Zehn Jahre lang war der Pfarrer und Mitbegründer des Neuen Forums "Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes" - kurz der Gauck-Behörde.

Joachim Gauck, 68, im Innenhof des Bendlerblocks in Berlin, wo 1944 Graf von Stauffenberg und drei weitere Offiziere hingerichtet wurden. Im Gebäude links sind die Räume des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie", dessen Vorsitzender Gauck ist© Jens Küsters
Das Interesse ging schon zurück, aber ich hatte nicht das Gefühl, plötzlich draußen zu sein. Nur: Ich habe kein politisches Amt angeboten bekommen. Als Parteiloser war ich möglicherweise für die verschiedenen Lager nicht so verwendbar.
Dort waren Strukturveränderungen erforderlich, und ich war der Ansicht, das müsste jemand mit politischer Hausmacht anfassen. Vielleicht habe ich gedacht, dass mir doch noch etwas in der ausübenden Politik angeboten wird. Von heute aus gesehen, hätte ich es machen können.
Nein, Rollenunsicherheit. Ich musste neu lernen, war plötzlich Lehrling. Dazu kam, dass es eine Gesprächssendung sein sollte - zwei nicht ganz Dumme sollten sich unterhalten. Wie ein langes Stück in der "Zeit".
So kam es. Dann leiden Medienleute. Das wollte ich nicht. Ich hatte einen Vertrag für 20 Sendungen. Die habe ich gemacht und rechtzeitig bekannt gegeben, dass ich mich dann verabschiede.
Vor allem im Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Seit 2003 bin ich Vorsitzender - ein Ehrenamt. Wir haben regionale Arbeitsgruppen und machen Veranstaltungen vorrangig über die Folgen von Diktatur.
Ja. Bei Wessis gibt es oft eine Betroffenheit, wenn sie zum ersten Mal intensiver hören, wie alltäglicher Anpassungsdruck in der Diktatur funktioniert. Viele Ossis haben die Neigung, mehr an die angenehmen Seiten zu denken, an Erinnerungen, die nicht wehtun. Aber was ich erzähle, tut weh. Das Fehlen von Freiheit, das Verlieren von Selbstachtung. Das geht tiefer. Dann kommt Wut hoch, Scham oder Trauer.
Wir wissen heute sehr viel über die Wirkungsweise der Stasi, ihre Unrechtmäßigkeit. Aber ich habe früh davor gewarnt, die Aufarbeitung der DDR-Geschichte auf das Thema Stasi zu reduzieren. Das hat nun dazu geführt, dass die Kommandogeber, die Parteibonzen, vergleichsweise komfortabel durchgekommen sind. Die müssten uns doch jeden Tag dankbar dafür sein, wie sanft sie gelandet sind.
Das ist die zweite Aufführung eines bekannten Stücks. Erfreulich ist das nicht.
Ich kann mein Leben in der DDR nicht einfach verwerfen. Ich war in Rostock Pastor - und nicht in Lübeck. Das macht einen Unterschied.
Ich lese viel, meist historische Stoffe, Biografien. Und ich höre gern Musik, klassische. Gelegentlich fällt mich Rührung an bei bestimmten Ost-Bands. Wir hörten "Über sieben Brücken musst du gehn", und wir wussten, es geht um die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Überhaupt diese Sehnsucht damals ...
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2008
Zur Person Joachim Gauck, 1940 in Rostock als Sohn eines Kapitäns geboren, wollte Journalist werden. Für Germanistik bekam er allerdings keinen Studienplatz - so wich er auf Theologie aus. Neben seiner Arbeit als Pfarrer leitete er ab 1982 die Kirchentagsarbeit in Mecklenburg; ab Herbst 1989 gingen von seinen Gottesdiensten Massendemonstrationen in Rostock aus. Am 3. Oktober 1990 wurde Gauck mit der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen beauftragt. Er hat vier erwachsene Kinder und lebt in Berlin.