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2. November 2009, 06:08 Uhr

Verloren im Wurstsalat

Ursprünglich sollte es um Gammelfleisch gehen. Oder doch um einen Mord? Oder um Wirtschaftskriminalität? Es ging um viel im neuen Berliner "Tatort" - um zu viel. Kommissar Stark löste den Fall im Alleingang. Trotz allem. Von Dieter Hoß

Tatort, Schweinegeld, Ritter, Stark, Dominic Raake, Boris Aljinovic

Ritter (Dominic Raacke, r.) ist schwer getroffen, Stark (Boris Aljinovic) muss den Fall alleine lösen© ARD

Es muss kein Nachteil sein, wenn ein "Tatort"-Kommissar nach einer halben Stunde sagt: "Das passt doch vorne und hinten nicht zusammen" - verspricht doch die Verwirrung des Ermittlers einen kniffligen Fall. Schlimm wäre nur, wenn der Zuschauer denselben Eindruck noch am Ende des Geschehens hätte. Die Gefahr, dass das passiert, war groß: Zumindest dieses Schicksal blieb dem mit "Schweinegeld" betitelten neuen Fall des Berliner "Tatort"-Duos Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) erspart. Denn zum Schluss fügte sich letztlich alles zusammen - trotz eines schier überbordenden Konstrukts aus Verstrickungen und Verbrechen.

Mord und Totschlag, Mafiamethoden und Wirtschaftskriminalität, Menschenschleuserei und Familienschicksale: Die Autoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke hatten kaum eine Zutat ausgelassen und so - ausgehend von einer Story-Idee um Gammelfleisch- und Lebensmittelskandale - eine Art kriminalistischen Wurstsalat zusammengemixt. Dem fehlte allerdings die rechte Würze: Spannend war dieser Berliner "Tatort" eigentlich nie.

Da sich die Autoren offenbar nicht für eine Geschichte entscheiden konnten, mussten in der vorhandenen Zeit sämtliche aufgenommenen Handlungsstränge zu Ende gebracht werden. Das gelang nur mit Verknappung und viel Klischee. Dass Hans Merklinger, "Schnitzelkönig von Berlin" und jene Figur, von der praktisch die gesamte Story abhing, kein freundlicher Zeitgenosse war, musste man als Zuschauer so hinnehmen. Der Mann tauchte nur als Geisel im Kellerloch und Leiche in einem allen Anschein nach nicht allzu eisigen Kühlhaus auf. Natürlich war er ein skrupelloser Unternehmer, der mit Gammelfleisch nicht nur miese Geschäfte machte, sondern durch einen Kniff auch noch EU-Subventionen kassierte. Natürlich arbeiteten illegale Arbeitskräfte in der Fleischfabrik, die natürlich einen Spottlohn und menschenunwürdige Behausungen ertragen mussten. Und so ging es weiter: Natürlich war Merklingers Sohn Maximilian (Lucas Gregorowicz) ein Naivling, der nach dem Tod des Vaters natürlich halbseidene Investoren in die Firma holte, die ihn natürlich mir nichts, dir nichts ausbooteten und natürlich skrupellose Fieslinge aus Osteuropa waren.

Tragischer Tod der Tochter nur Nebensache

Nicht mehr überraschend war da, dass der "Schnitzelkönig" eine junge Geliebte hatte. Dass er damit aber nicht nur seine Ehefrau (Maren Kroymann), sondern auch die ebenso treue wie farblose und stets verkannte Chefsekretärin (Johanna Gastdorf) menschlich verletzte, steigerte das Klischee fast ins Groteske: Die Gespielin des Fleischfabrikanten war die Tochter seiner Sekretärin. Origineller war immerhin die Auflösung des ob all dieser Details fast schon vergessenen Falls: Merklinger war während der Geiselhaft gestorben, in die ihn ein Subunternehmer (Ole Puppe), der illegale Arbeitskräfte aus dem Osten in den Westen schmuggelte, gezwungen hatte. Die gemeinsame Tochter des Mannes und einer bulgarischen Arbeiterin war tragischerweise am Gammelfleisch aus Merklingers Betrieb gestorben, dass ihr eigener Vater ihr irrtümlich serviert hatte. Der Mann wollte den Unternehmer mit der Geiselnahme dazu zwingen, sich zu seiner Verantwortung zu bekennen. Allerdings blieb sich dieser "Tatort" auch in der Auflösung treu: Das Unglück der Tochter wurde während des Falls nur beiläufig thematisiert, ein Spannungsbogen wurde auch in diesem Punkt nicht geschlagen.

Dass zudem das Ermittlerpaar gesprengt wurde und Stark diesen Fall im Alleingang lösen musste, nachdem Ritter durch einen üblen Schlag auf den Kopf außer Gefecht gesetzt worden war, machte die Sache nicht besser. Die Figur Ritter, eher Schwerenöter und Draufgänger, taugt nicht als Kopfarbeiter, der den Fall kraft seiner Gedanken vom Krankenbett aus löst. So war auch noch das Spannungsfeld zwischen den beiden Hauptfiguren weitgehend ausgeschaltet, von dem alle "Tatorte" nicht unwesentlich leben. In einer der besten Szenen erschreckte Ritter seinen Partner damit, dass er ihm vorgaukelte, er habe sein Gedächtnis verloren. Es war glücklicherweise nur ein schlechter Scherz. Es hätte aber zu dem Film gepasst, wenn auch das noch oben drauf gesetzt worden wäre.

Von Dieter Hoß
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
SirDidimus (03.11.2009, 09:16 Uhr)
habe mir gestern
stirb langsam angeguckt. das ist alles viel realistischer, wenn ein polizist auf den flügeln eines senkrechtstarters sitzt. mal ehrlich: so ein krimi muss doch ausser dem toten noch was anderes bieten. die bösen russen, die ausgebeuteten arbeiter und dann noch einen umgehauenen till ritter. er ist nicht der beste tatort gewesen, aber es gab schon schlechtere. darum ist tatort gucken immer ein muss. manchmal sind richtige perlen dabei.
hosiannarunner (03.11.2009, 05:33 Uhr)
Die "Tatorte" haben sich schon seit längerem von der Realität entfernt. In mindestens jedem zweiten spielt irgendein "Quoten-Schwuler" mit, der selbstverständlich nicht der Mörder ist. Das war in diesem Tatort zwar mal nicht der Fall, aber dafür hagelte es andere Klischees. Warum zum Beispiel zum Schluss ein älterer Kommissar sämtlichen Schwestern im Krankenhaus den Kopf verdreht hatte, war nur peinlich. Und dass ein Arbeiter aus der Schlachterei, für die er arbeitet, dann ausgerechnet das Gammelfleisch für zuhause klaut, naja ...
Gestern Abend kam die Wiederholung eines Tatorts aus Münster. Zwar auch wieder mit Schwulen (die nicht die Täter waren ...), aber mit einem Kommissar und einem Pathologen, die durch ihre erfrischende Art selbst die manchmal schwache Handlung an die Wand spielen.
raptor-xl (02.11.2009, 17:58 Uhr)
@Josh67
über dieses thema streiten sich alle, die so etwas nicht haben oder leisten können. der alte und die junge haben sich sicher gut arrangiert... gab es immer, wird es immer geben. so wie die neider. :)

aber tatort schauen ist viel schlimmer. immer mehr randthemen mit randgruppen. immer mehr moralische korrektniss bei immer versiffteren kriminalbeamten. und neben den opfern vor allem immer viele migranten, homosexuelle, chancenlose und aussteiger im vordergrund.

der blick in die glaskugel der ard? was wollen die uns damit sagen???
Josh67 (02.11.2009, 14:31 Uhr)
was heist Klischee?
Es ist "natürlich" so im richtigen Leben!!!
Also ruhig die Sache beim Namen nennen.
Natürlich hat ein alter reicher Mann ein eGeliebte, die seine Tochter sein könnte, das ist normal, oder?
SirExekutive (02.11.2009, 14:21 Uhr)
gut und schlecht
finde die sozialpolitischen verflechtungen zu vorhandenen problemen eigentlich immer sehr gut bzw. macht das erst tatort aus. (hier halt die subventon erschleichung und die unterminierung von betrieben)
.
was mich aber oft stört sind die zusammengeschusterten ermittlungen. da werden untersuchungen durch hanebüchenden sachverhalten erst auf die richtige spur geführt.
.
genau wie gestern, als sie auf einem handy in einem völlig zu betoniertem keller nach mehrerern tagen angeruffen haben.
.
erstmal hat da unten kein handy auf der welt empfang und 2. wären nach den vielen tagen und den dauernden angebimmel vorzeitig der akku entsaftet gewesen Oo
Laramie (02.11.2009, 14:09 Uhr)
Zu realistisch fuer die meisten
Hier sieht man mal wieder dass man mit realistischen Dastellungen der Situation nicht punkten kann.
MahindraX (02.11.2009, 14:05 Uhr)
war langweilig, stimmt.
schlimmer in diesem Zusammenhang fand ich dann sogar, dass dieselbe Schauspielerin: Johanna Gastdorf in 2 aufeinander folgenden Tatorten eine ähnliche nebenrolle hatte. letzte Woche war sie die haushälterin des Priesters. Diese(!) Woche die verhuschte Sekretärin- mit ähnlicher Funktion.

Das ist lächerlich.

Windukeit (02.11.2009, 10:55 Uhr)
Langweilig!
Irgendwie kam der Tatort nicht so richtig in die Füße. Deshalb habe ich nach 20min weggeschaltet. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es danach besser wurde. Ich verstehe aber nicht, warum hier ständig angeblich schlechte sozialkritik bemängelt wird. Die Tatorte sidn doch in den seltensten Fällen sozialkritisch angehaucht. Dieses affige Getue von den entsprechenden Schreiberlingen geht mir langsam auf die Hutschnur. Ich möchte da wirklich mal ein einziges konkretes Beispiel lesen. Wohlgemerkt: Darstellung einer Problematik ist noch lange keine Kritik an ihr. Schönen Gruß an die Freizeitsozialwissenschaftler: Guckt lieber Kochsendungen.
vegefranz (02.11.2009, 10:33 Uhr)
schön dargestellt

angesprochen wird hier das Grundproblem der ehemals gut beleumundeten "Tatort"-Serie:

Beflissen wird versucht, Sozialkritik auf Drittsemester-Niveau zu transportieren.
nittmann (02.11.2009, 09:27 Uhr)
Zu schnell, zu viel, zu kurz...
...das war auch mein Eindruck vom Berliner Tatort. Die verworrene Geschichte hat mich nicht wirklich fesseln können und die wenigen Highlights haben mich gerade so von der Fernbedienung ferngehalten. Schade auch das viele Charakterrollen schon im Ansatz erstickt wurden. Lediglich Johanna Gastdorf konnte in ihrer Rolle als Chefsekretärin richtig punkten.
Von Gesamtaufbau war ich ebenfalls überrascht. Ich hätte, nachdem sich im letzten Drittel immer noch weitere Zweige aufgetan haben, glatt damit gerechnet, das es noch einen zweiten Teil geben wird (Stoff war ja noch reichlich vorhanden. Wir erinnern uns an die Abschiedsbussyszene mit Ritter im Krankenhaus...). Letztendlich hat sich die ganze Story aber so aufgelöst, als wenn der Autor noch einen dringenden Termin hatte und schnell ein Ende brauchte.

my two cents...stefan
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