Eine Branche im freien Fall: Die Einnahmen der US-Medienunternehmen gehen dramatisch zurück, die Auflage sinkt, Lokalzeitungen werden eingestellt. Renommierte Titel wie der "Boston Globe" könnten bald verschwinden. In Chicago sind beide Tageszeitungen insolvent. In ihrer Not greifen Verleger zu alten Modellen. Von Ulrike von Bülow

Titel verschwinden, die Auflagen aller Tageszeitungen in den USA sinken rapide, selbst Traditionstitel stehen kurz vor dem Aus© Sebastian Widmann/DPA
In der vergangenen Woche gab es in den amerikanischen Medien eigentlich nur ein Thema, und das war die Europa-Reise des US-Präsidenten. Tagelang war Barack Obama groß auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen, ob mit den Kollegen Regierungschefs, der britischen Königin oder seiner Gattin Michelle. Am Samstag jedoch verkam die präsidiale Reise plötzlich zu einer Randnotiz, jedenfalls auf Seite eins des "Boston Globe", der in riesigen Lettern titelte: "Times Co. threatens to shut Globe" - die New York Times Company, Mutterfirma des Blattes, drohe, den "Boston Globe" dichtzumachen. Eine der renommiertesten Zeitungen des Landes mit einer Auflage von rund 380.000 Exemplaren, ausgezeichnet mit 20 Pulitzer-Preisen.
Diese Drohung ist an die Gewerkschaften gerichtet, in der die Mitarbeiter des "Boston Globe" organisiert sind: Die New York Times Company, die auch die "New York Times" herausgibt, will beim "Boston Globe" 20 Millionen Dollar einsparen, unter anderem durch Gehaltskürzungen, was die Gewerkschaften ablehnen. Noch. Sie hätten jetzt 30 Tage Zeit, die Forderungen der New Yorker zu erfüllen, heißt es. Vielleicht ist das Ganze nur ein Erpressungsversuch. Andererseits: Die New York Times Company ist finanziell schwer angeschlagen, sie bemüht sich seit Monaten, den "Boston Globe" abzustoßen, findet aber keinen Käufer für das Blatt, das im vergangenen Jahr 50 Millionen Dollar Verlust gemacht hat - und 2009 gar mit einem Minus von 85 Millionen Dollar rechnen muss, so die neuesten Schätzungen.
Die amerikanische Medienkrise spitzt sich zu. Die Auflage der US-Zeitungen ist im vergangenen Jahr um knapp fünf Prozent gesunken, die Gewinne der Zeitungshäuser sind um 14 Prozent niedriger als 2007 - und um 23 Prozent geringer als im Jahr zuvor. 11.250 Jobs wurden in den vergangenen 24 Monaten gekündigt. In dem kürzlich erschienenen US-Medien-Jahresbericht des "Center for Excellence in Journalism" (CEJ) in Washington wird analysiert, die Branche nähere sich einem Zustand, den man "freien Fall" nennen könne: "Vielleicht werden sich ein paar Fallschirme öffnen, vielleicht werden ein paar Baumäste den Absturz abfedern, aber insgesamt ist im dritten Jahr in Folge kein Ende des Niedergangs zu erkennen", heißt es in dem Bericht.
Die eine Hälfte der Verluste habe damit zu tun, dass viele Leser abgewandert sind ins Internet und mit ihnen die Kleinanzeigen: Immobilien oder Autos werden kaum noch in Tageszeitungen inseriert; mit diesem Problem kämpfen die Printmedien schon länger. Die andere Hälfte der Verluste aber, und das ist neu, basiere auf der Finanzkrise; der Rückgang der Anzeigen, Bereich Großkunden, habe sich 2008 irrsinnig beschleunigt: "Selbst bei aggressiven Sparmaßnahmen ist es den Zeitungen nicht gelungen, die Kosten so schnell zu senken, wie die Erlöse weg gebrochen sind", so der Bericht des CEJ.
Und nun ist Chicago die erste amerikanische Großstadt mit zwei insolventen Zeitungen: Die Mutter der "Chicago Sun-Times", die Sun-Times Media Group, beantragte vergangene Woche bei einem Gericht Gläubigerschutz; man wolle sich über das Insolvenzverfahren im Laufe des Jahres sanieren, ein paar Tochterunternehmen verkaufen, heißt es. Der Grund dafür seien die Anzeigenflaute und die sinkenden Auflagen.
Nicht viel besser geht es der "Chicago Tribune", die zu Tribune Co gehört, einem Chicagoer Unternehmen, das auch die "Los Angeles Times" besitzt und sich schon länger durch ein Insolvenzverfahren kämpft. Seitdem wurde die eh schon mächtig geschwächte Redaktion der "Los Angeles Times" noch einmal um 30 Prozent reduziert. Immerhin: Die Zeitung lebt noch. Anders als die "Rocky Mountain News" in Colorado, die eingestellt werden musste. Wie die "Kentucky Post". Und die "Capital Times" in Wisconsin. Oder der "Seattle Post-Intelligencer".
Dass kleinere Blätter sterben, gehört in der amerikanischen Medienlandschaft inzwischen zum Alltag. Dass aber die "New York Times", das mächtige Flaggschiff der US-Zeitungsbranche, heute künstlich beatmet wird, daran mag sich niemand so richtig gewöhnen. Am wenigsten die Mitarbeiter der Zeitung selbst. Sie bekommen eine Gänsehaut, wenn sie daran denken, dass jetzt ein etwas seltsamer mexikanischer Milliardär in ihrem großen Boot sitzt: Carlos Slim, zweitreichster Mann der Welt, der im vergangenen September 6,9 Prozent des Medienkonzerns erwarb und dem verschuldeten Verlag dann noch einen Kredit von 250 Millionen Dollar gewährte, mit gewaltigen Zinsen und der Option auf Vorzugsaktien.