gewachsen waren. Und ich will Ihnen noch was sagen: Die Erzählung "Die Söhne des Senators" ist im Kanon, weil sie zeigt, wo Thomas Mann für seine "Buddenbrooks" gelernt hat.

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