. .
TV und Fernsehen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
12. April 2010, 10:54 Uhr

Der überalterte Koloss

Zum 60. Geburtstag feiert sich die ARD. Dabei ist der mit Milliarden finanzierte Rundfunkriese müde geworden. Die ARD hat die Jugend verloren und entfernt sich immer weiter von ihrem Bildungsauftrag. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, 60 Jahre ARD, Bernd Gäbler, Defizite der ARD, Jugend, Arbeit, Welt

Die ARD feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum© Andreas Lander/DPA

Wer wollte es ihr nicht gönnen? Am 5. Juni 1950 wurde die ARD gegründet. Der öffentlich-rechtliche Senderverbund hat seinen 60. Geburtstag willkürlich vorverlegt und feiert sich gehörig selbst mit zwei großen Shows schon am 15. und 17. April. Rund um dieses Tamtam bietet sie einiges an Dokumentationen und "langen Nächten" an und füllt das Programm reichlich mit Archivalien. Sicher sind darunter auch einige "Meilensteine" der TV-Geschichte, einst mutige Programme, Amüsantes und Erinnernswertes, vielfältige Bezüge zur Geschichte der Bundesrepublik werden sichtbar. Es wird eine so große Vielfalt geboten, dass dieser Art des Rückblickens hauptsächlich die Beliebigkeit vorzuwerfen ist, der mangelnde Wille, ernsthaft die eigene Geschichte zu thematisieren. Dabei provoziert die Revue all der Höhepunkte, Schmonzetten und Stars unbedingt dazu, über das aktuelle Programmprofil der ARD nachzudenken.

Meines Erachtens lassen sich die programmlichen Defizite wie folgt zusammenfassen: Jugend - Arbeit - Welt.. Zwar ist alles irgendwie vorhanden, aber letztlich fehlt es da an Profil, wo es gesellschaftlich besonders brennt. Das ist eine dramatische Diagnose.

Erstens: Die Jugend.
Es geht nicht um Casting-Imitationen, Fragen des Jargons, oder der kuriosen Vorstellung abgehalfterter Redakteure von Jugendkultur. Es geht darum, dass das wichtigste Fernsehen den Kontakt zur Lebenswelt der Jugend verliert, sobald diese selbst entscheiden, welche Medien sie wann und wie konsumieren wollen. Die ARD ist unbeweglich und überaltert. Früher einmal gab es den "Beat-Club", später die "Rockpalast"-Nächte, dann verabschiedete sie sich von der Jugendkultur. Es gibt einen fast kompletten Generationenabriss, aber kaum Ideen, ihn zu kitten. Ein Transfer von den Jugendwellen des Radios ins Fernsehen gelingt nicht. Es gibt keine Diskussionen, keine Angebote zu schöpferischem Mittun, selbst vor der Bundestagswahl findet die wichtigste Sendung für junge Wähler inzwischen bei Stefan Raab statt, dem die ARD konsequenterweise inzwischen auch den "Eurovision Song Contest" zur Reanimation übergeben hat.

Zweitens: Die Arbeit.
Natürlich wird in ungefähr jeder Talkshow endlos über Hartz IV gequatscht. Natürlich kommen die Arbeitslosenzahlen in den Nachrichten vor. Aber in den realistischen Dokumentationen über die Gesellschaft da draußen spielt die Arbeitswelt eine immer geringere Rolle. Auch das mit öffentlich-rechtlichem Auftrag sendende Fernsehen hat sich weitgehend darauf verlegt, eine Freizeiteinrichtung zu sein, die der Entspannung dient. Die Arbeit wird auch nicht witzig bespielt. Kann es eine nicht-zynische Show um Arbeitsplätze geben? Wäre das nicht eine gute Aufgabe, der sich gebührenfinanziertes Fernsehen widmen müsste? Überhaupt: In den Anfängen gab es viele Ideen, das Fernsehen auch für Bildung und Qualifizierung einzusetzen. Jetzt, wo dies gesellschaftlich nötig wäre, wo das Fernsehen selbst individualisiert wird und viel spezifischer einzusetzen ist, ist alles Nachdenken über solche Qualifizierungsfunktionen längst eingestellt worden. Dabei könnte dies ein wunderbares, zukunftsträchtiges Feld sinnvoller crossmedialer Verknüpfungen werden. Es werden noch Zeiten kommen, in den sich die ARD-Anstalten sehr ärgern, den einstigen Bildungsauftrag so kampflos aufgegeben zu haben.

Drittens: Die Welt.
Natürlich wird die Globalisierung thematisiert und gibt es immer noch den "Weltspiegel". Ja sogar einige Regionalprogramm unterhalten am Rande des Programms noch Auslandssendungen - aber ist das Fernsehen wirklich noch das Fenster für eine realistische Sicht auf die Welt? Die Auslandsinformation rückt an den Rand, dafür spielen immer mehr der familienkompatiblen Spielfilm-Schinken in Afrika oder Neuseeland, agieren Ärzte und Hoteliers an fremden Stränden, an denen Eingeborene paternalistisch bespielt werden. Im Gegenzug ist es inzwischen so gut wie unmöglich geworden, bedeutende internationale Persönlichkeiten ins Programm zu holen, wenn diese nicht deutsch sprechen, das gilt für Politiker ebenso wie für Repräsentanten der Kultur. Müsste es in der ARD nicht längst ein großes Interview mit Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai geben? Welche Redaktion würde sich trauen, Silvio Berlusconi zum ausführlichen Interview zu bitten? Wer traut sich, Indiens herausragende Schriftstellerin Arundhati Roy ausführlich zu Wort kommen zu lassen? Oder mit Regisseur Quentin Tarantino zu plaudern?

Im Moment der Globalisierung, in einer Zeit, in der die Bildungswege sich internationalisieren, in der junge Deutsche in alle Länder reisen, ist unser televisionärer Blick auf die Welt vornehmlich touristisch geworden. Die ARD trägt dazu bei, statt sich dieser Weltsicht entgegenzustemmen.

Bin ich zu miesepetrig? Verderbe ich die schöne Fest- und Show-Stimmung? Nein, ich finde nur schlicht, dass man einer so wichtigen und wirkmächtigen Medieninstitution zum 60. Geburtstag auch ein wenig Selbstreflexion abverlangen darf.

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
jomimo (13.04.2010, 20:13 Uhr)
Warum wird ARD und ZDF ...
die Werbung nicht endlich untersagt ?

Die Akzeptanz bei den Gebührenzahlern wäre wesentlich höher, da Werbung mit den Privaten untrennbar assoziert ist und die Zwangsgebührensender damit einfach nichts zu tun haben DÜRFEN.

Bei Gebühren in dieser Höhe muss Werbung tabu sein.

Nebenbei: halb Europa schaut diese Sender frei und unverschlüsselt auf unsere Kosten.

Wollen wir denn für halb Europa mitbezahlen?
Beispiel:
Ich verlege meinen Ruhesitz nach Spanien, Portugal, Griechenland, Türkei, Malta oder sonstwohin und bekomme für lau immer noch die deutschen ÖR Sender mit einer 80 oder 120 cm Schüssel.

Da stimmt doch etwas nicht !!

SethusCalvisius (13.04.2010, 17:15 Uhr)
@dist-bln
Sie wollen damit aber jetzt nicht ausdrücken, dass das Fernsehprogramm in den USA besser ist?

@Trallallaa
Wenn jeder, wie Sie vorschlagen, selbst bestimmen kann, was ihm das Programm wert ist, sind anspruchsvolle, aber wenig publikumswirksame Sendungen nicht mehr möglich.
Johann58 (13.04.2010, 16:33 Uhr)
Hoffentlich glaubt niemand,
dass das aus Werbeeinnahmen finanzierte Fernsehen in den USA kostenlos zu empfangen ist. Es muss bei einer Kabel- oder Satelittengesellschaft fuer ein Schweinegeld gemietet werden.

Die Frage wirft sich allerdings auf was ist den 'Gutes Fernsehen'? Neben Nachrichten und wenige Dokumentationen ist es Unterhaltung mit der der Zuschauer seine Zeit totschlaegt, die er vielleicht fuer etwas Sinnvolles nutzen koennte.
dist-bln (13.04.2010, 15:58 Uhr)
Zwangsgebühren- Staatsfernsehen
auch wenn es komisch klingt, aber die Übermacht des Zwangsgebühren- Staatsfernsehen verhindert besseres Fernsehen auf anderen Kanälen...
z.B. in den USA gibt es werbefinanziertes Fernsehen- dort bestimmen dann auch die werbenden Firmen- aber es gibt auch Bezahlfernsehen, dort "bestimmen" letztlich die Nutzer und von dort kommen z.B. die später von anderen kopierten Sendungen/ Formate wie z.B. vor Jahren "Sex and the City"...
ich denke man sollte zum Einen die Aufgaben eines Öffentlichen Fernsehen,wie Nachrichten/ Kultur/ Regional, klar definieren/ beschneiden und zum Anderen den Aufwand aus Steuermittel finanzieren- wobei nicht die heutigen Sender/ Betroffenen etc. den Bedarf selbst bestimmen- wie bisher, sondern dieser von wirklich unabhängiger Seite festgelegt und auf europäisch vergleichbarem Niveau liegen muss.
so lange haben wir leider ein sehr teures und leider auch z.T. sehr schlechtes Zwangsgebühren- Staatsfernsehen!
Trallallaa (13.04.2010, 15:44 Uhr)
"Kultur" und "Bildung" in allen Ehren...
...aber

1. müssen die Privaten nunmal mehr tun für ihr Geld, da ist der Kommerz doch vroprogrammiert

2. wäre mir doch ganz Recht, wenn ICH entscheiden könnte, wieviel mir das ach so interessante Fernsehen der ARD denn wert ist und was ich dafür bezahlen möchte oder eben halt nicht.
Viper2024 (13.04.2010, 14:48 Uhr)
Die ARD ist schon fast tot
so schnell wie deren Zuschauer wegsterben. Die ARD müsste wesentlich mehr Dokus senden (wenn sie keine Lust oder Geld haben selbst aufwendige zu produzieren könnten sie diese von der BBC, History Channel, Discovery Channel, National Geogrphic,... kaufen). Und warum gibt es keine deutsche Science Fiction Serie, Raumpatrouille Orion hat doch bis heute Kultstatus dies auch bei den unter 30-jährigen. Auch Perry Rhodan ist nach wie vor beliebt bei alt und jung und hätte eine eigene Fernsehserie verdient. Die Briten machen es doch mit "Dr. Who" und die Amis mit "Star Trek", "Stargate",... vor wie erfolgreich so etwas weltweit ist. Und das was zwischen 18-20 Uhr läuft ist doch sowieso Mist.
Johann58 (13.04.2010, 14:48 Uhr)
ARD besser als sein Ruf!
Dass die ARD vergeblich versucht ein ganz bestimmtes junges Publikum zu erreichen ist eine Seite, die andere Seite sind aber Serien wie Tatort, meiner Meinung nach die beste Krimi Serie, Dokus und politische Magazine, die in keinem privaten Sender laufen. Ausgezeichnete Nachrichtensendungen und hervorragende Berichte aus dem Ausland. Das Programm der ARD ist um ein Vielfaches ausgewogener als das jeglichen Privatsenders.

Die GEZ Gebuehren sind zudem nicht nur fuer die ARD, wie viele Radiosender werden damit finanziert, die Regionalprogramme, Arte usw. das soll mal jemand im Ausland suchen.

Ich habe hier in den USA ca. 300 Fernsehprogramme, dazu ca. 400 Filme zur Auswahl, aber wenn ich Zeit habe, dann rufe ich etwas aus der ARD oder ZDF Mediathek ab. Das ist meist um Laengen besser.
joschitura (13.04.2010, 14:46 Uhr)
Ach ja - und noch was...
Daß man hier in den Kommentaren schon wieder dieses strunzdoofe Argument lesen muß, die Programme der Privaten würden "nix kosten", ist doch der beste Beweis dafür, daß "Fernsehen blöd macht": was die senden, kostet nicht nur wertvolle Zeit, die man sinnvoller verbringen könnte, man bezahlt den Schrott auch noch über die Werbung. Denn was die Firmen an Werbemillionen ausgeben, das holen sie sich doch über den Preis der Waren wieder rein: im Klartext - wer z.B. eines der beworbenen "Fernseh-Biere" säuft, zahlt damit quasi für das Programm von RTL, Sat 1 und Konsorten.
joschitura (13.04.2010, 14:37 Uhr)
Zweisprachige Interviews
Wie recht Herr Gäbler hat: Interviews mit nicht deutsch sprechenden Persönlichkeiten, wenn sie denn überhaupt noch zur Gänze gesendet werden, sind regelmässig mit voice over-Übersetzung zugetextet. Das ist für Menschen, die womöglich die Sprache des Interviewten sprechen, einfach unerträglich. Dabei hat die ARD bei Einführung des Stereotons ausdrücklich damit geworben, man könne dann auf dem einen Kanal die Übersetzung, auf dem andern aber den Originalton hören. Leider wird das nur noch und sehr selten, meistens bei Spielfilmen praktiziert.Okay: auch Simultan-Übersetzer wollen leben. Aber mich störts einfach, wenn ich nicht mitkriege, was Schwyzer, Engländer oder Schweden wirklich gesagt haben, weil es von A bis Z zugetextet wird. Deswegen jedoch gleich die Abschaffung der Gebühren zu fordern, ist natürlich übertrieben: es gibt - auf Phoenix, arte, 3sat usw. - immer noch durchaus niveauvolles Programm. Daß die ARD allerdings jemals wieder eine Serie wie <HEIMAT> produziert, das bezweifle ich auch.
1valentino (13.04.2010, 14:27 Uhr)
Na und?
Die knallbunte Täterä-Ich-glaub-dem-Bohlen-aufs-Wort-Jugend braucht halt die grelle Privatsender-Kirmes. Ist doch kein Problem. Wenn sie sich dann beruhigt hat, werden die Öffentlich Rechtlichen auch wieder interessant. Die sollten sich nicht wirklich ändern. Ich finde, sie machen ihren Job ganz gut. Was das Geschrei immer soll?!
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
Medienkolumne So könnte Raab die ARD aufpeppen

Erst den Eurovision Song Contest, dann die gesamte ARD-Unterhaltung? Gelingt es Stefan Raab, den Gesangswettbewerb wiederzubeleben, warten andere Baustellen. mehr...