Das "Negerlein" wird zum "Schornsteinfegerlein"

10. Januar 2013, 11:49 Uhr

Es gibt sie tatsächlich, die "Negerlein" im Klassiker "Die kleine Hexe". Noch! Veraltete und heikle Begriffe sollen aus Kinderbüchern verschwinden. Ist das sinnvoll? Die Verlage diskutieren intensiv.

Verlage, Negerlein, Die kleine Hexe, Pippi Langstrumpf

Die Diskussion läuft: "Negerlein" und "Zigeuner" sollen aus Kinderbuch-Klassikern wie "Die kleine Hexe" verschwinden©

Was Otfried Preußlers "Kleine Hexe" auf Seite 86 erlebt, klingt aus heutiger Sicht befremdlich: "Aber die beiden Negerlein waren nicht vom Zirkus, und ebensowenig die Türken und Indianer", heißt es dort - und weiter: "Auch die kleinen Chinesinnen und der Menschenfresser, die Eskimofrauen, der Wüstenscheich und der Hottentottenhäuptling stammten nicht aus der Schaubude. Nein, es war Fastnacht im Dorf!" Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) erregte kürzlich Aufsehen mit dem Bekenntnis, dass sie beim Vorlesen für ihre kleine Tochter heikle Kinderbuchpassagen wie diese entschärfen will. Muss klassische Jugendlektüre heute politisch korrekt sein? Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

"Uns geht es nicht um Political Correctness. Es geht darum, Begriffe auszutauschen, die Kinder heute nicht mehr verstehen", sagt Verleger Klaus Willberg zur Ankündigung des Stuttgarter Thienemann-Verlags, die Klassiker zu überarbeiten. Auch "Schuhe wichsen" etwa sei Kindern heute nicht mehr geläufig. Um das Werk von einer Generation zur nächsten zu transportieren, müsse es sprachlich angepasst werden. Und das gelte eben auch für kritische Bezeichnungen wie Neger. "In dem Kapitel kommt es etwas heftig", sagt er. Dabei würden die Begriffe für die Aufzählung gar nicht unbedingt gebraucht.

Änderungspläne lösen Entrüstung aus

Anlass für die sprachliche Politur ist die kolorierte Neuauflage von drei Preußler-Klassikern zum bevorstehenden 90. Geburtstag des Autors. Ein Vater hatte sich zuvor beklagt, dass seine dunkelhäutige Tochter einen so beleidigenden Begriff in einem ihrer Lieblingsbücher lesen müsse. Familie Preußler stimmte daraufhin den Änderungen zu. Früher habe sie das immer strikt abgelehnt, betont Willberg. Er selbst habe eine farbige Adoptivtochter, sagt der Verleger. "Deshalb bin ich da schon etwas sensibel."

Was er so nicht erwartet hat: Als die Änderung angekündigt wurde, brach ein Sturm der Entrüstung über den Verlag herein. In rund 200 E-Mails seien sie zum Teil wüst beschimpft worden, berichtet Willberg. Unter anderem wurde ihnen Zensur vorgeworfen. Zustimmungen habe es nur zwei gegeben. "Wir stehen aber dazu."

Historischer "Struwwelpeter" bleibt unverändert

Die Diskussion ist nicht neu. Bereits 2009 hatte der Hamburger Oetinger-Verlag aus Pippi Langstrumpfs Vater einen "Südseekönig" statt eines "Negerkönigs" gemacht. In älteren Ausgaben hatte der Verlag zwar das alte Wort stehen lassen, aber mit einer Fußnote darauf hingewiesen, dass es heute so nicht mehr verwendet wird. Auch das Wort "Zigeuner" sei 2009 gestrichen worden, nachdem die Erben Astrid Lindgrens den ausländischen Lizenznehmern Textänderungen gestattet hätten, sagt Verlagssprecherin Nicole Hartmann. In der schwedischen Ausgabe stehe noch der ursprüngliche Begriff.

Andere Verlage feilen ebenfalls - zum Beispiel Esslinger. In "Lurchi" wurde aus einem "Negerlein" ein "Schornsteinfegerlein", wie Sprecherin Anna Köhr auf Nachfrage berichtet. Es gebe jedoch auch Werke wie den "Struwwelpeter", die als historische Nachdrucke für Erwachsene aufgelegt und bewusst nicht verändert wurden. "Wir werden aber über einen Kommentar bei der Neuauflage nachdenken."

Der Verlag cbj in München hat die "Fünf Freunde" von Enid Blyton unter den Fittichen. Für Änderungen und neue Bände gebe es strenge Regeln, erläutert Pressesprecherin Renate Grubert. Aus den frühen Werken, die noch von Blyton selbst verfasst wurden, habe man vor allem die "Schwarze Pädagogik" verbannt. "Ohrfeigen und Prügel sollten Kindern heute fremd sein. Sie sollen wissen, dass sie sich dagegen unbedingt wehren dürfen", sagt sie.

Klassiker in der Tendenz nicht rassistisch

"Es ist eine Gratwanderung", sagt Stephanie Jentgens, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, der den Deutschen Jugendliteraturpreis verleiht. Wenn die Geschichte dadurch nicht verändert werde, könne man umstrittene Begriffe natürlich streichen. Aber für sie sei es wichtig, die Werke in ihrem historischen Kontext zu betrachten. "Ein Wort wie Schuhwichse zeigt einfach, dass die Geschichte in einer anderen Zeit spielt."

Bücher wie "Die kleine Hexe" und "Pippi Langstrumpf" seien insgesamt eher emanzipatorisch und nicht rassistisch, betont die 48-jährige Fachfrau. Ihr komme es übertrieben vor, wenn da an einzelnen Wörtern gefeilt werde. "Wörter, über die Kinder stolpern, sind ein guter Anlass, um darüber zu sprechen." Schließlich würden gerade die Klassiker meist vorgelesen. Fußnoten könnten eine Hilfe für Eltern sein, man müsse nicht gleich den Text ändern. "Wir haben in Deutschland die Tendenz, sehr auf politische Korrektheit zu achten." Die Sensibilität sei deutlich größer als etwa in Frankreich. "Aber wir haben natürlich auch eine andere Geschichte und eine besondere Verantwortung."

Zum Thema
Kultur
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von maily: Beschäftigung von Rentner

 

  von dorfdepp: Wird es in 20 Jahren noch LKW-Fahrer, Lokführer und Piloten geben?

 

  von bh_roth: Win 8.1 Energiesparen

 

  von Gast: WARUM FÜHREN MANCHE KAPSELN ZUR VERSTOPFUNG?

 

  von Gast 98746: Chiptuning Mercedes Benz E 200 T CDI Erstzulassung 06/13

 

  von BitteFreundlich: Welcher Körperteil ist am häufigsten von Osteochondrose betroffen?

 

  von Gast 98742: Altmietvertrag aus der ehemaligen DDR

 

  von Gast: Das iPhone meiner Freundin hat ne seltsame Macke. schwarzer Bildschirm. anrufe kommen rein, man...

 

  von Amos: Muß die Frage nochmal stellen: Überweisung per Online-Banking auf ein Unterkonto bei derselben...

 

  von Gast: Stern-Sudoku-Gewinnspiel

 

  von Gast: Kann man Handelsübliches Jodsalz in ein Fußsprudelbad geben wenn die Haut verletzt ist?

 

  von Gast: zerbrochene Fensterscheibe

 

  von Amos: Wenn zum Bau eines Hauses Wasser aus einem städtischen Hydranten entnommen wird: wie wird das...

 

  von Der_Denis: Kunststoff - warum so schlechtes Image

 

  von Gast 98682: Wenn ich ein Konto in der Schweiz eröffne, wie hoch ist die Mindesteinlage?

 

  von Gast 98680: Welche Programme gibt es für Zuschüsse an gemeinnützige vereine

 

  von Gast 98676: Führerschein vergleischen

 

  von Amos: Mineralwasser aus dem Schwarzwald nennt sich Black Forrest: ist das ein Gag, ein MIßgriff oder...

 

  von Gast 98669: können adoptierte ausländische erwachsene in Bayern studieren?

 

  von Gast 98667: Reisepass abgelaufen