Schöner sterben

1. Januar 2013, 21:46 Uhr

Der Köln-"Tatort" auf neuen Wegen. Anderer Look, weniger Sozialempörung. Dafür eine großartig aufspielende Hauptverdächtige. Macht zusammen eine erträgliche Krimifolge. Von Volker Königkrämer

Tatort, Tatort-Kritik, Köln, ARD, Behrend, Bär, Schenk, Ballauf,

Die Anwältin Beate von Prinz (Jeanette Hain) ist nicht nur auf dem Ergometer eine taffe Gegenspielerin der beiden Kölner Kommissare Ballauf und Schenk©

Allein der Einstieg: Zwei Katzen schleichen durch die Küche, erst selbstgefällig, dann immer unruhiger. Das Futter geht zur Neige, die Fenster lassen keinen Tropfen Regenwasser durch. Am Ende: Raserei, Todesangst. Einstellungen, minutenlang inszeniert wie in einem Videoclip. Dazu ein Titelsong à la Coldplay. Harmlose Bilder, die doch von bedrohlicher Intensität sind. Denn eben noch hat der Zuschauer gesehen, wie der Besitzer den beiden Tieren das Futter zubereitet. Wie er plötzlich innehält, weil er ein Geräusch gehört hat. Und wie er - bewaffnet mit einem Messer - das Wohnzimmer betritt …

Man kann sagen, was man will: Eleganter ist im "Tatort" schon lange kein Fall mehr in Szene gesetzt worden. Und es soll nicht die einzige positive Überraschung an diesem Abend bleiben.

Staatsanwalt von Prinz plötzlich mitten in den Ermittlungen

Bei dem Toten handelt es sich um Ingo Broich, Geschäftsführer einer Reinigungsfirma - und Nachbar von Staatsanwalt Wolfgang von Prinz (Christian Tasche, seit der ersten Folge als Staatsanwalt im Kölner "Tatort" dabei). Sein Interesse an dem Fall wird noch größer, als er erfährt, dass seine Frau Beate (Jeanette Hain) als Anwältin in engen Geschäftsbeziehungen zum Vater des Mordopfers steht, dem pflegebedürftigen Familienpatriarchen Jacob Broich (Hans Peter Hallwachs).

Der sah in seinem Sohn einen Nichtsnutz, der, statt das Unternehmen zu führen, sein Geld lieber in nächtlichen Pokerrunden mit zwielichtigen Freunden verzockt. Beate von Prinz sollte dem todgeweihten Senior dabei helfen, das Familienvermögen in eine Stiftung zu überführen. ("Nimm, soviel Du willst. Hauptsache er kriegt keinen Cent"). Doch die aalglatte Anwältin hat so ihre eigenen Vorstellungen.

Ballauf (Klaus J. Behrend) und Schenk (Dietmar Bär) beißen sich an der taffen Karrierefrau zunächst die Zähne aus, ermitteln parallel im Dunstkreis der Reinigungsfirma. Dort decken sie Machenschaften um illegal in Deutschland lebende Putzfrauen und arrangierte Scheinehen für Aufenthaltsgenehmigungen auf. Doch liegt hier auch das Mordmotiv?

Kaputte Ehen, zerrüttete Familien - überall "Scheinwelten"

Erkaltete Liebe, zerrüttete Familienbeziehungen, fingierte Ehen - eben alles "Scheinwelten", wie es der Titel des Films von Regisseur Andreas Herzog und Drehbuchautor Johannes Rotter auf den Punkt bringt.

Am intensivsten ausgeleuchtet wird die Ehe von Staatsanwalt von Prinz und seiner Frau. Und hier liegen auch die Stärken des Films. Der Staatsanwalt wird lebendig. Seine Gefühle, seine Ängste, all die Kälte, die ihm von seiner Ehefrau entgegenschlägt, machen aus einer "Tatort"-Randfigur plötzlich einen Menschen.

Und dann natürlich Jeanette Hain! Zum vierten Mal drückt sie einem "Tatort" mit ihrer immer leicht ätherischen Art ihren Stempel auf. Ätzend, arrogant, eiskalt, die Ehe nur noch eine Geschäftsbeziehung ("Ich mach meins, du machst deins"). Eine Frau, der man zunächst jede Minute Untersuchungshaft gönnt. Die dann aber wiederum mit ein paar schmalen Gesten andeutet, dass da noch etwas anderes ist. Sehnsucht, der Wunsch nach Geborgenheit, Verlässlichkeit.

Berüchtigte Empörungs-Dialoge halten sich in Grenzen

Dass die Lösung des Falles schließlich doch im Dunstkreis des Reinigungspersonals liegt - geschenkt. Zum Glück hält sich die berüchtigte Ballauf-Schenk-Empörung über die ach so schlimmen Zustände für Kölner Verhältnisse in erträglichen Grenzen. Die Besetzung mit eher unbekannten Gesichtern lässt auch diesen Strang der Geschichte authentisch wirken. Etwa wenn eine Putzfrau kurz und bündig erklärt: "Eine illegale Fachkraft hat nur drei Möglichkeiten in Deutschland: Putzen. Puff. Oder einen deutschen Mann heiraten." Selbst für die obligatorische Bratwurst-Szene findet sich ein stimmiger Platz im Drehbuch.

Fazit: Ein Köln-"Tatort", der manches anders macht und gerade deshalb einen durchaus lebendigen Eindruck hinterlässt.

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