17. März 2013, 21:45 Uhr

Gute Action nach "Leipziger Art"

Eine Woche nach der Schweiger-Premiere anzutreten, ist gewiss keine leichte Aufgabe. Doch die Leipziger "Tatort"-Ermittler Simone Thomalla und Martin Wuttke lösten sie mit Bravour - und Action. Von Swantje Dake

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Für 20 Meter reicht Kepplers (Martin Wuttke) Luft - danach muss er die Verfolgungsjagd abbrechen©

Ja, was sollte denn jetzt noch kommen? Nach dem Schweiger-Debüt mit Rekordquote lag die Messlatte hoch. Noch mehr Tote? Noch mehr Blut? Mehr von dem Krach-Bäng-Krawumm? Das war von den Hauptkommissaren Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) kaum zu erwarten.

Doch Saalfeld und Keppler bewiesen das Gegenteil. Sie begegneten dem Hamburger Kollegen Tschiller durchaus auf Augenhöhe. Allerdings blieben sie der "Tatort"-Manier treu und verzichteten auf Action um der Action willen. Bereits in den ersten fünf Minuten - der Vorspann war noch nicht mal vorbei - gab es den ersten brennenden Menschen. Auf gleich vier Leichen brachte es der "Schwarze Afghane". Eine ungewöhnlich hohe Sterberate am Sonntagabend. Deutet sich da eine Entwicklung zu mehr Thriller-Elementen im "Tatort" an?

Weniger Provinz, mehr Stars

Zumindest wurden auch im aktuellen Leipziger Fall wieder die ganz großen kriminellen Themen gewälzt - statt Mädchenhandel und Mafia waren es diesmal Islamismus, Terrorismus und Drogenhandel. Der klassische Mord in der Familie mit den Motiven Eifersucht, Rache oder Gier scheint im "Tatort" eine Auszeit zu nehmen. Auch geht es nicht mehr ohne Spezialeinsatzkommando, das durch den Schlamm robbt, und Kollegen, die aus übergeordneten Behörden den Kommissaren ins Handwerk pfuschen, dabei stets am Rande der Legalität und mit hoher Brutalität operieren. Das hatte vor dem neuen Hamburger Ermittler schon das Duo aus Bremen erfahren müssen.

Dieses überbordende Angebot an Action wurde im Leipziger Fall mit einem entsprechenden Staraufgebot garniert. Ganz wunderbar: Sylvester Groth als zwielichtiger Spediteur Müller. Als Drogenschmuggler ist er eigentlich der Böse, doch die Sympathien des Zuschauers fliegen ihm zu, als seine Tochter vom Attentäter festgehalten wird. Anatole Taubman glänzte als zwielichtiger Kollege vom Militärischen Abschirmdienst. Auch Kostja Ullmann war eine tolle Besetzung für den hochbegabten Studenten Arian Bakhtari, dessen terroristisches Handeln sich nicht in Religion und Weltanschauung begründet.

Thomalla stöckelt sich durchs Unterholz

Saalfeld und Keppler gaben sich abgebrüht und schnoddrig. "Menzel, ich will, dass sie die ganze Halle auseinandernehmen", herrschte Keppler den Kriminaltechniker an. "Es riecht hier, als ob hier gerade gegrillt wurde", kommentierte Saalfeld die unfreiwillige Selbstverbrennung. Thomallas Figur Saalfeld ist mittlerweile der coole Cop, den nichts mehr schocken kann. Doch ein Tick zu cool: Wenn die Kommissarin in Pumps und mit hochgeschnürtem Dekolleté durchs Unterholz stöckelt, muss man sich wirklich fragen, ob das Simone Thomallas Interpretation ist oder das so im Drehbuch steht.

Und wenn Letzteres: Warum tut Thomalla nichts dagegen? Kollege Keppler hingegen ermittelte zwei Tage in seinem Vietnamurlaubs-Outfit, kam unausgeschlafen und verschwitzt daher, japste nach 20 Metern Verfolgungsjagd und gab sich auch mit einer blutenden Schramme zufrieden - höchst sympathisch. Diese Unzulänglichkeiten der Kommissare machen einen guten "Tatort" aus.

Wie auch das offene Ende, das den Zuschauer ganz galant zurück an die Realität übergibt. "Wo ist die vierte Granate", ist Kepplers letzter Satz an seine Kollegin. Der von Rachegelüsten getriebene Student hatte vier US-Signalraketen gestohlen. Nur drei haben die Kommissare gefunden. Der Satz bleibt unbeantwortet im Raum hängen. Ein hervorragender Kniff, der wirklich gute "Tatort"-Unterhaltung vom "Schweiger"-Tatort unterscheidet: Am Ende ist nicht immer alles gut.

Von Swantje Dake
 
 
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