Der Versicherungswert der im eingestürzten Kölner Stadtarchiv gelagerten Objekte beträgt 400 Millionen Euro. Doch was besagt schon der materielle Wert? Das Archiv beherbergte unschätzbare Dokumente aus mehr als 1000 Jahren Geschichte. Eine Bestandsaufnahme. Von Carsten Heidböhmer

Das Kölner Stadtarchiv: Hier schlummerten unermessliche Schätze, die Auskunft über die Geschichte der letzten 1000 Jahre geben© Picture-Alliance
"So entstand im Laufe der Jahrhunderte für die schriftliche Hinterlassenschaft Kölns das größte deutsche Stadtarchiv, das von allen Katastrophen verschont blieb". Diese Worte des Kölner Oberbürgermeisters Fritz Schramma aus einer 2004 gehaltenen Rede haben seit gestern Nachmittag nicht mehr Bestand. Denn der Super-Gau ist eingetreten: Das Kölner Stadtarchiv stürzte aus bislang noch ungeklärten Ursachen ein und begrub unter sich Dokumente von unschätzbarem Wert.
Nach Aussage des Kölner Kulturdezernenten Professor Georg Quander handelt es sich um das größte und vollständigste kommunale Archiv nördlich der Alpen. Allein den Versicherungswert der Archivalien beziffert er auf 400 Millionen Euro. Der ideelle Wert sei jedoch noch höher anzusetzen, sagte Quander auf einer Pressekonferenz in Köln. "Es handelt sich um das Gedächtnis des gesamten Rheinlandes und weit darüber hinaus."
Die Objekte in dem Bau an der Severinstraße reichen bis ins Hochmittelalter zurück, mehr als 1000 Jahre umfasst das kulturelle Gedächtnis der Sammelstelle. Die älteste Urkunde stammt aus dem Jahr 922. Kaiserliche Bullen aus dem 10. und 11. Jahrhundert, die in der damaligen Zeit den Rang eines Reichsgesetzes hatten, künden von der deutschen Geschichte und dem Heiligen Römischen Reich.
Stadtgeschichtlich von höchster Bedeutung ist der Verbundbrief aus dem Jahr 1396, der die städtische Verfassung bildete. Ein einzigartiges Dokument, das die Machtübernahme der sogenannten Gaffeln besiegelte, einem Zusammenschluss von Genossenschaften der Kaufleute und Handwerkerzünften. Diese Verfassung bildete rund 400 Jahre lang das Fundament des Lebens in der Domstadt, bis die französische Besetzung des Rheinlandes 1794 der Freien Reichsstadt ein jähes Ende bereitete.
Einzigartig sind auch die lückenlosen Ratsprotokolle, die vom 13. bis ins 19. Jahrhundert reichen. Die zahlreichen Dokumente zur Geschichte der Hanse, zu deren frühesten Mitgliedern die Stadt Köln gehörte, sind darüber hinaus für den gesamten nordeuropäischen Raum von Belang.
Allein der Kommentar des mittelalterlichen Gelehrten Albertus Magnus zum Matthäusevangelium besitzt einen Versicherungswert von vier Millionen Euro. Überhaupt schlummern zahlreiche kirchlich bedeutsame Unterlagen in den eingestürzten Räumen des Stadtarchivs, die Geschichte des Kölner Doms und des Erzbistums betreffend.