Aus einer einzigen Destillerie bezieht die Stadt Moskau ein Zehntel ihrer Steuereinnahmen. Ja, Wodka ist ein Wirtschaftsfaktor in Russland. Und ein politischer. Denn "ein betrunkenes Volk lässt sich leichter regieren".

Anatoli Timofeew ist fast 80 - trotz des selbst gebrannten Samogon, eines Wodkas aus Milch, Zucker und Hefe. Alkoholgehalt: "So 70 bis 80 Prozent"© Jewegenij Kondakow
Staatliche Wodkafabriken sind in Russland strategische Objekte. So wie Militärflughäfen oder Raketenabschussrampen. Zur Werksbesichtigung der Moskauer Destillerie "Kristall" empfängt den Besucher ein Wachmann in schwarzer Uniform, der ihm auf Schritt und Tritt folgt, damit er keine Fotos der mit Hunderttausenden Liter Alkohol gefüllten Zisternen macht.
Fährt der Generaldirektor vor, dann geschieht das im schweren Jeep mit abgedunkelten Scheiben, gefolgt von einem zweiten Jeep mit Bodyguards. In den Produktionshallen überall Sicherheitshinweise: "Schutz vor Terroristen! Melden Sie Autos, die längere Zeit vor den Werksmauern parken! Achten Sie auf Männer, die das Gelände beobachten!"
Ein Terrorakt, der die Wodkaversorgung gefährden würde, wäre in Russland an sich schon eine Katastrophe. Folgenreicher aber wäre der damit einhergehende Finanzverlust. Zehn Prozent der Steuereinnahmen Moskaus stammen allein aus der Steuer auf "Kristall"-Produkte. Wodka ist für Russlands Wirtschaft so wichtig wie Öl.
Die Forbes-Liste der 100 reichsten Russen verzeichnet zwei Wodka-Oligarchen. Der vermögendste, Roustam Tariko, Produzent der Edelmarke "Russky Standart", wird auf knapp 280 Millionen Dollar geschätzt; als Erster in Russland leistete er sich einen Maybach. Zu Sowjetzeiten bestritt der Kreml den Staatshaushalt bis zu einem Drittel durch Wodka. Viele sind heute noch überzeugt, die UdSSR wäre nie zusammengebrochen, hätte Gorbatschow 1985 nicht ein Alkoholverbot verhängt.
"Kristall" ist Russlands renommierteste Destillerie, 104 Jahre alt und zu 51 Prozent in Staatsbesitz. Jedes Jahr füllt sie 100 Millionen Liter Wodka ab. Der Führer durchs Werk heißt Anatoli, ein schlaksiger Typ mit Zopf und Intellektuellenbrille. "Trinken am Arbeitsplatz ist nicht verboten", erklärt er. "Wer hier ein Alkoholproblem hat, hält sowieso nicht lange durch. Das ist quasi ein natürlicher Ausleseprozess."
Dreißig Prozent der russischen Männer sind Alkoholiker. Ihre Lebenserwartung beträgt gerade mal 59 Jahre. 15 Liter Alkohol trinkt ein Russe im Jahr, ein Deutscher 10,8. Dennoch: Kein alkoholisches Getränk ist so rein und gut verträglich wie Wodka. Sein Rohstoff ist in der Regel nicht die Kartoffel, wie weithin angenommen, sondern Getreide, meist eine Mischung aus Roggen und Weizen, die zu einer Maische vergoren und mehrfach destilliert wird. Anschließend rinnt der Rohalkohol durch Tonnen von Aktivkohle, bis alle Aromen und Gärungsrückstände herausgefiltert sind. Daher riecht eine Wodkafahne weit weniger aufdringlich als jene vom Bier. Deshalb hinterlässt selbst der heftigste Wodkarausch fast keinen Kater.
Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow ließ vor zwei Jahren den 500. Geburtstag des Wodkas feiern. Wie er selbst zugab, ein willkürliches Datum: "500 Jahre, das klingt einfach gut." Wann genau der erste Wodka gebrannt wurde, lässt sich nicht sagen. Ebenso wenig wo.
Belegt ist, dass Russlands erster Zar, Iwan der Schreckliche, Mitte des 16. Jahrhunderts Wodka-Bars eröffnen ließ; so genannte Kabaken, in denen im Stehen getrunken wurde. Iwan hatte begriffen, welche Steuern sich mit Alkohol erheben lassen. In den Kabaken waren sogar Mörder vor der Polizei geschützt. Solange, bis sie ihre gesamte Habe in Wodka umgesetzt hatten. Nur Kreuz und letztes Hemd durften nicht versetzt werden. Frauen war das Trinken damals verboten. Das gestattete erst Peter der Große mehr als 100 Jahre später. Er war überhaupt der gefürchtetste russische Trinker. Ausländische Vertretungen hielten sich spezielle Diplomaten, die nur darauf trainiert waren, sich von ihm nicht unter den Tisch saufen zu lassen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 37/2005