Was "Les Misérables" so besonders macht

23. Februar 2013, 17:53 Uhr

So unverfälscht kann ein Musical sein: In "Les Misérables" hat Regisseur Tom Hooper seine Stars selbst singen lassen - ohne Playback und ohne Orchester. Mut, der sich auf der Leinwand nun auszahlt. Von Jan Augustiny

"I Dreamed a Dream", das Titellied des Musicals "Les Miserables", war DER Song des Jahres 2009. Die arbeitslosen Küchehiflfe Susan Boyle, machte ihn mit einem einzigen Auftritt in der Casting-Show Britain’s Got Talent weltweit berühmt. mehr...

Über 100 Millionen sahen ihre Darbietung allein bei Youtube. !!

Nun macht der Song wieder von sich reden: in der Verfilmung der Musicals „Les Miserables“. Und Regisseur Tom Hooper !!!!schreibt mit dem Film tatsächlich Kinogeschichte: Anders als bei bisherigen Musicalproduktionen wurde bei den Filmaufnahmen nicht auf Playback gesetzt!!!! Die Hauptdarsteller sangen während der Dreharbeiten tatsächlich Live. Im Ohr hatten sie nur ein sogenanntes Micro Earpiece, eine Art Kopfhörer, auf dem sie Musik hörten, die ein Pianisten ebenso live einspielte und sich dabei immer an der Geschwindigkeit des Schauspielers orientierte. !!!!

Interview Hooper: Ich hatte von Anfang an vor, den Gesang gleich am Set aufzunehmen. Wenn Schauspieler nur ihre Lippen zum Playback bewegen, besitzt das immer eine gewisse Künstlichkeit, die in diesem Falle mit den Gefühlen in die Quere kommen wäre. In unserem Fall war nicht nur der Gesang live, sondern auch die Begleitung. Ein Pianist hat live auf einem elektrischen Klavier gespielt und der Schauspielers hatte einen kleinen Ohrstöpsel, wodurch nur er den Klang hören konnte. Es gab auch keinen Dirigenten, sondern der Schauspieler bestimmte das Tempo, in dem er sang selber. Wenn er also eine Pause brauchte, um einen neuen Gedanken fassen oder eine neue Emotion zu formen, bevor er sie ausdrücken konnte, konnten er sich diese Zeit nehmen. Schauspielkunst hat immer damit zu tun im Moment zu sein. Um im Moment zu sein, musst man das Medium Zeit kontrollieren. Diese Technik gab den Schauspielern die Kontrolle über das Medium Zeit.

Später spielte ein 40-köpfiges Orchester zur Gesangsaufnahme den opulenten Sound ein..

Allein vor dem Publikum des Filmsets zu singen, mit einer Begleitung, die nur der Sänger hört, war für die Darsteller nicht einfach:

Redmayne: “Es fühlte sich nackt an, weil normalerweise, wenn man singt, selbst live in einem Konzert, gibt es immer einen Pianisten oder ein Orchester, das einen begleitet. Hier gab es nur dieses kleine Klavier, das nur in deinem eigenen Ohr gespielt hat. Für alle anderen war in dem Raum nichts weiter als eine Stimme zu hören, die gesungen hat – ohne Begleitung. Und das ist das nackteste Gefühl von allen. An den ersten Tagen, als wir damit begonnen haben, brauchte man ziemlichen Mut. Aber dann hat man gesehen, dass jeder andere in der selben Lage war, das hat es einfacher gemacht, dann sprang man gemeinsam ins kalte Wasser.“

Anne Hathaway, die die weibliche Hauptfigur des Musicals, Fantine spielt, haderte mit dieser Form der Verletzlichkeit bis zum letzten Drehtag: „Normalerweise, wenn man an einem Film arbeitet, fühlt man sich in den ersten Tagen sehr verwundbar, aber am Ende der ersten Woche hat man das Gefühlt, man weiß, was man tust, kommt mit dem Charakter klar. Spätestens dann ist die Unsicherheit weg. Bei diesem Film war das ganz anders. Jeder Tag fühlte sich an wie der erste Tag. Jeden Tag sang man einen Song zum ersten Mal vor Leuten und sang ihn gleichzeitig zum letzten Mal vor Leuten. Es war sehr intensiv und ich habe noch nie etwas ähnliches erlebt.“

Was Hooper mit seiner ungewöhnlichen Technik erreicht, ist ein Realismus, der mit der Künstlichkeit anderer Musicalverfilmungen nichts zu tun hat. Minutenlange Gesangsparts wurden in dokumentarischem Stil mit der Handkamera eingefangen. Dass einige der Live-Aufnahmen nicht an die typische opulente Musical KLangfülle herankommen liegt in der Natur der Sache: Denn das Verfahren unterstützt in erster Linie das Spiel der Darsteller und den Realismus der Emotionen. Und so verwundert es nicht nicht, dass Anne Hathaways Version des berühmten Titellieds "I Dreamed a Dream" ganz anders klingt, als die stimmgewaltige und orchestral untermalte Vorstellung ihrer Vorgängerin Susan Boyle. Schließen