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1. Oktober 2010, 16:29 Uhr

Der Sex-Arbeiter

Er war mehr als ein Publizist und Filmer. Er war Deutschlands größter Aufklärer und holte die Republik aus der Prüderie. Ein Nachruf auf Oswalt Kolle.

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Entdeckte noch in hohem Alter Wunder: Oswalt Kolle© Picture-Alliance

In hohem Alter hatte Oswalt Kolle, einst Deutschlands größter Sexual-Aufklärer, eine ganz neue Erfahrung gemacht. Wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag gestand er in seiner holländischen Wahlheimat: "Ich habe eine neue Liebe gefunden, es ist wie ein Wunder". Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau erlebte er 2003 mit einer neuen Partnerin, was er selbst geschrieben hatte: "Liebe altert nicht." Bis zu seinem eigenen Tod blieb die Niederländerin Jose del Ferro bei ihm. Und Kolle sprach und schrieb weiter unentwegt über das Thema Nummer eins in allen Lebenslagen.

Kolle wurde am 2. Oktober 1928 in Kiel als Sohn eines Psychiaters geboren und machte zunächst eine Ausbildung in der Landwirtschaft, bevor er seit Anfang der 1950er Jahre als Zeitungs- und Zeitschriftenjournalist in Hamburg, Berlin und Frankfurt am Main Hamburg arbeitete. Zur Ikone der sexuellen Revolution wurde er ab 1960 durch eine Reihe von Aufklärungsserien für die Illustrierten "Quick" und "Neue Revue", die er als freiberuflicher Autor verfasste.

Viele Gegner - viele Zuschauer

So wurde Kolle zum großen Aufklärer einer prüden Gesellschaft. Als das Geschehen in Schlafzimmern und unter Bettdecken öffentlich noch tabu war, nannte der Journalist in Zeitschriftenserien, Büchern und Filmen die Dinge beim Namen. "Alle Liebe dieser Welt", "Geheimnis der Liebe", "Sexualität 70" lauten Veröffentlichungen von damals, die ein enormes Echo fanden. Besonders bekannt wurde Kolle mit den ersten großen Aufklärungsbüchern "Dein Kind, das unbekannte Wesen", "Deine Frau, das unbekannte Wesen" und "Dein Mann, das unbekannte Wesen" sowie den danach entstandenen Filmen.

Das Echo war zwiespältig. Seine Publikationen wurden in 17 Sprachen - auch Chinesisch - übersetzt und erreichten spektakuläre Auflagen. 140 Millionen Menschen sollen weltweit seine Filme gesehen haben. Und das, obwohl in Deutschland amtliche Stellen ihn fast als Sittenverderber sahen und seinen Publikationen den Weg zum Bürger verbauen wollten. Die sexuelle Revolution konnte auch dadurch nicht aufgehalten werden.

"Die Schwierigkeiten saßen tief"

Jahrzehnte später sah Kolle seinen Erfolg von damals eher abgeklärt. "Ich weiß, dass die Schwierigkeiten tief saßen. Man musste dicke Bretter bohren", fasste der Einzelkämpfer zu seinem 75. Geburstag die heute kaum noch nachvollziehbare Unwissenheit von damals zusammen. Er traf "den Lebensnerv der Zeit", wie ein Beobachter später schrieb. Aber nicht alle Leser und Zuschauer seiner Beiträge waren davon erbaut. Kolle hatte Gegner in allen Lagern.

"Ich habe mir nie große Illusionen gemacht, ganz anders etwa als die oft zitierten 68er", schilderte er in seiner Wohnung im vornehmen Amsterdamer Süden seine damalige Einstellung. "Gewiss, die Gesellschaft ist in Sachen Sex toleranter geworden. Sie weiß auch mehr über Sex", meinte er. "Aber es gibt immer wieder Rückfälle."

"Alte Böcke"

Als Beispiel führte er "ignorante Frauen" an, die sich öffentlich etwa über das Potenzmittel Viagra ereiferten. Es seien vor allem Frauen, die keine Ahnung von Sex hätten und ihre eigene Sexualität nicht kennen, die sich hervortun, meinte Kolle. Mit Attacken auf "die alten Böcke" predigten sie, dass sich ältere Männer eben damit abfinden sollten, wenn nicht mehr alles so ablaufe wie in jungen Jahren. Kolle stellt ihnen seine Devise entgegen "Erfüllte Sexualität, ein Leben lang". In Beiträgen für medizinische und unterhaltende Zeitschriften sowie in Vorträgen brachte der aus Kiel stammende Sohn eines Psychiatrie-Professors seine Botschaft auch in fortgeschrittenem Alter noch immer unermüdlich unters Volk.

Diese Mission müssen jetzt andere übernehmen. Oswalt Kolle starb am 24. September im Alter von 81 Jahren.

DPA/ben
 
 
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