In der Jubiläumsfolge nimmt Ulrich Tukur als "Tatort"-Kommissar seinen Dienst auf. Im stern.de-Interview spricht er über seine morbide Rolle und seine Sorge, ob er beim Publikum damit ankommt.
Ehrlich gesagt versuche ich Arzt-Besuche zu vermeiden. Ich will nicht, dass da so ein Apokalyptiker vor mir sitzt und sagt: "Mein Lieber, ich möchte gar nicht auf ihre Leber gucken." Ich will mich nicht verrückt machen lassen.
Nein, ich würde mit der Illusion weitermachen wollen. Es gibt Menschen, die schwere Krankheiten stilvoll aushalten, bewundernswert. Ich gehöre nicht dazu. Ich glaube aber, dass das Leben anhält, in so einem Moment. Das kann einem, wenn man überlebt, viel bringen. Das kann einen aber auch zerstören.
In einem so substanziellen und immer noch funktionierenden Format wie dem "Tatort" kann man auch solche unbequemen Themen ansprechen. Murots Wahrnehmung verändert sich durch den Tumor. Nichts ist, wie es scheint. In dem Moment, in dem er gesagt bekommt, er müsse vielleicht sterben, fällt er aus der Zeit in eine surreale Welt. Auch der Zuschauer weiß nicht genau: Sitzt seine Sekretärin in einem Vorzimmer der 40er Jahre oder in der Gegenwart? Für die Hintergrundmusik habe ich historische Aufnahmen von Willi Stech von 1944 ausgewählt, als hier alles verbrannte. Das hat so etwas Schönes, aber auch unglaublich Trauriges. Auch die Landschaft ist unwirklich. Es ist Nordhessen, könnte aber auch Neuseeland sein.
Da gibt es tatsächlich viele Gemeinsamkeiten. Ich habe die Rolle zusammen mit sehr mutigen Redakteuren vom Hessischen Rundfunk entwickelt. Murot steht am Abgrund seines Lebens. Die Stimmung ist morbide und melancholisch. Ich hätte diese Figur nie gespielt, wenn sie nicht diese Fallhöhe gehabt hätte. Und wenn nicht Themen vorkämen, die auch mich persönlich bedrängen und umtreiben.
Diese nicht definierbare Existenz von uns Menschen. Der LKA-Ermittler hält allen einen pseudophilosophischen Spiegel vor, durch den man die Absurdität des Alltags sieht: Alles wird immer schneller, weiter, höher... Wissen wir nicht, dass alles innerhalb einer Sekunde vorbei sein kann? Daran soll diese Figur erinnern.
Diese RAF-Geschichte zu erzählen, war eine Idee von Drehbuchautor Christian Jeltsch, der sich schon länger mit der Rolle des BKA im Fall Buback beschäftigte. Es ist erstaunlich, wie aktuell das Thema mit dem Prozess um RAF-Terroristin Verena Becker nun zufällig wird.