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15. Oktober 2007, 11:41 Uhr

Das verhungerte Kind von nebenan

Mehr Sozialstudie denn Krimi war die von Margarethe von Trotta inszenierte "Tatort"-Folge "Unter uns": ein achtjähriges Kind, das 14 Kilo wiegt, ein Arbeitsloser, der durchdreht, umgeben von Menschen, die vor allem gleichgültig sind - die Frankfurter Kommissare müssen gleich zwei verstörende Fälle lösen. Von Kathrin Buchner

Eigentlich sind Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) einem Geiselnehmer auf der Spur. Doch unmittelbar in ihrer Nachbarschaft entdecken ein schreckliches Geheimnis in einer Familie© HR

Wolfgang Kunert (Michael Brandner) ist Klempnermeister, ein Macher-Typ, lustig, freundlich. Einst hatte er eine gut gehende Firma, an seine fachkundige Arbeit erinnern sich die Kunden Jahre später noch. Doch die Auftraggeber zahlen sehr spät oder gar nicht, die Bank gibt ihm keinen Kredit mehr, Kunert geht pleite. Er meldet sich arbeitslos, verliert aber seine Jobs, weil er, Unternehmer durch und durch, seine Kompetenzen überschreitet. Seiner Frau weicht er seit Monaten aus, die Verbindung ist gestört, die Sinnlosigkeit seines Daseins hat Kunerts Persönlichkeit gebrochen. Nachdem er wieder mal vier Stunden in der Bundesagentur für Arbeit auf einen Termin wartet, sich von seiner Vermittlerin Plattitüden hört, dreht er durch, nimmt seine Vermittlerin Heidi Ganz (Lena Stolze) als Geisel, erschießt ihren Kollegen, der zu Hilfe eilen will.

Wegschau-Mentalität durchleuchtet

Schauplatz Agentur für Arbeit: In der "Tatort"-Folge "Unter uns" geht Margarethe von Trotta mitten rein in die Brennpunkte deutscher Gesellschaftspolitik, Hartz IV, Sozialleistungsbetrug, verwahrloste Kinder. Sie braucht dazu keine lange Erklärungen, wenig Analysen des Ermittlerduos Sänger/Dellwo, sondern "nur" ein starkes Thema und gute Akteure. Passend zur aktuellen Diskussion über soziale Gerechtigkeit fokussiert sie Gleichgültigkeit, fehlende Kommunikation, Sprachlosigkeit, mangelnde Empathie, Teilnahmslosigkeit des Umfelds zu Menschen, die ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommen, diese "das-geht-mich-nichts-an"-Haltung.

Dabei macht man sich beim Drehbuch nicht mal mehr die Mühe, die beiden Fälle, mit denen es die Ermittler Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) zu tun haben, logisch zu verknüpfen. Ist auch nicht nötig. Die Spannung liegt in dieser tempostarken Folge nicht in der Ermittlung des Täters, sondern darin, in die Köpfe der Menschen zu sehen, die agieren bzw. nicht agieren.

Tapetenreste, Teppichflusen und Haare im Magen

Während also die beiden Kommissare den Geiselnehmer verfolgen, entwickelt sich der zweite Handlungsstrang von "Unter uns" in ihrer privaten Nachbarschaft. Familie Winterberg ist der Prototyp der Unterschicht: Sie sitzt tagsüber vor der Glotze, er auf dem Arbeitsamt, abends hocken sie in der Kneipe, ihre rebellischen Teenie-Jungs sind sich selbst überlassen.

Hinter der schwarzen Folie eines Zimmers verstecken sie seit Jahren ihr drittes Kind, die achtjährige Lena. Als sie gefunden wird, ist sie auf 14 Kilo abgemagert, im Magen sind Teppichflusen, Tapetenreste und ihre eigenen Haare. Der kurze Blick auf den Arm, der unter dem weißen Tuch auf der Krankenbahre herausragt und nur noch aus Haut und Knochen besteht, ist schockierend genug. Dass sie überhaupt noch lebt, hat sie lediglich der Hartnäckigkeit eines Nachbarmädchens zu verdanken. Dieses achtjährige Mädchen auf der Suche nach einer Freundin lässt sich nicht von den Erwachsenen abhalten, nachzufragen. Und die sensible Kommissarin Sänger nimmt das Kind ernst.

Schnell aneinander geschnittene Szenen, knappe, prägnante Dialoge, wenig Analyse vom Ermittlerteam, die Bilder sprechen für sich. Schauspieler Lena Stolze als nervenstarke Arbeitsvermittlerin, Michael Brandner als Geiselnehmer, aus dem der ganz Frust mit geballter Wucht heraus bricht, und Franziska Walser als verstörte Ehefrau, die an ihren Mann nicht mehr rankommt, sind ein starkes Ensemble.

Die Kamera hält dicht drauf, zeigt mit einer harten Unmittelbarkeit die Gesichter, dann wieder zoomt sie von unten mit angeschnittener Distanz. Einzelne Szenen werden aneinander gereiht, es ist ein kühle Optik, ein bisschen CSI Frankfurt. Trotz der unterschiedlichen Regisseure bildet sich langsam so etwas wie die Sawatzki-Schule heraus: Ihre riesigen, fragenden Augen in dem sommersprossigen Gesicht unter rotblonden Haaren sehen Dinge, die andere nicht sehen. Diese mysteriöse Kommissarin, die so stark auf ihr Bauchgefühl hört und dabei fast immer richtig liegt, ist ein starkes Markenzeichen der ARD-"Tatort"-Reihe - symbolisch für das Sezieren sozialer Missstände direkt neben uns.

Von Kathrin Buchner
 
 
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