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26. September 2007, 10:36 Uhr

Ein popkultureller Glücksfall

Mit den Sex Pistols sorgte John Lydon alias Johnny Rotten Ende der 70er für Aufsehen. Die interessantere Musik machte er, wie viele seiner Altersgenossen, erst danach: Postpunk. Der Musikjournalist Simon Reynolds schildert diese Zeit in seinem Buch "Rip it up and start again". Von Julian Weber

John Lydon auf der Bühne für die Band Public Image Ltd. (PIL): "Das Public Image gehört mir"© Express Newspapers/Getty Images

Punk hat der englische Musikjournalist Simon Reynolds verpasst. 1976 war er gerade 13 Jahre alt. Als die Sex Pistols erst London und dann die ganze Welt mit brachialen Rock'n'Rollsongs und furchterregendem Aussehen in Aufruhr versetzten, besuchte Reynolds eine Schule in Herfordshire, tief in der englischen Provinz. Seine Leidenschaft galt damals der Science-Fiction-Literatur. Zwei Jahre später, die Punkexplosion war schon verpufft, entdeckte Reynolds die Zukunft der Popmusik in Gestalt der Band Public Image. "No Future" sangen die Sex Pistols. Nach ihrer Auflösung hatte Pistols-Sänger John Lydon mit Public Image Limited (PIL) aber doch einen musikalischen Neuanfang gewagt.

"Das Public Image gehört mir", kräht er wütend, begleitet von schneidenden metallischen Gitarrenakkorden und einem schmatzenden Bass, der seine Tiefe vom Reggae ausgeborgt hat. Bis heute sorgt Lydons Punkphase zwar für große Schlagzeilen, die interessantere Musik machte er jedoch, wie viele seiner Altersgenossen, zwischen 1978 und 84, in der Ära des Postpunk. Über diese bislang wenig dokumentierte Zeit hat Simon Reynolds ein faszinierendes Buch geschrieben. Es heißt "Rip it up and start again. Schmeiß alles hin und fang neu an. Postpunk 1978 - 1984" und erscheint jetzt auch in deutscher Fassung.

Musik, zum Greifen nah

Der Autor bezeichnet dieses halbe Jahrzehnt am Ende der Siebziger als popkulturellen Glücksfall. Denn die Musik, so Reynolds, sei damals zum Greifen nah gewesen. Woche für Woche erscheinen Platten immer neuer, unbekannter Bands. DJs wie der legendäre John Peel präsentieren sie im Radio und die englischen Musikmagazine, die sogenannten "Weeklies" NME und Melody Maker, heizen die Stimmung mit informativen Storys zusätzlich an.

Musiker und Plattenfirmenbesitzer kommen zu Wort

Weil damals so Vieles gleichzeitig passierte, hat Reynolds die Geschichte des Postpunk auch nicht chronologisch nacherzählt, sondern getrennt nach Städten und Szenen, nach Plattenfirmen und Subgenres gegliedert. Und doch behält er immer den Überblick und schildert lebendig und anschaulich, auch für Leser, die die Zeit gar nicht selbst mitbekommen haben. Denn Reynolds hat mit mehr als 120 Gewährsleuten des Postpunk gesprochen. Musiker, Plattenfirmenbesitzer und Konzertveranstalter berichten teilweise überhaupt zum ersten Mal über ihre Motive, beschreiben Höhenflüge, aber auch Niederlagen. Ihre Aussagen sind für "Rip it up" zentral. Die Übersetzung von Conny Lösch trifft den richtigen Ton und ist umsichtig.

"Die Idee des Postpunk war, dass man Gewohnheiten durchbrechen, von eingefahrenen Wegen abkommen und neue Bereiche erforschen musste." (Keith Levene, Public Image Ltd.)

"Im Postpunk änderten sich durchschnittlich alle ein, zwei Jahre die musikalischen Vorzeichen. Sobald sich Bands mit düsterem Sound durchzusetzen begannen, fingen andere an, extrem fröhlich und poppig und romantisch dagegen anzusingen", erklärt Simon Reynolds. Für Popfans bleibt Ende Siebziger also gar keine Zeit, sich mit der Vergangenheit und den Dinosauriern des Rock auseinanderzusetzen. Heute ist es dagegen genau umgekehrt. Selbst junge Bands, wie die Strokes oder DFA beziehen sich musikalisch und stilistisch auf die Geschichte des Postpunk, und die Wiederveröffentlichung auch von Alben aus jenen Jahren ist für eine Musikindustrie im Zeitalter der schwindenden Umsätze oft die einzig ertragreiche Einnahmequelle. So visionär wie noch der Postpunk klingt heute freilich kaum noch ein Künstler. Das findet auch Simon Reynolds, der dem Retrophänomenen eher kritisch gegenübersteht. Inzwischen lebt er in New York, wo er als freier Journalist arbeitet. Die Jahre des Postpunk seien für seinen Musikgeschmack sehr prägend gewesen, gesteht der Engländer, deshalb tauchte er beim Schreiben von "Rip it up" auch tief in seine eigene Geschichte als Musikfan ein.

Das Buch

Das Buch "Rip it up and start all over again. Schmeiß alles hin und fang neu an. Postpunk 1978 -84." Von Simon Reynolds
Hannibal Verlag, 2007.
575 Seiten, 29,90 Euro

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