HOME

Christian Ulmen im Gespräch: "Es gibt keine Zentralkommission für Fernsehscheiße"

Christian Ulmen ist der umtriebigste unter den deutschen Medienstars - und bleibt dabei völlig entspannt. "Becks letzter Sommer" heißt sein neuer Film. Der Entertainer über hirnerweichenden Schwachsinn, echte Perlen und Knoppers.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Entertainer Christian Ulmen

"Alles wird gut", sagt Christian Ulmen

Herr Ulmen, waren Sie jemals so müde wie der frustrierte Lehrer Beck?

Ja, aber nicht vom Leben, sondern von Fiebernächten bei den Kindern oder sehr langen Drehtagen.

Fühlen sich Becks Bart und Plauze angenehm an oder war das zu viel?

Beim Dreh hilft das Plautzenhafte, wie ein leichter Gehfehler, ein Lispeln oder ein Pferdeschwanz. Er spielt sich ein und bleibt dann als angenehme Spielhilfe. Als ich lange nach dem Dreh - natürlich wieder komplett drahtig (sagt es und greift in die Nachos, Anm.d.Red.) - vor einer Litfasssäule stand und mich selbst als Beck auf dem Plakat sah mit meiner ausladenden Obelix-Hüfte, da war ich kurz erschrocken. Ich stand wie Charlize Theron vor einem "Monster"-Plakat und habe gerätselt, ob ich wirklich jemals so fett war, oder ob da jemand mit Photoshop an mir herumgepumpt hat. Andererseits: Wir leben ja im frisch ausgerufenen Zeitalter des "Dadbod". Knoppers und Bier sind jetzt wieder wichtig.

Kinotrailer: "Becks letzter Sommer"

Haben Sie wie der Held auch irgendwelche verbuddelten Jugendträume?

Möglicherweise bin ich da wie der Haushund, der das Wichtigste im Garten verbuddelt hat, ohne überhaupt noch davon zu wissen. Ich bilde mir ein, dass sich meine Wünsche meistens ad hoc erfüllt haben. Aber ich ahne wahrscheinlich gar nicht, dass ich vor vielen Jahren eigentlich mal ein genialischer, irrer Jazz-Xylophonist werden wollte - oder eigentlich ein passionierter Minecraft-Spieler in mir steckt. Vielleicht trifft es mich irgendwann aus heiterem Himmel. Aber bis jetzt: noch alles okay. Träume erfüllt.

Thema des Films ist das berühmte "carpe diem". Gab es in Ihrem Leben einen Moment, in dem Sie das begriffen haben: "Das Leben ist kurz, greif' zu"?

Das denke ich eher, wenn ich an einem Hotelbuffet vor 'nem Grapefruitsaft stehe. Diese Frau auf Youtube damals, die ein bisschen klang wie die Sprecherin einer Sat.1-Station-ID-, wie heißt sie gleich…?

Julia Engelmann?

Genau. Die hat das ganze Thema viel unsubtiler aufgegriffen als "Becks letzter Sommer". Bei ihr klang es wie die Aufforderung, dass man augenblicklich die fettreduzierte Margarine wegwerfen sollte, sich mit Butter einschmieren, LSD auf die Zunge legen und in einen mondbeschienenen See köppern. An mir hat sich der Text damals vorbeigesendet. Für mich war es eigentlich immer wichtig, jetzt gerade glücklich zu sein. Ich fand es als Kind super, wenn meine Mutter mal zu spät kam, dann bin ich im Garten durch die Wäschleinen gelaufen.

Wie sieht es an der Front der TV-Zukunft aus? Machen Sie sich manchmal Sorgen und fragen sich, wo das alles hingehen soll?

Die generelle Aufgabe, sich zu fragen, wo irgendetwas überhaupt hingehen soll, überlasse ich Wolfgang Bosbach. Gerade, wenn es um eine Front geht. Um das Fernsehen mache ich mir grundsätzlich keine Sorgen. Es entwickelt sich ja nicht zentral. Entgegen der Erwartung vieler, die sich damit nicht wirklich beschäftigen, gibt es keine Zentralkommission für Fernsehscheiße, und umgekehrt kein Gremium, das per Dekret alles total progressiv macht. Das gehört für mich zum Fernsehen, alles davon sehe ich mir an - den hirnerweichenden Schwachsinn, die völlig okayen Füllstrecken, und immer wieder echte Perlen.

So wie Ihren "Tatort" ein Mal im Jahr?

Ab nächstes Jahr zwei Mal. Also wird alles gut.


Haben Sie auch eine Lösung für die Krise in der Medienbranche?

Die Krise existiert nur, wenn man den Status Quo von 1997 als Maßstab nimmt. Daran gemessen ist die Lage hoffnungslos. Von dort aus betrachtet sieht die Abonnentenkurve der großen Zeitungen natürlich verheerend aus. Seit 1997 wurden aber auch eine Menge öffentlicher Hallenbäder geschlossen, und Bommelmützen von East 17 verkaufen sich seitdem auch mies. Wir müssen halt akzeptierten, dass Fernsehen, Hörfunk, Print, personalisiertes Web-TV jetzt nebeneinander co-existieren.  

Gutes setzt sich durch – richtig oder falsch?

Das ist nicht immer richtig. Es gibt auch Gutes, das in der Nische für ein paar Leute großartig ist, keine großen Umsätze generiert, aber einfach toll ist. So toll, dass wirtschaftliche Aspekte egal sein müssen bei der Bewertung.

Sind sie aber meistens nicht. Macht Sie das wütend?

Ist doch okay. Andersherum stört es mich eher. Nehmen wir Plasberg, der erzählt, dass er früher so sehr darunter gelitten habe, nicht am Sonntag senden zu dürfen. Was für eine Höllenqual muss dieser Montagabend gewesen sein, wo es doch am Sonntagabend ein paar mehr Zuschauer gibt. Ich glaube, eine Sendung kann gar nicht gewinnen, wenn im Kopf der Protagonisten ständig ein Zahlenticker durchrauscht, und ein leises Stimmchen immer an daran erinnert, bloß keinen Zuschauer in der Zielgruppe zu irritieren. Ich fand zum Beispiel die ausladend große Boxhandschuh-Trophäe toll, die Plasberg in seinen ganz alten Sendungen immer an den "Sieger" der Diskussion überreicht hat.

Was kommt eigentlich nach dem Happy-End, Herr Ulmen?

Die B-Seite.

Themen in diesem Artikel