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10. September 2006, 10:24 Uhr

Die Gehetzte

Jede Minute, jede Sekunde ihres Lebens ist verplant. Jede Geste einstudiert, jedes Lächeln kalkuliert. Amerikas Superstar ackert wie besessen für den Ruhm. Beyoncé Knowles' neues Album klingt entsprechend perfekt. Und genau das ist das Problem. Von Jochen Siemens

Die Makellose: Beyoncé Knowles, 24© Gary Hershorn/Reuters

Wir alle kennen Menschen, die nur auf die Uhr schauen, um festzustellen, dass wieder ein Stück Leben vorbei ist. Wer von sich selbst diesen flüchtigen Ärger kennt, Zeit vertrödelt zu haben, kann von Beyoncé Knowles eine Menge lernen. Ja, der Beyoncé, der "B", wie sie sich gern nennen lässt, denn wer hat schon so viel Zeit, einen langen Namen auszusprechen? Womit wir beim Thema wären.

Beyoncé ist 24 und eine Domina der Zeit. Es gibt nur wenige Menschen, die jede Minute und jede Sekunde eines jeden Tages so bis zum Rand voll packen wie sie. Ja, sie schaut einen schon drohend an, wenn die Frage, die man stellt, zwei Sätze und sogar Nebensätze hat: Hey, geht das nicht kürzer?

Ihr Lebenswerk ist mit 24 Jahren doppelt so groß wie das mancher 34- oder auch 64-Jährigen: insgesamt 60 Millionen verkaufte Alben als Sängerin des schwarzen Girlie-Trios Destiny's Child und als Beyoncé solo, neun Grammys, fünf Rollen in ausgesprochen erfolgreichen Filmen ("Austin Powers") und, glaubt man den Gerüchten, eine sichere Oscar-Nominierung für ihre Rolle in "Dreamgirls", einer Musicalverfilmung über Diana Ross und die legendären Supremes.

Und nun auch noch "B-Day", ihr zweites Soloalbum, nicht einfach so eine CD, sondern ein Superseller, wie Vater Mathew Knowles einem ins Ohr brüllt, wenn er die Songs vorspielt, die Anlage auf donnerlaut stellt und vor einem herumtanzt, "20 Millionen Mal" werde die sich verkaufen, und wenn man höflich lächelt, brüllt er noch mal "20 Millionen, believe me!!!" Das Album hat nur zehn Songs. Das ist kein Geiz, sondern Eile.

Denn "B" hat keine Zeit. Andere Stars des schwarzen R&B und Rap umschreiben ihre musikalischen Werke gern mit dem Vokabular des Gebärens, biografisches Treibholz musste gesammelt, aufbereitet und in die Welt hinaus getragen werden. In Eminems verfilmter Lebensgeschichte "8 Mile" kann man sehen, wie große Songs in "Battles" - Duellen auf kleinen Bühnen - entstehen und wie jedes halbfalsche Wort zu Faustschlägen führen kann. Das, ganz sicher, hätte einer Beyoncé Knowles viel zu lange gedauert. Sie ist die Marathonsprinterin im Entertainment. Sie hat ein halbes Jahr an "Dreamgirls" gedreht und nebenbei Schauspielunterricht genommen, und wo jeder andere nach einem solchen Kraftakt in kreativer Reha versunken wäre, hat Beyoncé einen lästigen Kurzurlaub abgebrochen und ist ins Studio gehetzt: "Es hatte sich so viel Energie angestaut, dass ich gesagt habe: Ich will jetzt nur Bässe und Beats hören. Und zwar so heftig, dass wir Probleme bekommen, überhaupt noch Melodien darüberzulegen."

Nein, Beyoncé gehört nicht zu den Schokoschnecken in knappen Bikinis an der Seite goldschwerer Rap-Walrösser, deren Stimmchen im Studio aufgemotzt werden. Miss Knowles beherrscht nicht nur das Handwerk des Singens, sondern auch die filigrane Technik der Komposi-tion, was ihr als zweiter Frau überhaupt einen US-Award für Songwriting eingebracht hat. Und so spricht sie von "Melodien darüberlegen" genauso souverän wie vom musikalischen "Brückenbau - das kann ich ganz gut", der kompositorischen Technik also, vom Refrain eines Liedes ohne Bruch zur nächsten Strophe zu kommen. Das ist es, was einen guten Song zu einem sehr guten Song macht.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2006

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