Tschüß Knut, Berlin hat ein neues Maskottchen. Seit Tom Cruise als Hitler-Attentäter Claus Schenk von Stauffenberg vor der Kamera steht, ist die Hauptstadt in Hysterie verfallen. Ein Frontbericht aus Berlin. Von Hannes Ross

Tom Cruise in Berlin - jeden Tag eine Schlagzeile in der Zeitung© Sebastian Willnow/ddp
Eigentlich würde Wolfgang Nitschke jetzt gern plaudern. Aber er darf nicht. "Das gehört zum Ehrenkodex", sagt er. Dann lächelt er vieldeutig und nippt an seinem Glas frisch gepresstem Orangensaft. Nitschke, ein grauhaariger älterer Herr mit Brille, ist kein BND-Informant. Er ist der Direktor des Hotels "The Regent", und seit zwei Monaten wohnt Tom Cruise in seinem Haus in der Charlottenstraße 49, Berlin-Mitte.
Wolfgang Nitschke ist nun auch ein kleiner Star, wenigstens für die Zeit, in der Cruise in Berlin ist. Er ist der Herbergsvater des bestbezahlten Hollywoodstars. Rund um die Uhr belagern Fotografen sein Hotel. Den Haupteingang, die Tiefgaragenausfahrt, das Lieferantentor. Ein Angestellter des Hotels versichert sogar, er habe einen Reporter beim Durchwühlen des Hausmülls erwischt. "Ich dachte, da sucht ein Penner Leergut, aber nichts da. Der war auf der Suche nach Cruise-Abfällen."
Berlin, eine Stadt im Tom-Cruise-Wahn. Kaum ein Tag vergeht ohne eine Schlagzeile. Die beiden großen Berliner Boulevardzeitungen "Bild" und "BZ" haben "Cruise-Teams" gebildet, die sich um das Hollywood-Ehepaar Cruise-Holmes kümmern. Gedruckt wird alles, sei es noch so banal: Cruise geht den Eisbären Knut anschauen - und besorgt dabei einen Leih-Kinderwagen, Preis drei Euro. Cruise geht Schokolade am Gendarmenmarkt einkaufen - während des Bummels stibitzte Tochter Suri beinahe eine Konfektkiste. Ehefrau Katie Holmes geht shoppen - nach anderthalb Stunden kauft sie sich eine braune Lederjacke. Viel Lärm um nichts.

Hoteldirektor Wolfgang Nitschke: "Mir verpasst niemand einen Maulkorb!"© Barbara Ellen Volkmer
Der bekennende Scientologe Cruise, der innerhalb seiner Sekte den Rang eines "Operierenden Thetans" der Stufe 7 einnimmt und demnach Herrscher über Raum, Zeit, Materie und Energie ist, scheint vor allem eines zu beherrschen: das Spiel mit den Medien. Die Diskussion, ob ein notorischer Scientology-Promoter wie er mit seiner Darstellung des Widerstandskämpfers Stauffenberg die Integrität der historischen Figur untergräbt, ist verstummt, seit der Thetan in Berlin gelandet ist. Jetzt geht es um andere Fragen: Wo und was isst der Thetan, wenn er nachts in Berlin ausgeht? "Die Welt" druckte als Service bereits einen "Tom Cruise"-Stadtplan.
Auch über Nitschkes Hotel stehen jetzt seltsame Dinge in der Presse. Angeblich habe Cruise Wände einreißen lassen und belagere drei Etagen. Wenn man Nitschke danach fragt, hebt er die Augenbrauen und schaut, als habe man ihm gerade ein unmoralisches Angebot gemacht. Dann sagt er: "So ein Quatsch, aber mehr erfahren Sie von mir auch nicht. Da können Sie Handstand machen!"
Das mit dem Handstand erledigt sich aber, wenn man Nitschke fragt, ob er einen Maulkorb von Tom Cruise erhalten habe. Diese Bemerkung führt zu einem leidenschaftlichen Monolog: "Mir verpasst niemand einen Maulkorb! Ich arbeite seit Jahrzehnten im Hotelgeschäft - und ich kenne die Stars. Tom Cruise kenne ich noch aus meiner Zeit aus Los Angeles. Ein toller Kerl ist das! Kennen Sie das ‚Whilshire Century'? Das ist das Hotel, in dem 'Pretty Woman' gedreht wurde. Ich habe die Dreherlaubnis erteilt. Richard Gere und Julia Roberts gingen ein und aus bei mir."
Vor seinem Hotel wollte Nitschke einen "Walk of Fame" auf dem Gehweg anlegen. Die Stadt hat das verboten. Typisch deutsch, sagt Nitschke. Wahrscheinlich wünscht er sich in diesem Moment zurück in das "Whilshire Century" in Los Angeles.
Das Vorzimmer von Klaus Wowereit im Roten Rathaus strahlt die Ruhe eines Sanatoriums aus. Die Sekretärin schiebt Aktenordner von links und nach rechts, ein Personenschützer versinkt in einem schwarzen Ledersofa. Er liest die "Bild"-Zeitung. Dem Verknitterungsgrad des Papiers zufolge nicht zum ersten Mal. Eine Tür geht auf, und eine Frau steckt ihren Kopf herein. "Christina, haben wir noch Mäppchen mit kleinen Fensterchen?" Dann ist es wieder totenstill. Zehn Minuten Interview hatte der Pressesprecher zugesagt, zehn Minuten zum Thema Tom Cruise. Jetzt öffnet sich die Tür zum Zimmer 107, und Klaus Wowereit begrüßt den Gast wie Wirt Günni in der Berliner Eckkneipe "Durst und Wurst": "Na, was macht die Kunst?"