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8. Februar 2009, 04:56 Uhr

Antonio und das Navi

Antonio Marcipane, der italieneische Schwiegervater, kommt über Weihnachten zu Besuch. Dabei verliegt er sich in die Stimme des Navigationsgerätes. Nach diversen Ausflügen reagiert seine Frau eifersüchtig, doch dann hat sie eine Idee. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch, Navi

© Kat Menschik

Antonio Marcipane war zu Besuch. Mein Schwiegervater. Meistens sitzt er am Esstisch und erzählt mir, dass ich zu hektisch sei. Dass ich lernen müsse, morgens freundlicher zu sein. Manche seiner philosophischen Handreichungen erstaunen nicht nur mich, sondern auch seine Tochter Sara. Neulich erklärte er uns also beim Frühstück seine Ansichten über den Bedarf an Frauen bei Männern: "Eine Mann braukter im Lebene nur zwei Fraue. Ein alte, wenner junge iste undeine junge, wenner alte iste." Sara reagierte maßvoll bestürzt und fragte ihren Vater, ob ich in seinen Augen alt oder jung sei. Er antwortete nicht, kicherte nur und trank Kaffee.

Um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, lud ich ihn ein, mich beim Einkaufen zu begleiten. Das macht er gerne, denn er ist ein Preisvergleichsroboter. Er mag es zudem, alle Leute anzusprechen, die irgendwie interessant aussehen. Für ihn sehen alle Menschen interessant aus. Ich stehe in der Regel daneben, Tütengriffe schneiden mir in die Hand, ich schaue auf den Boden oder in den Himmel und warte. Man lernt Demut, wenn man einen italienischen Schwiegervater hat. Trotzdem habe ich ihn gerne dabei, ich kann es nicht erklären. Wir setzten uns ins Auto.

Im Navi findet er Italien

"Makma der Dinge da an", forderte er mich auf und zeigte auf das Navigationssystem. "Wofür? Ich weiß den Weg zum Bäcker." "Willi ma seh'n", insistierte er. Ich schaltete das Navigationssystem ein, eine Landkarte wurde sichtbar. Ich stellte das Nachbardorf ein, dort befindet sich der Bäcker. Ein kleiner Pfeil kroch langsam über die Karte. Antonio war entzückt. Er entdeckte das Knöpfchen, mit dem man den Maßstab der Karte verändern kann, und zoomte in die Weltallansicht, dann wieder zurück. Er erkannte Europa, Italien.

Wir fuhren zum Einkaufen. Das Navi wies uns den Weg. Ich stellte es spaßeshalber auf Italienisch ein, er zeigte sich begeistert. Diese Stimme sei charmant, ganz bestimmt handele es sich um eine wunderschöne Frau, wie man sie besonders im Süden, in Apulien, aber auch in Molise antreffen könne. Aber auch ohne diese herrliche Stimme sei so eine "Sisteme fur der Navigazione" ein "große Komfort fur elegante Leut", und als wir wieder zu Hause ankamen, erklärte er seiner Frau: "Willi aucke so eine Dingeda." Sara und ich schenkten es ihm zu Weihnachten, obwohl Ursula dagegen war. Antonio erledige die meisten Dinge zu Fuß, er gehe täglich zum Bäcker und einmal die Woche zum Lottospielen. Eigentlich benutze er das Auto nur, um zum Supermarkt, zur Reinigung und zum Friedhof zu fahren. Dafür brauche nicht einmal er eine Navigationshilfe. Und wenn doch, dann sitze diese neben ihm. Ich fand, sie klang beinahe schon eifersüchtig auf die Frau in dem Gerät. Muss man sich mal vorstellen.

Die Ausflüge häufen sich

Die ersten Tage nach Weihnachten verbrachte Antonio im Wesentlichen mit der jungen Frauenstimme in seinem Auto. Nachdem er das Gerät von innen an seine Windschutzscheibe geklebt hatte, fielen ihm plötzlich Dutzende wichtige Erledigungen ein, zu denen er seine Frau nicht unbedingt mitnehmen musste. Als ich an Neujahr mit dieser telefonierte, wirkte sie verstimmt. Am Dreikönigstag erschien sie mir wortkarg, letzte Woche ernsthaft sauer. Nein, ich könne nicht mit Antonio sprechen, der mache einen Ausflug mit Loredana. So hieß das Navi inzwischen.

Gestern kam ein Paket mit der Post, darin lagen Loredana und eine kurze Mitteilung von Antonio, dass er doch kein Navi brauche, man könne es vielleicht umtauschen gegen einen schweigsamen Heizlüfter. Ich rief an und fragte, was passiert sei. Er sei spazieren, sagte Ursula. Ohne Navi. Bei diesem habe er vorgestern auf "Home" gedrückt und sich von der Dame leiten lassen. Diese habe ihn jedoch nach Oldenburg gelotst und nicht in sein niederrheinisches Städtchen. Er habe dies aber erst hinter Münster bemerkt und Zweifel an der Aufrichtigkeit von Loredana bekommen. Letztlich habe er sich deshalb von ihr getrennt. Wie es denn gekommen sei, dass Loredana den falschen Weg nach Hause gewiesen habe, fragte ich meine Schwiegermutter. Da habe irgendjemand die Heimatadresse in dem Gerät verstellt, sagte sie, und ich fand, das klang sehr nach einer Frau, die sich zu wehren weiß.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 06/2009

Von Jan Weiler
 
 
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