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29. April 2010, 19:00 Uhr

Das tödliche Sehnen nach dem besseren Leben

Immer wieder sorgt Südamerika für Kino-Überraschungen. "Sin Nombre" erzählt kompromisslos, aber auch bildschön vom Elend des Ganglebens, der Liebe auf der Flucht und unüberwindbaren Grenzen. Von Sophie Albers

Sin Nombre, Cary Fukunaga, Mexiko, Gangs, Mara, Kinofilm, Kino, Film, Filmkritik

Die Gang der Mara Salvatrucha - der Stärkere hat immer Recht© Prokino

Gibt es ein sehnsuchtsvolleres Bild, als einen Zug, der in ein neues Leben fährt? Okay, in Deutschland ist diese Metahpher nach der Shoah für immer außer Betrieb. Aber für Tausende Südamerikaner ist der Zug gen Norden die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben - jenseits von Armut, Gewalt und Resignation. Sie riskieren alles für ihren Traum, verlieren auf dem Weg Geld, Freiheit, Gliedmaßen, den Verstand, das Leben.

Ausgerechnet ein junger Nordamerikaner von gerade mal 31 Jahren hat nun einen Film gedreht, der all das zeigt. Hart, aber kinotauglich. Mit realistischer Brutalität, doch eingebettet in eine rührende Liebesgeschichte. Cary Fukunagas Debütfilm "Sin Nombre" schillert zwischen den Genres und wird bereits in einem Atemzug mit Fernando Meirelles' und Katia Lunds Meisterwerk "City of God" genannt.

Die Geschichte spielt im Süden Mexikos. Willy (Edgar Flores), genannt El Caspar, ist Mitglied der gefürchteten Gang Mara Salvatrucha, sie gilt tatsächlich als gefährlichste aller Gangs in Süd- und Lateinamerika, und lebt ein trostloses, von einer Hierarchie der Gewalt bestimmtes Gangsterleben, in dem das 13-sekündige Zusammengeschlagenwerden von den martialisch tätowierten Mitgliedern der Gang als Aufnahmeritual zu den Höhepunkten zählt. Doch eines Tages trifft Willy das Mädchen Sayra, und sein Leben ändert sich für immer.

Die Grenzen des Lebens

Sayra kommt aus Honduras und sitzt auf dem Dach eines Zuges, von dem sie hofft, dass er sie in die USA bringen wird - wie Hunderte anderer Menschen mit ihr, die auf der anderen Seite der Grenze "Wirtschaftsflüchtlinge" genannt werden. Ihr neues, besseres Leben soll in New Jersey beginnen, wo Verwandte leben. Bei einem Überfall seiner Gang auf die Reisenden rettet Willy Sayra das Leben. Damit stellt er sich gegen die eigenen Leute, und das gibt ihn wortwörtlich zum Abschuss frei. Die Mara Salvatrucha gilt als gefährlichste unter den Gangs, es gibt sie überall, und sie vergisst nicht. Ganz so wie die Mafia. Willy beschließt, bei Sayra zu bleiben.

Es ist eine schöne, unmögliche Liebesgeschichte zwischen den beiden, zärtlich erzählt, doch immer wieder aufgebrochen vom brutalen Alltag einer Gesellschaft in der Gesellschaft. Die Gang als Familie derer, die von allen anderen Familien verstoßen wurden. Die letzte Zuflucht. Und weil danach eben nichts mehr kommt, müssen die menschenverachtenden Regeln hingenommen werden. Der Stärkere hat immer Recht. Punkt. Deshalb kann Willy seinem Leben nicht so einfach entkommen. Und deshalb muss Sayra für ihren Traum teuer bezahlen.

In seiner Unbedingtheit steht "Sine Nombre" in der Tradition von Filmen wie "Amores Perros" und "Tropa de Elite". Auch Fukunagas Film reibt sich immer wieder mit voller Wucht - und auch voller Genuss - an Grenzen auf. Der einen großen Grenze nach Nordamerika, hinter der das vermeintliche Paradies wartet, aber auch den vielen Grenzen im Kopf, die jeder Mensch mit sich herumträgt: die Grenze der Loyalität, des Vertrauens, der Liebe, des Blutes, der Tränen. Und dann ist da noch eine weitere Grenze, die der Film ganz wunderbar aufzeigt: die, hinter der der Zuschauer sitzt und sich anguckt, wie es denen da drüben so ergeht.

"Sine Nombre" kommt am 29. April ins Kino. Wenn Sie mehr über die Realität der Straßengangs erfahren möchten, sollten Sie unbedingt die beeindruckende Dokumentation "La Vida Loca" sehen. Regisseur Christian Poveda war so nah dran an der Mara in El Salvador, dass er am Ende erschossen wurde

Von Sophie Albers
 
 
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