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16. Februar 2009, 11:13 Uhr

Schießerei im Schweinestall

Grundstücksspekulation und ruinierte Biobauern: Der Frankfurter "Tatort"-Kommissar Fritz Dellwo hat Stress und flüchtet aufs Land zu seiner Jugendliebe. Die sitzt auf einem Haufen Schulden. Dann wird auch noch ihr Mann erschossen - und Dellwo macht den Schimi. Von Kathrin Buchner

Nach einer Prügelei in der Dorfkneipe verarztet Katrin (Nina Kunzendorf) ihre Jugendliebe Kommissar Dellwo (Jörg Schüttauf)© Jacqueline Krause-Burberg/HR

Gleichberechtigung beim hessischen "Tatort": Hatte in der letzten Folge Kommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) ihren Solotrip, muss sie jetzt zur Fortbildung, sodass Kollege Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) im Alleingang ermittelt. Wo es sonst im Frankfurter "Tatort" um vernachlässigte Kinder und zerrüttete Familien geht, darf der Kommissar in "Neuland" Raubein spielen: In einer archaischen Männerwelt zwischen Traktor und Tresen prügelt er sich in der Dorfkneipe und jagt schießwütige Bauern im Alleingang.

Denn Dellwo ist ausgebrannt und fährt spontan aufs Land. Es ist eine Flucht in die Vergangenheit: 70er-Rock im Autoradio, vorbei an Kornfeldern geht es auf den Bauernhof seiner Jugendliebe Katrin (Nina Kunzendorf) und zu seinem Patenkind, dem 14-jährigen Jakob. Doch von wegen Landidylle zwischen freilaufenden Hühnern und Ferkeln - Katrin und ihr Mann Jens (Martin Feifel) haben sich für ihren Biobauernhof tief verschuldet, ihre Ehe steckt in der Krise, zwischen Katrin und Dellwo dagegen prickelt es immer noch.

Dellwo prügelt sich in Schimi-Manier durchs Land

Doch für Romantik lässt sich der Großstadtbulle keine Zeit. Er fischt das Auto eines verschwundenen Grundstücksspekulanten aus dem Baggersee und steckt erst mal den Filius des Spargelgroßbauers Plauer, ein allmächtiger Provinzfürst, hinter Gittern. Der Sohn hat mit dem verschwundenen Spekulanten dubiose Geschäfte gemacht. Bald bekommt Dellwo seine erste Leiche: Katrins Mann wird erschossen, nachdem dieser in der Wohnung des Spekulanten eingebrochen war und Unterlagen durchwühlt hatte.

Wir sehen einen trotzigen Dellwo, der in Schimanski-Manier auf eigene Faust - wortwörtlich - ermittelt, sich gegen Unterstützung des Landeskriminalamts wehrt und kurzzeitige Deckung vom wie immer lammfrommen Leiter der Frankfurter Mordkommission Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer) bekommt. Unter Dellwos Kommando entwickelt sich sogar der trottelige Dorfpolizist zum akribischen Zusammenpuzzeler zerschredderter Beweisstücke.

Bauern am Rande des Wahnsinns

Wir sehen eine verzweifelte Biobäuerin, die auf das "Scheißzertifikat aus Brüssel" wartet und bereits eine Viertelmillion Euro in den Hof versenkt hat. Und wir sehen einen Ex-Druckereibesitzer, der nach dem Tod seines Vaters die Mutter auf dem Hof durchbringt, keine Frau findet, mit einer Flinte im Schweinestall auf Dellwo zielt und den Grundstücksspekulanten an seine Schweine verfüttert hat.

Dass das Bauerdasein mit Landidylle wenig gemein hat, ist uns sogar in der RTL-Castingshow "Bauer sucht Frau" klar geworden. Und dass auf dem Land immer noch derjenige das Sagen hat, der die Klappe am weitesten aufreißt, die meisten Schnäpse kippen kann und in schönster Cowboy-Manier Testosteron versprüht, ist auch nichts Neues. Außer ein paar markigen Sprüchen wie "ich bring auch nen Scheck, der deckt besser als jeder eurer Bullen" bietet "Neuland" wenig Erbauliches.

Zwar ist der Krimi solide und spannend gestrickt, nimmt Anleihen aus Roadmovies und Spaghetti-Western, hat sehr gute Darsteller wie Devid Striesow als prolliger Provinzprinz und Matthias Habich als selbstgefälliger Spargelkönig, die nicht platt in Gut- oder Böse-Schubladen geschoben werden, und lässt uns ein Stückchen mehr in die Psyche von Dellwo einsteigen. Mag sein, dass dies für die weitere Charakterentwicklung des Ermittlerduos Dellwo/Sänger entscheidenden Einfluss hat. Aber ansonsten fehlt ein bisschen der innovative Pfiff - "Neuland" wird seinem Titel schlichtweg nicht gerecht.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Dewerth (16.02.2009, 16:54 Uhr)
Was Kühn kuckt…
…interessiert mich nicht. Der liegt öfters völlig daneben. Darf er. Und ich darf sagen, dass der Tatort mir und meinen Freunden sehr gut gefallen hat. Punkt.
Maria1000 (16.02.2009, 13:40 Uhr)
ja, aber den Bauern gehts doch viel zu GUT laut einigen STERN-Lesern hier!
So GUT, dass sogar 10 cent merh für die Milch sie zu Millionären machen würden... *Ironietagaus*
Administrator (16.02.2009, 13:35 Uhr)
@missimpossible
Liebe/r missimpossible,
vielen Dank für Ihren Hinweis und Ihre Aufmerksamkeit. Wir korrigieren den Fehler umgehend.
herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
walhalla (16.02.2009, 13:06 Uhr)
Und ewig rauschen die Wälder
Frau Buchner.Wieder mal zuviel geknabbert, Frau Buchner? Und dabei den Überblick verloren? Ging mir auch so. Teilweise etwas unübersichtlich, aber sonst ein Spitzentatort.
Wer immer noch glaubt, Tatort sei Dschungelcamp mit kriminalistischen Einlagen, sollte den Kanal wechseln.
Gesellschaftlich Probleme mit Unterhaltungsfaktor, damit auch Nichtkriminelle schauen,das was täglich die Schlagzeilen beherrscht, und natürlich klasse wie immer Jörg Schüttauf.Dies ergibt eine Mischung, die ich mag. Meisterwerke werden woanders gezeigt,im Kino.
Intercity (16.02.2009, 13:04 Uhr)
Krimis ohne Zahl.....
Es gibt Krimis ohne Zahl. Wenn es dann beim "Tatort" eine einigermaßen gute Unterhaltung wird, bin ich schon zufrieden. Ich mag die vielen "Aktion-Krimis" nicht und genieße oft die "Tatort-Geschichten".
Es ist m.E. unmöglich, jeden Sonntag einen hochklassigen Krimi zu bringen, wie es hier scheinbar manche fordern. Daher sollten die Kritik-Kommentare differenzierter sein, um Beachtung zu finden.
missimpossible (16.02.2009, 12:48 Uhr)
Matthias Habich
heißt der Schauspieler, liebe Frau Buchner, kein t hinten am Nachnamen!
Ich habe mich von Herrn Kühns schlechter Kritik nicht abhalten lassen, den Tatort zu sehen. Natürlich würde manches in der REaltität nicht so ablaufen, wie das illegale Festhalten eines unsympathischen Gertis, aber wir fanden den Tatort richtig gut, vor allem spannend. Uns hat natürlich die schöne Charlotte Sänger gefehlt, aber entgegen der schlechten Kritik war doch dieser Tatort sehr unterhaltsam!
klausenade (16.02.2009, 12:35 Uhr)
Unrealistisch und langweilig
Nennt mich altmodisch aber wo bleiben die klassischen guten Tatorte? Mord am Anfang, Leiche wird innerhalb der ersten 15 Minuten gefunden und dann ermitteln zwei Komissare die Umstände des Mordes und am Ende schnappen sie überraschend einen Mörder von dem man´s nie gedacht hätte. Gestern wieder dieser unrealistische Schmarrn: der Kommissar ermittelt privat vor sich hin, ist mit der Frau des Opfers verbandelt und klärt heldenhaft das Ganze auf. Ich versteh auch nicht groß weshalb man Kommissare einen "Soloauftritt" geben muss um den Charakter besser kennen zu lernen, da sowieso jede Woche ein anderes Duo ermittelt, zumindest wenn man nur die ARD-Tatorte guckt.
warumdennnicht (16.02.2009, 11:56 Uhr)
Was kuckt Kühn meinte bereits am Sonntagmittag:
Dieser Tatort wäre der langweiligste des ganzen Jahres und nicht wert ihn anzuschauen.
Herr Kühn! Sind Sie Hellseher? Können Sie auch den Wetterbericht bis zu Weihnachten 2009 voraussagen? Dann sollten Sie es in Zukunft damit versuchen. Als sogenannter Film- und Fernsehfachmann erinnern Sie doch stark an die angeblichen Bankfachleute in der momentanen Finanzweltsituation.
Dieser Tatort war eine absolut gelungene Mischung aus Krimi und Provinzwestern, tragisch, hitzig und herrlich ironisch, mit einigen Spritzern Behörden- und Grundstücksmaklerwahrheiten. Also ein Vielfaches an Unterhaltungswert wie es Herr Was-kuckt-Kühn in letzter Zeit zu bieten hat. Und garantiert mehr Esprit samt handwerklichem Können als in Frau Buchners Kritik zu finden ist.
jsbach (16.02.2009, 11:55 Uhr)
Tatortkrise
Allmählich kann man sich den Tatort sparen. Seit Monaten nur noch Filme, die irgendwie gewollt wirken, aber nicht gekonnt sind. Außer in einer Finanz- und Weltwirtschaftskrise stecken wir also auch noch in einer tiefen Tatortkrise. Der einzige Hoffnungsschimmer bleiben Thiel und Börne aus Münster.
undjetztnochder (16.02.2009, 11:51 Uhr)
zu prollig
Also tut mir leid: ich habe schon wesentlich bessere tatort-Folgen gesehen: zu viel Geprügel, zu viel Geschrei, zu viel Gefluche, - alles viel zu prollig als dass es authentisch wirkt. Schade. Einzig gut die letzten Minuten nach der Beerdigung: viel angedeutet, nichts beantwortet: das stimmt noch ein wenig versöhnlich, aber rettet den Film insgesamt auch nicht mehr.
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