"Tatort" verkommt zur "Wetten, dass ..?"-Couch

24. Oktober 2012, 15:15 Uhr

Erst Til Schweiger, jetzt Christian Ulmen und Nora Tschirner: Der "Tatort" baut zunehmend auf Prominente und weitet die Reihe immer mehr aus. So verkommt das Erfolgsformat zum Franchise-Produkt. Ein Kommentar von Carsten Heidböhmer

Tatort, Christian Ulmen, Nora Tschirner, Weimar, MDR

Sollen voraussichtlich im Dezember 2013 auf Verbrecherjagd gehen: Nora Tschirner und Christian Ulmen©

Er läuft, und läuft und läuft: Der „Tatort“ ist eine der letzten großen Marken, die das deutsche Fernsehen zu bieten hat. Die Krimireihe läuft seit mehr als 40 Jahren mit großem Erfolg, Sonntag für Sonntag versammelt er Millionen Menschen vor dem Bildschirm. Selbst die Wiederholungen alter Fälle bringen den dritten Programmen überdurchschnittliche Quoten, die Zuschauer kriegen einfach nicht genug davon. Kurzum: Der "Tatort" ist scheinbar unkaputtbar.

Weil insbesondere die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht mehr viele andere Erfolgsformate besitzen, wird die Reihe immer weiter gemolken. Warum sich etwas Neues ausdenken, wenn das Bewährte so gut läuft, scheinen die ARD-Verantwortlichen zu denken.

"Event"-Film statt solider Kriminalfälle

Und so stopfen sie das Programm voll mit "Tatort"-Folgen: Schon jetzt gibt es kaum einen Wochentag, an dem kein Fall zu sehen ist. Gleichzeitig schießen immer neue Ermittlerteams aus dem Boden: In Hamburg soll es künftig zwei statt einem Team geben, in Nordrhein-Westfalen gesellt sich zu Köln und Münster seit kurzem auch Dortmund, im Osten geht bald ein neues Team aus Erfurt an den Start.

Und nun - behalten Sie noch den Überblick? - soll ein neuer Weimar-"Tatort" hinzukommen. Christian Ulmen und Nora Tschirner sollen einmal im Jahr ermitteln - das Debüt ist für Weihnachten 2013 geplant und soll gegen quotenstarke Blockbuster der Konkurrenz programmiert werden. Bei der ARD spricht man intern schon von einem "Event-Tatort".

Gab es vor einem Jahr immerhin schon 17 verschiedene "Tatort"-Einheiten, kämpfen demnächst 21 Teams Sonntag für Sonntag um die Gunst des Publikums. Und keiner kann sagen, ob damit schon das Ende der Fahnderstange erreicht ist. Für den Zuschauer wird es immer schwerer, sich an ein Team zu gewöhnen.

Geht Krimi und Klamauk zusammen?

Gleichzeitig setzten die Senderanstalten immer öfter auf große Namen, statt ausschließlich nach schauspielerischer Klasse zu gehen - Ausnahmen wie Jörg Hartmann im neuen Dortmund-"Tatort" bestätigen die Regel. Schon die Entscheidung, Til Schweiger in Hamburg auf Verbrecherjagd zu schicken, war bei vielen Kollegen auf Unverständnis gestoßen. Nun sollen mit Christian Ulmen und Nora Tschirner zwei Stars auf Sendung gehen, die hauptsächlich durch ihr komisches Talent, nicht jedoch durch ernsthafte Rollen aufgefallen sind.

Natürlich kann Krimi und Klamauk durchaus gut zusammengehen - wie der gigantische Erfolg des Münsteraner Duos Prahl und Liefers beweist. Doch man darf die Frage stellen: Wieviel Klamauk verträgt der "Tatort"?

Der letzte Schatz des Fernsehens

Und: Wieviele Promis, die man eher mit der "Wetten, dass ..?"-Couch als mit einer Krimireihe assoziiert, kann das Traditionsformat verkraften? Til Schweigers Bestrebungen, den "Tatort"-Vorspann abzuschaffen, weisen darauf hin, dass zu viele Starallüren die DNA der Reihe zu gefährden drohen.

Die ARD verfügt mit dem "Tatort" über einen großen Schatz - vielleicht den letzten, den das Fernsehen noch hat. Der Senderverbund sollte ihn hüten und mit der Reihe sorgsam umgehen. Wenn das Krimiformat zum Franchise-Produkt verkommt, das beliebig oft im Fernsehen läuft und jeder beliebige Schauspieler ermitteln darf - sofern er denn nur berühmt genug ist, dann verliert die Serie ihren Reiz und die Besonderheit. Weitere 40 Jahre dürfte der "Tatort" auf diese Weise nicht überstehen.

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