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5. November 2009, 10:50 Uhr

Sozialistische Grüße vom Ex-Gangsta-Rapper

Für Sido, ehemals Maskenträger und Gangsta-Rapper, hatte der Fall der Mauer eine persönliche Bedeutung. Er stammt selbst aus dem Osten. Im Interview mit stern.de verrät der Berliner Musiker, wieso er das jahrelang geheim gehalten hat.

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Sido und seine Mutter gingen ein halbes Jahr vor Maueröffnung in den Westen© Universal Music/ Ben Wolf

Sido, Sie haben jahrelang geheim gehalten, dass Sie aus dem Osten stammen. Nicht einmal Ihre besten Freunde wussten Bescheid. Ist Paul Würdig der Name, auf den Sido gehört hat, als er bei den Pionieren war?
Ja.

Wo sind Sie geboren?
In Berlin-Prenzlauer Berg. Ich habe zwei Minuten vom Alexanderplatz entfernt gewohnt.

Wie alt waren Sie, als Sie mit Ihrer Mutter in den Westen gegangen sind?
Acht.

Was wissen Sie noch vom "Rübermachen"?
Es war nachts. Und dann waren wir drüben bei meinen Verwandten.

Haben Sie Ausreise beantragt, oder war das eine Flucht?
Ausreise. Das war etwa ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer, zu der Zeit, als viele Anträge bewilligt wurden. Egon Krenz kam an die Macht. Da hatte sich viel geändert. Es roch schon nach Ende.

Wie muss man sich das vorstellen? Hat Ihre Mutter Ihnen einen Koffer in die Hand gedrückt und gesagt "Wir gehen jetzt"?
Ich wusste vorher, dass wir gehen, weil Mama schon unseren ganzen Hausstand verkauft hatte. Die Nacht, bevor wir gegangen sind, haben wir auf blanken Matratzen geschlafen. Alles sonst war weg. Die Möbel, die Küche, alles verkauft.

Gibt es Bilder aus der Nacht des Neuanfangs, die sich besonders eingeprägt haben?
Ich weiß noch, dass meine Familie sich weinend in den Armen lag. Ich habe mitgeweint, obwohl ich gar nicht genau wusste, warum. Ich habe das Eingesperrtsein ja gar nicht so mitgekriegt.

Wo sind Sie über die Grenze gegangen?
Kochstraße. Dann waren wir erstmal im Asylantenheim im Wedding.

Gab es an der Grenze Schikanen?
Es war nachts, und ich war sehr müde. Ich kann mich da echt an nichts erinnern. Erst wieder an meinen ersten Döner.

Wann gab es den?
Einen Tag später. Ein Typ aus dem Asylantenheim, der schon ein paar Wochen länger da war, hat mich mit hingenommen. Er hat gesagt: Du musst nen Döner essen. Und dann hat er mir einen gekauft. Ich dachte, ich bin im Paradies! Meine Geschmacksnerven haben verrückt gespielt. Diese Geschmacksverstärker gab es ja in der DDR nicht. Das hat gleich angesetzt bei mir. Ich kann mich leider nicht mehr an den Laden erinnern. Dabei würde ich da gerne noch mal hingehen.

Haben Sie Freunde und Verwandte in der DDR zurücklassen müssen?
Oma und Opa. Aber die konnten sowieso in den Westen. Rentner konnten ja reisen. Bis wir uns eingelebt hatten und aus dem Asylantenheim raus waren, war die Mauer aber schon längst auf. Da konnte jeder jeden besuchen gehen.

Aber das war in der Nacht der Ausreise nicht klar.
Das war mir nicht so wichtig. Ich wusste, dass ich Verwandte im Westen habe. Mein Stiefvater war schon drüben. Der war vorher geflüchtet. Mir war nur wichtig, mit Mama da rüberzugehen. Freunde und so, das war mir alles egal.

Haben Sie auf Grund des Antrages Schikanierungen erlebt?
Wir haben auf Grund der Hautfarbe meiner Mutter Schikanierungen erlebt. Die ganze Zeit. Deshalb wollten wir ja auch weg. Meine Mutter ist Inderin. Ihre Familie war schon vor dem Krieg nach Deutschland gekommen.

Das Gehen fiel Ihnen also nicht schwer?
Nein. Es ging mir ja nicht gut. Ich hatte in der Schule nur Ärger.

Sido

Sido Angefangen hat Sido als erfolgreichster Rapper des berüchtigten Labels Aggro Berlin. Trotz brillantem HipHop wie in "Mein Block" sicherte er sich mit Veröffentlichungen wie "Arschficksong" das Image des Rüpelrappers und die Aufregung der Medien. Doch hat Sido den Marsch durch die deutschen Unterhaltungsinstitutionen angetreten und über den Umweg Castingshow-Jury und Wahlsendung sein Image überarbeitet. Mittlerweile ist er im Mainstream angekommen und offenbar glücklich. Das neue Album heißt "Aggro Berlin" (Universal) und bietet neben zurückgelehntem Rap mit Selbstrefernz brüllend komische HipHop-Blues-Pop-Spielereien.

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